Wiener Festwochen von

Ein Missverständnis politischer Korrektheit

Johan Simons inszeniert Jean Genets antirassistisches Stück „Die Neger“

Die Neger © Bild: APA/Pfarrhofer

Wochen vor der Premiere sorgte die Aufführung von Jean Genets antirassistischem Stück „Die Neger“ für Aufregung. Debattiert wurde gar die Absetzung des Werks mit einem heute der Political Correctness widersprechenden Titel. Proteste wurden erwartet. Die blieben bei der Premiere aus, wären aber durchaus angebracht gewesen. Doch nicht aus politischer Korrektheit, sondern eher von Kennern Genets.

Keine Spur von der Genialität, der Radikalität eines Autors, der sich im Teenageralter als homosexueller Stricher verdingte, wegen mehrerer Diebstähle Haftstrafen abbüßen musste und von namhaften Kollegen wie Jean Paul Sartre und Jean Cocteau von der Justiz freigebeten wurde.

Johan Simons zeigte das vom Autor als „Clownerie“ titulierte Stück als 110 Minuten währenden öden Mummenschanz.
Hinter schwarzen und weißen Ganzgesichtsbedeckungen aus Pappmache agiert ein Ensemble weißer Schauspieler aus den Koproduktionshäusern in München und Hamburg. Kein Gesichtszug, keine Miene ist zu erkennen, der Text Genets verblasst zum Gelaber. Keine Spur davon, dass es hier um einen Mord mit Vergewaltigung geht, der vor einem Gericht vorgeführt werden soll. Als Corpus Delicti ist der Wachs-Körper einer nackten Frau in Rückenansicht auf einem Podest zu sehen. Der zerschmolz während der Aufführung.

Die tragende Rolle des Spielmachers Archibald überträgt Simons zwei Darstellern, dem Schwarzen Felix Burleson und dem dunkelhäutig geschminkten Stefan Hunstein. Wenn man aber wie Simons aus lauterer Absicht, aus politischer Korrektheit die weißen Schauspieler hinter Masken versteckt, um das Schandrelikt amerikanischen Rassismus’ des „Blackfacing“ zu umgehen, weshalb ist dann ausgerechnet der wirkliche Drahtzieher ein wirklicher Schwarzer und weshalb muss sich ausgerechnet der mit einem schwarz geschminkten Weißen diese Rolle teilen? Und weshalb spricht dieser auch noch seinen Text? Ist das noch politisch korrekt?

Am Ende steht bei Genets Regieanweisung das Menuett aus Mozarts „Don Giovanni“, quasi eine Einleitung des Unheilvollen, der Vergewaltigung der Bäuerin Zerlina, an deren Hochzeitstag. Bei Simons steht am Ende Archibald, der Spielmacher, ratlos am Bühnenrand. Ratlosigkeit dominiert auch die Aufführung, was wurde gezeigt, was wollte man sagen, was erzählen?
Peter Stein hatte das Werk übersetzt und vom Autor die Erlaubnis erwirkt, es mit weißen Schauspielern aufzuführen. Seine Inszenierung anno 1983 mit Jutta Lampe und Peter Simonischek ist bis heute legendär.

Möglich, dass hier die lautere Absicht, politisch korrekt zu sein, niemanden zu verletzen, die Regie in die totale Verwirrung getrieben hat.
„Ein Stück von Schwarzen gegen Weiße“ hatte Genet das Stück einmal genannt, das er 1958 als Kommentar zu den antikolonialen Befreiungskriegen schrieb, und das für schwarze Darsteller. Eine Groteske die mit Klischees spielt, die Weiße Schwarzen andichten.
Der Text ist scharf, schmerzt. Bei Simons aber schmerzt die Vernichtung des Texts.

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