Opernkritik von

Krapfen für die Karpfen am österreichischen Mittagstisch

Opernkritik - Krapfen für die Karpfen am österreichischen Mittagstisch © Bild: Michael Poehn

Die Uraufführung der Oper "Die Weiden" von Johannes Maria Staud und Durs Grünbein an der Wiener Staatsoper

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Drei Jahre ist her, dass die Wiener Staatsoper den österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud mit der Komposition einer großen Oper beauftragt hat. Am 8. Dezember kam „Die Weiden“ zu Uraufführung. Das Libretto hat der deutsche Lyriker Durs Grünbein verfasst. Das Ergebnis ist ein politisches Schauspiel mit Gesang – und überwältigenden, eindringlichen, klangmalerischen Passagen.

Die Story ist geradlinig und unkompliziert konstruiert. Lea (Rachel Frenkel), Tochter jüdischer Emigranten in New York, und Peter (Tomasz Konieczny), Sohn eines Ehepaars aus der dörflichen Provinz eines Landes an einem Fluss namens Dorma, treten auf diesem Gewässer ihre Reise im Kanu an. Zuvor wurde Lea von ihren Eltern vor dieser Reise gewarnt. Denn von dort wurden ihre Vorfahren vor gar nicht allzu langer Zeit vertrieben oder gar mit dem Schlimmsten bedroht. Peter stammt aus diesem Land, das unschwer als Österreich zu erkennen ist. Der Fluss ist die Donau.

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Die Idylle, die das junge Paar zu Beginn der Reise erlebt, wandelt sich immer mehr zum Grauen. Nicht genug damit, dass der Fluss seine Farbe wechselt, zum braunen, sumpfigen Strom anschwillt und alles überflutet, wandeln sich die Dorfbewohner, die einem populistischen Demagogen folgen, in Karpfen.

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Regisseurin Andrea Moses geht wie Librettist Grünbein in seinem Libretto kein Risiko ein. Die Botschaft, Achtung vor Rechtspopulisten! – soll unmissverständlich auch bei Dummies ankommen. Eine Kombination mehrerer Drehbühnen (Jan Pappelbaum) und Videoprojektionen (Arian Andiel), Landschaften und Fotos jüdischer Emigranten zeigen an, worum es gerade geht. Ein siebenarmiger Leuchter im New Yorker Wohnzimmer von Leas Eltern, eine dunkle Landschaft, Zelt, Kanu, Reste einer zerstörten Yacht, ein Dorfplatz , ein Chor in Dirndln, Lederhosen und mit Karpfenköpfen, der einem Demagogen lauscht, bebildern Durs Grünbeins Text, der, wie die Regie auf Klischees setzt.

Als Lea und Peter zum Hochzeitsfest von Edgar, eines jungen, geschäftstreibenden Dörflers, mit der Ausländerin Kitty geraten, dürfen auch Burschenschaftler nicht fehlen, die eine Rangelei beginnen, sobald Richard Wagners „Meistersinger“ zitiert werden. Im Zentrum des Fests steht der Komponist Krachmeyer (Udo Samel). Während er vom „Erhabenen“ spricht, erklingen Zitate aus Wagners „Tristan und Isolde“ und ein paar Takte der Wesendonck-Lieder.

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Gemeinsam mit dem Hochzeitspaar setzten Lea und Peter ihre Flussreise fort. Lea interessiert sich nicht für das Getändel der anderen, sie unternimmt eine Forschungsreise durch die Auen, begegnet einer Wasserleiche (Selina Ströbele), die von Selbstmord und Rassenschande singt, ein Oberföster erschießt einen Flüchtling, der Fluss schwillt an. Kitty und Edgar gehen irgendwann einmal verloren. Lea will zurück an den Anfang, doch Peter treibt sie voran. Zu Hause warten die Eltern. Spätestens dann ist man bei Thomas Bernhard angelangt. Am österreichischen Mittagstisch werden keine Brandteigkrapfen, sondern überdimensionale Krapfen mit Strudel und Mehlspeisen aller Arten serviert. Zum Dessert gibt’s Waffen. Die Familie wandelt sich während des Mahls zu Karpfen. Nur Lea bleibt, was sie ist: ein Mensch. Während die Wasser steigen, versammelt man sich auf dem Dorfplatz. Am Ende tritt ein Chor auf, der Opfer der Shoah symbolisiert. Lea hat gelernt, was ihren Vorfahren widerfahren ist.

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Und der Gesang? Rachel Frankel, die als indisponiert angesagt wurde, bewältigt mit ihrer klaren Stimme die Rolle der Lea eindrucksvoll. Tomasz Konieczny beeindruckt in der fordernden Partie des Peter. Thomas Ebenstein (Edgar), Andrea Carroll (Kitty), Herbert Lippert und Monika Bohinec (Leas Eltern), Alxeandru Moisiuc und Donna Ellen (Peters Eltern), Katarina Galka und Jeni Houser (Peters Schwestern) und Wolfgang Bankl formieren ein solides Ensemble. Udo Samel gibt dem Komponisten Krachmeyer mit Dämonie. Sylvie Rohrer ergänzt als Reporterin.

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Ingo Metzmacher führt das Staatsopernorchester versiert durch Stauds vielschichtige Partitur. Live-Elektronik (akkurat das SWR-Experimentalstudio) und (Wasser-)Geräusche sind mit wunderbaren Streicherpassagen verwoben. Klezmer-Passagen, Songs von Kurt Weill Popsongs werden zitiert, ein Anklang von Big-Band-Sound wird paraphrasiert. Herausragend intoniert das Orchester die Zitate von Richard Wagner und lässt Stauds Zwischenspiele als malerisches Klangtheater hörbar werden.

In den Applaus und die Bravos mischten sich nur wenige Buhrufe.