"Die Königin seines Herzens": Ganz England im Hochzeitsfieber - oder etwa doch nicht?

Die Zeitungen zelebrieren die Hochzeits-Euphorie Die echten Briten sind aber weniger aufgeregt

Ein Augenrollen hier, ein gleichgültiges Schulterzucken da: Als bekennender Fan von Prinz William und der Monarchie im Allgemeinen stand ich in der progressiven Seestadt Brighton gestern ganz schön allein mit meiner Freude über die Verlobung da. Während das Fernsehen auf Dauerberichterstattung umstellte, erntete ich für meine Euphorie bestenfalls ein gut gemeintes: „Dann bekommen wir wenigstens einen Tag mehr frei.“ von meinen englischen Freunden. Das Leben ist halt doch keine Seifenoper. Aber immerhin auf die Zeitungen ist Verlass. Im britischen Blätterwald rauscht es nämlich gewaltig und hier sind sich alle einig: Die Verlobung ist ein (Verkaufs-)Hit.

Das zukünftige Königspaar strahlt von den Titelblättern, aus praktisch allen Zeitungen fallen heute gewaltige, eilig produzierte Hochzeits-Magazine. Einzig der „Independent“ bleibt seinem Namen treu und hebt sich die Story des Tages für Seite 3 auf. Gerade die englische Klatschpresse ist sich normalerweise für keine Grausligkeit zu schade, doch heute wird sich gemeinsam gefreut. „Mit Mummy's Ring nehme ich dich zur Frau“, schreibt die „Sun“. „Wir haben's geschafft, Liebling! (Und es mit Dianas Ring besiegelt)“, die „Daily Mail“. Ja, sogar die ehrwürdige „Times“ erlaubt sich an diesem besonderen Tag ein Quäntchen Romantik und freut sich, dass mit Kate endlich auch die britische Mittelklasse ihr eigenes Märchen bekommt: „Kate ist die perfekte Heldin, zuverlässig und vertrauenswürdig. Prinz William in der einen Hand, ein Tesco-Einkaufssackerl in der anderen.“

Ein Tesco-Sackerl wird Catherine, so ihr richtiger Name, so schnell nicht mehr in die Hand nehmen können. Mit der Verlobung ist sie im Kreis der Royals angekommen. Ihr Heimatort wird von der Presse belagert, zum Fleischer ans Eck wird sie so schnell nicht mehr unbeobachtet gehen können. Zu groß ist die Verantwortung die jetzt auf ihr lastet: Die „Daily Mail“ fragt sich sogar, ob Kate die britische Monarchie vor dem Untergang retten könnte – allgemein wird ja angenommen, dass William der letzte König sein wird. Und während man in England mit Bikinifotos zeigen will, wo die künftige Königin herkommt (so ganz aus ihrer Haut können die Klatschblätter dann doch nicht), wagt sich einzig und allein der „Daily Mirror“ auf den verlassenen Posten des Kritikers: „Kate ist einfach nur langweilig. Wenn William nicht mal eine vernünftige Frau finden kann, wie soll er dann das Land führen?“ fragt sich Kolumnistin Polly Hudson. Autsch.

Nachdem über Hochzeitsdatum und -ort im Königshaus noch eisern geschwiegen wird, ist Dianas Ring das Thema schlechthin: Es wird sich kollektiv gefreut, dass William mit der Geste, Kate den alten Saphir-Klunker anzustecken, seine verstorbene Mutter mit ins Hochzeitsboot holt. Ja, selbst die gescheiterte Ehe von Diana und Prinz Charles wird heute wieder schöngeschrieben, von der „glücklichen Zeit“ ist die Rede. Und auch Kate selbst stellt sich dem Vergleich mit ihrer verstorbenen Schwiegermutter: Ihre Körperhaltung erinnert ganz klar an die schüchterne Diana im Jahr 1981, ja sogar Farbwahl des Kleides war die selbe. Bleibt nur zu hoffen, dass auf dem Verlobungsring kein böser Hochzeitsfluch lastet, denn ein neuerliches Diana-Schicksal will hier niemand sehen...

(Agnes Sagmeister, Brighton, UK)