"Die Verträge ließen Flöttl jede Freiheit":
Gutachter Kleiner belastet Bank-Vorstand

Flöttl verfügte über freie Hand bei der Veranlagung Keine Anzeichen auf Missbrauch seitens des Bankers

"Die Verträge ließen Flöttl jede Freiheit":
Gutachter Kleiner belastet Bank-Vorstand © Bild: APA/Graf

Der Sachverständige Fritz Kleiner hat angeklagten früheren BAWAG-Vorstand schwer belastet. Der Verlust durch die Sondergeschäfte der Bank mit Wolfgang Flöttl sei durch Kreditvergaben ohne Sicherheiten verursacht worden, mehrere Vorschriften des Bankwesengesetzes (Paragraphen 27, 39 und 42 BWG) seien "gröblichst verletzt" worden, sagte der Gutachter vor Gericht. Kleiner erteilte auch Flöttl einige Rügen: Er warf ihm eine "extrem hohe Risikostrategie" vor, außerdem habe er offenbar bei seinen Investments den Überblick verloren. Er habe aber keinen Anhaltspunkt gefunden, dass Flöttl das Kapital der Bank missbräuchlich verwendet habe.

Beim Angeklagten Flöttl sei keine Veranlagungsstrategie zu erkennen, "es wurden ihm aber auch keine Limits gesetzt", so der Gutachter am heutigen 57. Verhandlungstag. Flöttl habe stur zwei Jahre lang auf einen fallenden Yen gewettet, die BAWAG habe die daraus resultierenden Verluste in Höhe von insgesamt 1,45 Mrd. Euro getragen. Kleiner war am 1. Oktober mit einem Gutachten zu den Sondergeschäften der BAWAG und der Handelstätigkeit Flöttls beauftragt worden. Flöttl ist wegen Beitrags zur Untreue durch die BAWAG-Verantwortlichen angeklagt.

Den ersten großen Totalverlust des Investmentbankers Flöttl mit den BAWAG-Geldern im Herbst 1998 kann sich auch der Sachverständige nicht erklären. "Wie kann das denn sein, dass in zehn Tagen über 700 Mio. Dollar den Bach hinuntergehen? Ich kann's auch jetzt nicht sagen, wie das passiert ist. Auch Arthur Andersen kann's nicht sagen". Von den damals in zehn Tagen verlorenen über 700 Mio. Dollar kamen 639 Mio. Dollar von der BAWAG. Er vermute, dass der große Verlust etwas mit der hohen Fremdfinanzierung von Flöttls Spekulationen zusammenhänge. Flöttl selber sage, dass eine "außerordentliche Volatilität in den ersten zehn Oktobertagen" 1998 zu diesen Verlusten geführt habe.

Scharfe Kritik an Arthur Andersen
Scharfe Kritik übte der Gutachter an den Verlustbestätigungen von Arthur Andersen: "Die Plausibilität der Verlust-Audits ist nicht gegeben". Andersen sei auch Prüfer von Flöttls Firma Ross Capital Markets gewesen. Unklar bleibe, wieso die BAWAG diese Doppelrolle Andersens akzeptieren konnte. Im Audit fehle ein Vermögens-Anfangs- und -Endbestand, kritisierte Kleiner. Das ehemals angesehene Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen, das 2002 im Zuge des Enron-Skandals wegen Behinderung der Justiz verurteilt und in weiterer Folge zerschlagen wurde, hatte 1998 und 2000 für die BAWAG Verlust-Audits über die von Flöttl verursachten Verluste erstellt.

Wenig schmeichelnde Worte fand der Gutachter für die Handelstätigkeit Flöttls: Dieser habe seine "extrem hohe Risikostrategie", auf einen fallenden Yen bzw. steigenden Dollar zu setzen, zwei Jahre lang unbeeinflussbar stur durchgezogen. "Ich bezeichne diese Situation als casino-artig", sagte Kleiner, "eine Bank hat aber im Casino nichts verloren". Bei der Untersuchung des Handelsverhalten Flöttls habe er "keinen Anhaltspunkt" gefunden, dass Flöttl das eingesetzte Kapital missbräuchlich verwendet habe. Die in Stichproben nachgerechneten Transaktionen seien korrekt abgerechnet worden. Allerdings sei für ihn das Handelsverhalten Flöttls "nicht nachvollziehbar". Er warf Flöttl vor, den Überblick über die eingesetzten Finanzinstrumente und die eingegangenen Risken verloren zu haben.

Zum Handelsverhalten Flöttls liege keine Buchhaltung vor, stellte Kleiner fest. Flöttl habe mit Schuldverschreibungen, Zinsswaps u.a. gehandelt. Die "größten Verlusterzeuger" waren laut dem Gutachter Devisenhandelsoptionen, Kassa- und Termingeschäfte. "Flöttl hat seit 1998 darauf gesetzt, dass der Yen fällt und der Dollar steigt, er hat diese Meinung auf Kosten der BAWAG durchgesetzt". Die Sondergeschäfte ab 1998 dienten ausschließlich dem Versuch, die Verluste von rund 639 Mio. Dollar zurückzuverdienen. Der Aufsichtsrat der BAWAG sei über die von vornherein geplanten Risiken nicht informiert gewesen.

(apa/red)