Diego, Rehakles und jede Menge Koreaner:
Alle Augen sind auf Argentinien gerichtet

Südkorea will an Erfolge der Heim-WM anschließen Otto Rehhagel erstmals bei einer WM-Endrunde

Diego, Rehakles und jede Menge Koreaner:
Alle Augen sind auf Argentinien gerichtet © Bild: GEPA/Bachun

Wird der vielleicht beste Fußballer aller Zeiten zum WM-Garanten? Diego Armando Maradona wird in seinem Heimatland auf jeden Fall heiß verehrt. Argentinien steht mit Superstar Lionel Messi unter Erfolgszwang. Südkorea träumt von ähnlichen Erfolgen wie bei der Heim-WM 2002. Nigeria macht sich mit dem schwedischen Coach Lars Lagerbäck berechtigte Hoffnungen auf ein Weiterkommen. Und Griechenland hat mit Otto Rehhagel schon einmal den ganz großen Wurf gelandet. Das sind die Nationen der Gruppe B.

Argentinien
Alle vier Jahre das gleiche Bild: Argentinien reist als Mitfavorit zu einer Fußball-WM und schafft es dann doch nicht, den Pokal nach Hause zu bringen. Den bisher letzten Titel gewann der zweifache Champion 1986 dank Diego Maradona, der aber in Südafrika zum entscheidenden Stolperstein werden könnte. Trotz exquisiten Spielermaterials gelang es dem nunmehrigen Teamchef noch nicht, eine schlagkräftige Mannschaft zu formen.

Seit seinem Amtsantritt im Oktober 2008 berief der vielleicht beste Fußballer aller Zeiten weit über 100 Spieler in den Kader, darunter auch solche, die sofort wieder absagten, weil sie etwa einen Tag nach dem Länderspiel mit ihren Clubs in der Copa Libertadores antraten oder einfach nur verletzt waren. Den Überblick zu bewahren fällt Maradona nicht immer leicht, dafür hat er ein gutes Näschen dafür, wie man Schlagzeilen produziert.

Nach der auf den letzten Drücker geschafften WM-Qualifikation sorgte der 49-Jährige für einen Eklat. Sie mögen ihm sein Gemächt ventilieren, richtete Maradona den unliebsamen Vertretern der Journaille nach dem entscheidenden 1:0 in Uruguay im Oktober 2009 aus und handelte sich dafür eine zweimonatige FIFA-Sperre ein.

Nicht nur wegen derartiger Entgleisungen geht in Argentinien die Angst um, dass ausgerechnet der berühmteste Sohn des Landes einem dritten WM-Titel im Wege stehen könnte. Erfahrungen mit verheerenden Trainer-Fehlentscheidungen haben die Südamerikaner schon des öfteren gemacht. So etwa 1998, als Daniel Passarella den damaligen Weltklasse-Kicker Fernando Redondo wegen dessen langer Mähne daheim ließ. Acht Jahre später wurde Jose Pekerman aufgrund der eigenwilligen Auswechslungen im Viertelfinale gegen Deutschland für das Out verantwortlich gemacht.

Lionel Messi musste in diesem Spiel auf der Bank schmoren. Für das Turnier in Südafrika ist der aktuelle Weltfußballer aber gesetzt, selbst wenn seine Leistungen im Team fast nie mit jenen bei Barcelona mithalten. Auch andere Stars wie Carlos Tevez, der mit der jüngeren Maradona-Tochter liierte Sergio Agüero oder Diego Milito konnten ihre Qualität in den Reihen der "Albiceleste" nur selten unter Beweis stellen.

Maradona hat für seine Edel-Kicker noch kein passendes System gefunden - trotz oder vielleicht wegen seines Co-Trainers Carlos Bilardo. Zum Weltmeister-Teamchef von 1986 hat die "Hand Gottes" ein angespanntes Verhältnis.

Nigeria
Anspruch und Wirklichkeit klaffen im bevölkerungsreichsten Land Afrikas deutlich auseinander. Seit sich die nigerianischen "Super Eagles" bei ihrem WM-Debüt 1994 gleich für das Achtelfinale qualifiziert haben, wo sie den Italienern erst in der Verlängerung 1:2 unterlagen, ging es eigentlich nur bergab. Auch 1998 war im Achtelfinale Schluss, 2002 schon in der Gruppenphase, und 2006 verpasste Nigeria sogar die Qualifikation für das Turnier in Deutschland.

Die Pflicht für 2010 haben die Nigerianer souverän absolviert, in der Qualifikation setzten sie sich ohne Probleme durch und besiegten auch Gastgeber Südafrika zweimal. Richten soll es nun beim WM-Turnier der schwedische Coach Lars Lagerbäck, der 23. ausländischen Teamchef seit 1949.

Er wurde erst im Jänner nach dem enttäuschenden Out im Halbfinale des Afrika-Cups für die unmittelbare Vorbereitung auf die WM engagiert und mit einem Fünfmonatsvertrag ausgestattet. Lagerbäck hat mit seinem Heimatland jeweils das Achtelfinale der WM-Endrunden 2002 und 2006 erreicht, bei der EM 2004 zogen die Skandinavier ins Viertelfinale ein.

Nigeria darf sich berechtigte Hoffnungen machen, auch diesmal den Aufstieg aus der Gruppenphase zu schaffen. In der Gruppe B ist Argentinien Favorit, doch dahinter stehen die Eagles, Griechenland und Südkorea auf Augenhöhe. Doch das soll erst der Anfang sein. Der nigerianische Verband hat das hohe Ziel "Halbfinale" ausgerufen. "Das ist sicher möglich. Es gibt so viel Qualität bei uns, jetzt müssen wir nur noch ein Team daraus formen", sagte Lagerbäck.

Der Großteil der Teamspieler der Afrikaner ist bei europäischen Vereinen beschäftigt, auch Salzburg-Verteidiger Rabiu Afolabi steht im vorläufigen WM-Aufgebot. Lagerbäck setzt auf einen ausgewogenen Mix aus Jung und Alt. Neben dem mittlerweile 33-jährigen Altstar Nwankwo Kanu ist der zehn Jahre jüngere Chelsea-Mittelfeldspieler John Obi Mikel der bekannteste Akteur.

Südkorea
Südkorea träumt von der Wiederholung des Husarenstücks aus dem Jahr 2002. Damals drang die Auswahl aus Fernost bei der Endrunde vor eigenem Publikum als erste und bisher einzige asiatische Mannschaft in ein WM-Semifinale vor und erreichte schließlich Platz vier.

Begünstigt wurde der Erfolgslauf, der zu den größten Sensationen der Fußball-Geschichte zählt, durch mehrere Faktoren. Mit dem Niederländer Guus Hiddink wurde einer der profiliertesten Betreuer engagiert, der obendrein monatelang Zeit hatte, seine Schützlinge in zahlreichen Trainingscamps auf das Turnier einzustellen. Bei der Endrunde spielten sich die Südkoreaner, angetrieben von der Begeisterung im eigenen Land, in einen wahren Rausch und warfen auf dem Weg in die Vorschlussrunde Kaliber wie Italien oder Spanien aus dem Bewerb - allerdings auch dank einiger umstrittener Schiedsrichter-Entscheidungen.

Vier Jahre später in Deutschland war bereits nach der Gruppenphase Endstation, und ein ähnliches Schicksal könnte auch in Südafrika drohen. In Gruppe B gilt Argentinien als klarer Favorit, selbst im Kampf um Platz zwei werden Südkorea gegen Nigeria und Griechenland nur Außenseiterchancen eingeräumt.

Ein Turnier-Abschied vor dem Beginn der K.o.-Phase wäre für die Südkoreaner nichts Neues, schließlich widerfuhr ihnen dieses Schicksal in sechs ihrer sieben bisher absolvierten WM-Turnieren. Der bevorstehende achte Endrunden-Start, gleichzeitig der siebente in Folge, bedeutet Rekord für ein asiatisches Land, die Freude darüber wurde aber im vergangenen Februar getrübt.

Platz zwei bei der Ostasien-Meisterschaft vier Monate vor dem WM-Auftakt und vor allem die 0:3-Schlappe gegen den Titelgewinner China sorgten für Verunsicherung. Teamchef Huh Jung-Moo, der Ende 2007 zum zweiten Mal das Amt übernommen hatte, musste sich sogar öffentlich entschuldigen.

Über jeden Zweifel erhaben sind hingegen die Auslands-Profis wie Park Chu-Young (AS Monaco) oder Lee Chung-Yong (Bolton Wanderers), vor allem aber Park Ji-Sung. Der Flügelspieler ist seit 2005 bei Manchester United engagiert, gewann seither mit den "Red Devils" drei Meistertitel, drei Liga-Cup-Titel sowie je einmal die Champions League und die Club-WM und avancierte dadurch zum Nationalhelden.

Griechenland
Bei der erst zweiten WM-Teilnahme nach 1994 überhaupt wird das Erreichen des Achtelfinales für den Europameister von 2004 ein schwieriges Unterfangen. Möglich ist es aber, sofern es der Mannschaft des 71-jährigen Trainer-Urgesteins Otto Rehhagel gelingt, das Gespenst von der misslungenen EURO 2008 in Österreich abzuschütteln. Der Deutsche ist erstmals in seiner Karriere bei einer WM-Endrunde als Coach mit dabei.

Erst im Play-off schafften die Griechen den Sprung nach Südafrika. Nach dem zweiten Platz in der WM-Qualifikationsgruppe 2 hinter der Schweiz musste noch die Ukraine aus dem Weg geräumt werden, was nach einem torlosen Remis vor Heimpublikum dank eines 1:0-Sieges in Donezk gelang. Und zugleich war es die Revanche dafür, dass die Ukraine das Rehhagel-Team im Rennen um die Teilnahme an der WM 2006 ausgebremst hatte.

Der 4. Juli 2004, als die Griechen in Lissabon dank eines 1:0-Finalsieg (Treffer von Angelos Charisteas) über Gastgeber Portugal Europameister wurden und die wohl größte Überraschung der Fußball-Geschichte schafften, liegt lange zurück. Nachdem die Qualifikation für die WM in Deutschland verpasst worden war, stürzte Griechenland bei der EURO 2008 mit drei Niederlagen gegen Spanien, Russland und Schweden hoffnungslos ab und wurden nur 16. und Letzter.

Begleitet wurde der sportliche Absturz mit Kritik an der extremen Defensiv-Taktik von Otto Rehhagel. 2004 war der Deutsche noch zum "Rehakles" geadelten und als erster Ausländer als "Grieche des Jahres" ausgezeichnet worden.

Dennoch scheint seine Zukunft klar, zumindest wenn es nach dem griechischen Fußballverband geht, der eine Vertragsverlängerung mit dem seit August 2001 amtierenden Teamchef anstrebt. Ans Aufhören denkt Rehhagel jedenfalls nicht. "Ich bin mit dem Fußball geboren, und ich will mit dem Fußball sterben", hatte der Kulttrainer im März in einem Interview gesagt.

Stars im aktuellen "Team Hellas" sind Georgios Karagounis (Panathinaikos), Sotiris Kyrgiakos (Liverpool) und Hertha-BSC-Spieler Theofanis Gekas, der mit zehn Treffern Top-Torjäger in der Europa-Ausscheidung gewesen war. Bleibt zu hoffen, dass er den Abstieg seines Clubs in der deutschen Bundesliga gut verkraftet hat. Stürmer Ioannis Amanatidis (Eintracht Frankfurt) hat Rehhagel wegen fehlender Spielpraxis nach einer Knieoperation im November 2009 abgesagt.

(apa/red)