Die Geschäfte der Türkenmafia florieren: Firma handet mit Mord, Überfall, Drogen etc

Kriminelle erwirtschaften 60 Mrd. Dollar/Jahr Das ist ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts!

Mafia-Sendungen sind im türkischen Fernsehen ein Quotenhit - jetzt weiß man auch warum: Es sind die zahlreichen Mafiosi selbst, die sich diese Serien anschauen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Handelskammer Ankara, die ein Profil der organisierten Kriminalität im Land zeichnet. Demnach funktioniert die Mafia ähnlich wie eine Industrie-Holding, und zwar eine sehr erfolgreiche: Die Kriminellen erwirtschaften rund 60 Milliarden US-Dollar im Jahr. Das ist ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes!

Rabiate Geschäftspraktiken sind der entscheidende Wettbewerbsvorteil der Mafia. Wer mordet, raubt, verprügelt, vergewaltigt und droht, der braucht die legale Konkurrenz nicht zu fürchten. Mafia-Banden haben sich ganze Straßenzüge aufgeteilt, in dem sie die Autofahrer beim Parken zur Kasse bitten. Haupteinnahmequelle sind Parkplatzgebühren in den großen Städten wie Istanbul - wer nicht zahlt, wird verprügelt oder bekommt die Reifen seines Wagens aufgeschlitzt.

Auch in anderen Branchen hat sich die Mafia mit Erfolg breit gemacht. Neben den traditionellen Betätigungsfeldern der organisierten Kriminalität wie Drogenhandel und Prostitution beeinflusst die Mafia der Studie zufolge auch das Speditionswesen, den Bausektor und den Zigarettenhandel. "Dienstleistungen" der besonderen Art sind ebenfalls im Angebot: Organ- und Kinderhandel, Abhördienste oder der Schmuggel antiker Kunstschätze. Die Mafia ist inzwischen in so vielen Lebensbereichen der Türken tätig, dass die Handelskammer Ankara ihrer Untersuchung den Titel "Unser Leben ist Mafia" gab.

Für die breit gestreuten Betätigungsfelder braucht die "Mafia Holding" viele Mitarbeiter. Zwischen 1998 und 2002 wurden mehr als 17.000 Personen unter dem Verdacht festgenommen, zur Mafia zu gehören. Eine Vorstrafe gilt bei den Bandenmitgliedern nicht etwa als peinlicher Ausrutscher, im Gegenteil: Schwierigkeiten mit der Polizei wirken sich positiv auf die Beförderungschancen innerhalb der kriminellen Organisation aus. Ähnlich wie bei den italienischen "Kollegen" ist die unbedingte Loyalität dem "Paten" gegenüber eine weitere Voraussetzung für eine Karriere in der türkischen Mafia.

Mafiosi sind auch nur Menschen, zeigt sich in der Studie: Gut die Hälfte von ihnen sind verheiratet, zehn Prozent haben einen Universitätsabschluss, viele kommen aus kinderreichen Familien. Wenn die Medien in großer Aufmachung über einen Mafia-Boss berichten, ist das gut für sein Prestige. Die Chefs der Mafia achten auf gute Kleidung und gepflegte Umgangsformen - am unteren Ende der Leiter lässt der Geschmack allerdings zu wünschen übrig.

Der türkische Staat und auch einige gesellschaftliche Organisationen tragen ein gehöriges Maß an Mitschuld am Erfolg der Mafia. Erst vor kurzem konnte der berüchtigtste Mafia-Boss des Landes, Alaattin Cakici, ins Ausland entkommen - Zeitungsberichten zufolge soll Cakici dabei von seinen guten Verbindungen zur Führung des Fußball-Erstligisten Besiktas Istanbul profitiert haben. Auch Defizite in der türkischen Justiz und der Bürokratie beflügeln die Mafia, sagt Sinan Aygün, der Chef der Handelskammer Ankara: Viele Türken seien inzwischen der Meinung, dass es dumm sei, die Gesetze zu befolgen - wenn mit der Mafia doch alles so glatt läuft.

(apa)