Im Gespräch von

Die letzte Millionärin

Elisabeth T. Spira spricht mit News über ihre eigenen Liebes- und Heiratsg'schichtn

Im Gespräch - Die letzte Millionärin © Bild: News Vukovits Martin Auftrag

Ein Charakterkopf wie mit der Gartenkralle durchpflügt, eine Stimme wie ein Reibeisen - und ein treues Millionenpublikum: Mit ihren 74 Jahren ist Elizabeth T. Spira die letzte Quotenqueen des ORF. Dabei verbergen sich hinter dem Erfolg ihrer "Liebesg'schichten" die Erfahrungen einer düsteren Kindheit.

Tiefdunkles Timbre trifft auf tiefschürfende Worte: "Das Normale", erklärt Elizabeth T. Spira, "ist für mich abnormal und exotisch." Deswegen befragt sie ihre Kandidatinnen und Kandidaten auch so eindringlich, dass man erfährt, wie sie wirklich ticken. Doch wie sie selber tickt, darüber gibt sie - weil begnadete Voyeure nur in den seltensten Fällen auch Exhibitionisten sind -nur äußerst ungern Auskunft. Nein, sagt sie, als Gast der Sendung wäre sie wohl gänzlich ungeeignet.

»Wir haben aus rein pragmatischen Gründen geheiratet, denn nur so war es möglich, ein Kind zu adoptieren«

Dabei wäre da zum Beispiel ihre eigene Liebesg'schicht: Kennengelernt hat sie ihren Hermann über eine Freundin, die für den aus Kärnten stammenden Schauspieler kurzfristig eine Bleibe in Wien suchte. Spira sprang als Quartiergeberin ein, nun sei man seit gut vier Jahrzehnten miteinander glücklich. Punkt. So weit das Normale. Und nun zum Außergewöhnlichen oder, um mit Spira zu sprechen, dem Abnormalen hinter der Normalität -zu ihrer eigenen Heiratssache: Wie lange sie nun schon verehelicht sei, das wisse sie beim besten Willen nicht. Ja, wo gibt's denn so was? Der Ring, den sie trägt, hat zwar eine Datumsgravur, ist aber kein Ehering, sondern nur ein Exponat aus irgendeinem Antiquariat. "Wir haben aus rein pragmatischen Gründen geheiratet, denn nur so war es möglich, ein Kind zu adoptieren."

© News Vukovits Martin Auftrag / Repro

Intimität statt Eitelkeit

Mittlerweile ist Spiras Adoptivtochter Hannah selbst dreifache Mutter. Und Spira persönlich, die ist mit ihren 74 Jahren die Urmutter aller öffentlich-rechtlichen Quotenköniginnen -und zugleich Letzte ihrer Spezies. Bereits zum 21. Mal geht sie heuer mit ihrem Partnersuche-Format "Liebesg'schichten und Heiratssachen" auf Sendung, auch heuer wird sie trotz hochsommerlicher Temperaturen Montag für Montag knapp eine Million Zuseher fesseln. So viele, wie sonst nur noch ein paar handverlesene Skirennen und Fußballspiele. Aber wie macht sie das bloß, die Spira?

© Privat/Repro Vukovits

"Die Eitelkeit, als Moderator selbst im Mittelpunkt zu stehen, hatte ich eigentlich nie", sagt sie. "Und es ist günstig, dass man mich nicht im Bild sieht." Deshalb finde sie auch mit einem Kameramann das Auslangen, zudem müsse sie selbst nicht telegen herausgeputzt sein. "Dadurch entsteht eine Intimität, es ist fast so, als würden sich zwei Privatleute miteinander unterhalten." Natürlich sei da auch noch ihre Reibeisenstimme, die über die Jahrzehnte zu einer Art Markenzeichen geworden ist. "Aber die ist mir eher passiert, durch zwei bis drei Tschickpackerln pro Tag." Mit Anfang sechzig habe sie zwar zu qualmen aufgehört, doch die Tonlage ist ihr geblieben. Ebenso wie deren Nebenwirkungen, heute muss sich Spira mit der leichten Ausprägung eines chronischen Lungenleidens herumschlagen.

Der zuckersüße Horror

Der Marzipanschriftzug auf Tortenhintergrund, der vor jedem Beitrag den Vornamen des Kandidaten ausweist; die Zwischensequenzen, in denen Gott Amor in Form eines knallroten Plastikengerls über den Bildschirm schwebt; dazu noch ein penetrant schmatzendes Kussgeräusch aus dem Off -die Sendungsmacherin setzt Kitsch ganz konsequent als Kontrapunkt zur ewigen Volkskrankheit Einsamkeit, die laut Spira trotz Parship, Facebook und Tinder nichts an Intensität verloren hat. Der ganz alltägliche Abgrund gewissermaßen, gesüßt bis zur Hauptabendtauglichkeit. Und das scheint sogar noch untertrieben:

Eine Kommunikationswissenschaftlerin kam in ihrer Abschlussarbeit doch tatsächlich zu dem Schluss, dass die "Liebesg'schichten" dieselbe "Zuwendungsintensität durch die Rezipienten finden wie etwa Horror-und Gruselfilme", denn: "In beiden Fällen geht es darum, Angst zu domestizieren. Während Horrorfilme auf die Konfrontation mit dem Schrecklichen setzen, um ihm die Spitze des Unaussprechlichen zu nehmen, bietet der Kitsch eine Abkürzung, die ohne Umwege in die Utopie einer angstfreien Zone führt."

Ohne Umwege? Spira fragt, Spira bohrt -und wir sind geschockt, gerührt, ergriffen. Vom Abnormalen, das sie hinter der trügerischen Normalität hervorkitzelt: Eine etwa 50-jährige Dame im Gemeindebau, die drei Katzen hat -und fünf Urnen mit der Asche ihrer toten Katzen. Fühlen wir mit ihr, fühlen wir uns abgestoßen? Wohl beides.

© News Vukovits Martin Auftrag

Ein Ingenieur jenseits der 80, ein intelligenter, sensibler Mann, der auf seinen Jugendfotos hervorragend aussieht - aber noch nie in seinem ganzen langen Leben in die Nähe einer Frau gekommen ist, der noch niemals Sex hatte, auch nicht mit einem Mann. Was für ein Gegensatz! "Ich weiß, dass das Äußere nicht dem Inneren entspricht", sagt Spira. "Deswegen versuche ich, am Inneren ein wenig zu kratzen." Und das kann schon auch schmerzen.

»Man kann sich nicht nur den Honig vom Brot schlecken, wer zu mir in die Sendung will, muss eine Geschichte haben. Schließlich betreibe sie ja kein Heiratsinstitut.«

Eine von Spiras ehemaligen Kandidatinnen, von Beruf Psychotherapeutin und als solche auf das Beziehungsgeflecht zwischen Innen-und Außenwelt ja durchaus spezialisiert, schreibt etwa in einem Internet-Blog: "Frau Spira interviewte mich. Doch ihre bohrenden Fragen brachten mich den Tränen nahe. Ich wich lautstark aus, und so musste die Aufnahme einige Male wiederholt werden." - "Man kann sich nicht nur den Honig vom Brot schlecken, wer zu mir in die Sendung will, muss eine Geschichte haben", postuliert Spira. Schließlich betreibe sie ja kein Heiratsinstitut.

Nein, diese Elizabeth Toni Spira (ihr zweiter Vorname war der Deckname ihres Vaters im Widerstand gegen die Nazis) sieht sich ganz und gar nicht als die "Kupplerin der Nation", als die sie immer wieder etikettiert wird -sondern eher als leidenschaftliche Provokateurin, geprägt von einer Gesellschaft, die eigentlich nur vergessen wollte und unbequeme Wahrheiten nach Möglichkeit vergrub, statt, wie Spira, kompromisslos nach ihnen zu schürfen.

Der vermöbelte Nazi

Wer also verstehen will, wie Elizabeth Spira tickt, der muss zurückblenden ins Wien der Nachkriegszeit, geprägt von Nazi-Mief und unverhohlenem Antisemitismus - und auf Spira, das jüdische Mädchen. Die schöne, große Wohnung der Großmutter, sie war arisiert worden und nach dem Krieg noch besetzt, bis zu ihrem neunten Lebensjahr wohnte Spira mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester in einem Hinterzimmer der KP-Parteizentrale Hütteldorf. "Von klein auf spürte ich - wir sind irgendwie anders", erinnert sie sich. Als Spira ihre Volksschullehrerin fragte, ob sie mit der Ziehharmonika ein Weihnachtslied einstudieren dürfe, habe diese bloß geantwortet: "Das nützt dir doch nichts, du bist ja ein Judenkind." Spira lief davon und rührte die Ziehharmonika nie mehr an.

»Von klein auf spürte ich - wir sind irgendwie anders«

Mit 13 Jahren habe sie dann auf einer Berghütte einen "unverbesserlichen Nazi", der "unangenehme Dinge über Juden" gesagt habe, mit einem Stuhlbein vermöbelt. "Ich fürchte, sein Nasenbein ging zu Bruch, aber ich musste mich einfach wehren und empfand dabei ein Gefühl der Befreiung: Damals habe ich beschlossen, vor niemandem mehr Angst zu haben."

© News Vukovits Martin Auftrag / Repro

Am Sonntag, erzählt Spira, sei sie nicht in die Kirche gegangen, sondern an der Seite ihres Großvaters davorgestanden, um die kommunistische "Volksstimme" zu verkaufen. "Natürlich war das eine Provokation, das Land war damals noch doof und finster, und wir waren Außenseiter, rassisch wie ideologisch -doch dieser Hang zur Provokation wurde für mich zum Lebensgefühl, das mich sicher machte."

So sicher, dass sie uns wöchentlich die Wahrheit über die Liebe erklärt - zunächst noch zuckersüß. Mit Küsschen, Torten und Marzipan. Doch dann so eindringlich, dass wir nicht mehr wegschauen können.