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Ex-Rapid-Trainer Djuricin:
„Ich ging durch die Hölle“

Sport - Ex-Rapid-Trainer Djuricin:
„Ich ging durch die Hölle“ © Bild: Ricardo Herrgott

Düstere Wolken über Hütteldorf, Rekordmeister Rapid Wien spielt gegen den Abstieg – doch das eigentliche Match läuft im Hintergrund: Es geht um Macht, Eitelkeiten und Abhängigkeiten. Und kaum wer weiß das besser als Ex-Trainer Goran Djuricin, der erzählt, wie sein Job zum Albtraum wurde.

Hans Krankl, der pathosschwere Jahrhundert-Rapidler, spricht vom „größten Scheitern in der 120-jährigen Vereinsgeschichte“. Kabarettist Florian Scheuba, Mitglied des Rapid-Kuratoriums, blickt ernüchtert auf eine „Seuchensaison“ zurück. Josef Hickersberger, einst Meistertrainer bei den Grün-Weißen, sagt: „Rapid in dieser Verfassung im Stadion zu sehen, würde weh tun, da schaue ich mir lieber Barcelona im Fernsehen an.“ Und selbst Polit-Pointenschleuderer und Rapid-Kurator Peter Pilz, im Herzen noch immer ein Erzgrüner, hält den Ball derzeit ungewohnt flach: „Wir sind jetzt in der beneidenswerten Situation, dass es nur noch besser werden kann.“

Religion sucht Gott

Wenn, wie die Fans behaupten, Rapid eine Religion ist, dann ist Gott derzeit tot: Statt um den Meistertitel mitzuspielen, ist der 32-fache Champion mit seinen 16.000 zahlenden Mitgliedern, seinem Budget von 42 Millionen Euro und der neuen 28.000-Plätze-Arena nach dem Grunddurchgang der heimischen Liga in der sogenannten „Qualifikationsrunde“ gestrandet: Der Stolz von Hütteldorf matcht sich ab sofort also mit Dreamteams wie Cashpoint Altach oder Bauwelt Mattersburg um den Verbleib in der obersten Spielklasse, Abstieg unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Aber warum dieses Debakel? Der heilige Rasen von Sankt Hanappi, er wurde immer mehr zur Spielwiese der Macht, der Eitelkeiten und der Abhängigkeiten, so überlaufen, dass für den Sport kaum noch Platz war. Präsidium, Kuratorium, Beirat, Ultras und die Vereinslegenden: Umfeld überschattet Spielfeld – das ist die Geschichte von der Krise eines Kultklubs, in deren Mittelpunkt in den letzten Jahren Goran Djuricin stand. Der 44-jährige Wiener mit serbokroatischen Wurzeln wurde im September des Vorjahres nach einem Jahr, fünf Monaten und 20 Tagen als Trainer gefeuert. „Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt er über seine Karriere unter Österreichs verdüstertem Fußballhimmel.

Zu seinem Dienstantritt war Duricin bereits der vierte Coach, der bei Rapid innerhalb nur eines Jahres (!) das Sagen hatte. Aber hatten er und seine Kollegen wirklich das Sagen? Zunächst war da Zoran Barišić, der beim Präsidium überraschend in Ungnade gefallen war, nun allerdings nach Stationen in der Türkei und Slowenien vor einem Comeback als Sportdirektor stehen soll. Dann kam Mike Büskens, der derzeit immerhin Co-Trainer bei Schalke 04 ist, aber in der Austro-Liga rasch aussortiert wurde. Nach ihm werkte Damir Canadi, er wurde nach fünf Monaten gegangen, nun rockt er mit dem Überraschungsverein Atromitos Athen die griechische Liga. Tja, und dann übernahm Djuricin, der zuvor Canadis Co-Trainer gewesen war – ehe er im Herbst des Vorjahres selbst von Didi Kühbauer abgelöst wurde.

Entspannt im „Plaudertascherl“

Dritte Halbzeit: Goran Djuricin sitzt, dank regelmäßiger Yogaeinheiten im Kreise netter Pensionistinnen endlich entspannt, im Café-Restaurant „Plaudertascherl“, daheim in Kaisermühlen, und erzählt von der rauen Fußballwelt des Wiener Westens. „Der Kopf sagte ,Pass auf!‘, doch der Bauch schlug vor Freude einen Salto“, beschreibt er die Gefühle bei seiner Nominierung. „So eine Chance bekommst du genau einmal im Leben, und ich hatte beruflich so lange kämpfen müssen, dass ich keine Sekunde daran dachte, sie mir entgehen zu lassen.“

Djuricin erzählt davon, wie er sich als Teenager in Kaisermühlen immer wieder aufs Neue beweisen musste. Zinshaus, Zimmer, Küche, Kabinett, die Eltern und sechs Geschwister auf engstem Raum. „Der Fußball hat mich rausgerissen und zugleich bodenständig gemacht, ohne Fußball hatte das Leben für mich keinen Sinn.“ Doch mit 23 war seine Spielerkarriere nach sechs Knieoperationen zu Ende, von sechs Profijahren war er viereinhalb verletzt. Dann seien er und seine Frau plötzlich mit zwei kleinen Kindern und Schulden dagestanden. „Champagnerflaschen in Kartons packen, Hilfsarbeiten in U-Bahn-Stationen, ich war mir nicht zu gut dafür, aber ich habe mich echt geniert.“

Mit 24 begann er dann beim SV Donau, wo sein siebenjähriger Sohn kickte, als Co-Trainer, weil er den Junior besser machen wollte; und mit 32 hatte er schließlich die Trainer-A-Lizenz. Wäre dieser Goran Djuricin nicht Rapid-Trainer geworden, so wäre er heute wohl zumindest ein prototypischer Fan des Arbeitervereins. Tatsächlich aber stand er urplötzlich mitten im Strafraum dessen, was Klubikone Krankl „eine Schlangengrube“ nennt.

Um das zu relativieren, muss man erwähnen, dass der ergraute Goleador oft und gerne gegen seinen Herzensverein grätscht, doch auch im Konter ist man nicht zimperlich: „Einige Wortmeldungen aus dem Eck der Legenden sind entbehrlich“, sagt etwa Kuratoriumsmitglied Florian Scheuba. „Bei ihm schlägt noch immer die massive Kränkung darüber durch, dass der Trainerjob halt einfach nicht seine Lebensbestimmung ist.“ Willkommen in der Innenwelt des SK Rapid!

Heute, sagt Djuricin, könne er aus der nötigen Distanz sagen, dass er Rapid stabilisiert habe. Immerhin wurde er mit seinem Team Dritter in der Meisterschaft, stand im Cupfinale, erreichte die Gruppenphase der Europa League. Zudem gewann er gegen die Austria mit 4:0, blieb zwölf Spiele in Folge ungeschlagen. „Doch das wurde nicht wertgeschätzt. Wäre ein namhafter Kollege Coach gewesen, so hätte man gesagt: ,Da sieht man die Handschrift des Trainers.‘ Doch ich spürte, wie viele Leute mitredeten, dass mir immer irgendwer zuschaute oder zuhörte. Ich hatte das Gefühl: Egal was du machst, es ist schlecht. Haben wir verloren, war ich schuld, haben wir gewonnen, waren es nur die Spieler.“

Im Bett mit den Ultras

Die Mitschuld jener, die aus dem Vip-Club Regie führten, sie wurde kaum thematisiert. Dabei fehle es dem im Herbst scheidenden Präsidenten Michael Krammer, im Echt-Leben ein erfolgreicher Manager und Firmengründer, im Fußball an „Geduld und Weitsicht“. Und das sagt nicht irgendwer, sondern immerhin Josef Hickersberger, der die Rapidler vor 14 Jahren zum Meistertitel und in die Champions League führte. Heute ist er dank seiner „profunden Kenntnisse über den nationalen und internationalen Fußball“ (Vereinshomepage) Teil des sogenannten Rapid-Beirates, um seine Meinung oder Hilfe wurde er, wie er sagt, allerdings noch nicht gefragt. „Früher waren Patriarchen wie Anton Benya oder Rudolf Edlinger Präsidenten, die eine langfristige Philosophie hatten und einem Trainer auch Zeit gaben“, blickt die Cordoba-Legende zurück.

Christoph Peschek wiederum, dem ehemaligen Wiener VP-Gemeinderat und nunmehrigen Rapid-Geschäftsführer Wirtschaft, wird ein zu intimes Verhältnis zu den Ultras nachgesagt, und die wiederum sind dank personeller Stärke und akustischer Wirkungskraft beim Mitgliederverein Rapid ein echter Machtfaktor. „Ich bin nicht wie Peschek jemand, der mit den Ultras im Bett liegt“, sagt der ehemalige Sportdirektor Andreas Müller. Dass aus herausragendem Support der Anspruch abgeleitet werde, in Entscheidungen des Vereins einzugreifen, hält Müller für „fatal“.

Denn auch Djuricin machte bereits am Vorabend seiner Bestellung, als er noch Co-Trainer war, unliebsame Bekanntschaft mit den Hardcore-Fans: „Wir hatten gegen Ried mit 0:3 verloren, auf der Heimfahrt musste der Mannschaftsbus auf Geheiß der Ultras auf einer Autobahnraststätte stehenbleiben – da waren drei bis vier Fanbusse, aus denen 300 Leute stiegen. Auch wir mussten aussteigen und uns eine Predigt anhören. Das war, höflich formuliert, nicht lustig, ich war leicht geschockt.“

Dabei sollte es, ebenfalls höflich formuliert, noch unlustiger werden: Im Spätsommer 2018 forderten die Ultras schriftlich den Djuricin-Rauswurf, und nur ein paar Tage später war er auch schon arbeitslos.

Im Tunnel der Jobangst

„All die Anfeindungen, all die Unzufriedenheit – heute weiß ich, dass ich zu viel Demut gezeigt habe“, sagt Djuricin. Er selbst sei wie in einem Tunnel gewesen, habe immer noch mehr und mehr gearbeitet. „Kaum Rückhalt vom Verein, dazu noch Jobangst, die letzten Monate waren unmenschlich.“ Erst im Nachhinein sei er draufgekommen, wie sehr auch seine Familie gelitten habe, der sei ein Stein vom Herzen gefallen, als er abgelöst wurde.

Rapid Wien, liebevoll „die Rapid“ genannt, muss nun gegen den Abstieg kämpfen. Ein Weg, den deren Ex-Trainer nun ganz allmählich hinter sich hat. „Ich brauchte Monate, um das alles aufzuarbeiten, erst seit drei, vier Wochen bin ich damit richtig durch. Ich habe mir auch professionelle Hilfe geholt, denn wenn man den einsamen Krieger spielt, geht man ein.“

Derzeit pendelt Goran Djuricin noch zwischen Yoga und Pilates (Tiefenentspannung auf der Matte) sowie zwischen Donauinsel und Kahlenberg (Kondi-Training am Fahrrad). „Doch das Absurde ist, dass ich unbedingt als Trainer weiterarbeiten möchte: Ich sehe das als Berufung und Leidenschaft, ich bin ein Menschenfreund und kann Leute motivieren.“ Auch gegen ein Comeback in Hütteldorf hätte er überhaupt nichts einzuwenden. Allerdings nur als Trainer der Auswärtsmannschaft.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 12/2019