Die Eigenbrötler im Herzen Europas: Kein Interesse an NATO und Europäischer Union

"Willensnation" mit Schwingern und "Röstigraben" Ausgeprägtes traditionelles Autonomiebewusstsein

Die Eigenbrötler im Herzen Europas: Kein Interesse an NATO und Europäischer Union
© Bild: Reuters/Lauener

Die Schweiz liegt im Herzen (West)europas und doch gefallen sich die Eidgenossen in der Rolle einer Art Eigenbrötler. Sie gehören nicht zur EU, zur NATO schon gar nicht. Schlau wie sie sind, haben sie sich freilich mit der Europäischen Union über bilaterale Verträge ganz gut arrangiert. Zu mehr konnten sich die Schweizer bisher nicht durchringen. Immerhin, so lautet das Hauptargument, würde damit eines der schweizerischen Heiligtümer gefährdet werden: die direkte Demokratie...

Historisch gewachsen, hat die Bevölkerung die letzte Entscheidungskompetenz. Sie muss jeden wichtigen Beschluss der Regierung (Bundesrat) per Referendum absegnen oder verwerfen. Hintergrund dafür ist auch der ausgelebte Föderalismus, der zu den Grundprinzipien des Schweizer Bundesstaates seit seiner Gründung 1848 zählt und in der hohen Autonomie und Souveränität der 26 Kantone seinen Ausdruck findet. Anders würde die Schweiz wohl auch nicht funktionieren. Der Ausdruck "Willensnation" zeigt schon an, dass hier verschiedene Volksgruppen gemeinsam einen Staat machen.

Auch abgesehen von der Politik strotzt die Schweiz nur so vor Klischees: Banken mit prall gefüllten anonymen Konten, Schokolade (die vom Chocolatier Theodor Tobler 1908 kreierte "Knack-Dir-eine-Ecke-ab-Toblerone" wird heuer übrigens 100 Jahre alt), Löcherkäse, Uhren und Berglandschaften - es regiert das Bild einer sauberen, unberührten Postkarten-Schweiz, die so proper ist, als hätte der liebe Gott hier seine Modelleisenbahn-Anlage aufgebaut. Das Gute (oder Schlimme) daran: Zumindest auf den ersten Blick präsentiert sich die Schweiz ja tatsächlich so.

Durchaus erdverbunden sind nämlich auch die extravaganten Sportarten, die es den "älplerischen Naturburschen" angetan haben. Da gibt es zum Beispiel die "Schwinger". Schwingen ist eine in Schweizer Landen beliebte Variante des Ringens, welche zumeist auf grünsaftigen Almmatten und dort auf Sägemehl ausgeübt wird. Das Schwingen gilt, noch vor dem "Hornussen" (einer lokalen Abart von Cricket oder Baseball) und dem Steinstoßen (wo ein 83,5 kg schwerer Brocken möglichst weit geworfen wird) als Schweizer Nationalsport.

Dieser wird freilich hauptsächlich in der Deutschschweiz ausgelebt, womit ein weiteres Kapitel Schweizer Eigenheiten aufgeschlagen wird. Bezeichnend ist der Begriff "Röstigraben". Er steht einerseits für den Unterschied in den Mentalitäten von Deutschschweizern und Romands, also französischsprachigen Schweizern, andererseits für den latenten Konflikt zwischen der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit und der frankophonen Schweiz.

Viele Sprachen und Religionen
Dass mit der italienischsprachigen Bevölkerung im Tessin und den Rätoromanen im Kanton Graubünden auch weitere Sprachgruppen in der Schweiz ansässig sind, komplettiert nur das Bild eines vielfältigen Landes. Geradezu paritätisch ist die Verteilung der großen Religionsgruppen: Rund 42 Prozent Katholiken stehen 36 Prozent Evangelische gegenüber. Dazu kommen migrationsbedingte 4,3 Prozent Muslime und 1,8 Prozent Orthodoxe.

Während Minarette auch in der Schweiz zum Zankapfel geworden sind, ist eine ehemalige Provokation religiösen Ursprungs längst zur Folklore geworden. Wenn die "Bebbis" (Basler) einmal im Jahr so richtig auf die Pauke hauen, wird die "einzige protestantische Fasnacht" gefeiert. Um sich vom übrigen Karnevalstreiben abzugrenzen, wurde schon vor vielen Generationen ein eigenwilliges Datum für das Spektakel gewählt.

Es beginnt eine Woche, nachdem die katholischen Länder Karneval und Fasching mit dem Aschenkreuz beendet haben: am Montag nach Aschermittwoch. Mit reinem Närrischsein haben die "drey scheenste Däääg" im Jahr in der Rheinstadt Basel deshalb nichts gemein.

Habsburger stammen aus der Schweiz
Die Verbindungen zwischen der Schweiz und Österreich schließlich begannen vor fast 1.000 Jahren auf der Habsburg. Das Stammhaus des Herrschergeschlechts, das in Österreich bis 1918 das Sagen hatte, steht im Kanton Aargau. 1415 ging sie an die Eidgenossen, denen die früheren Besitzer zuvor ziemlich auf den (Schoko)keks gegangen waren.

Davon erzählt auch das Schweizer Nationalepos schlechthin. Schließlich ist es ja ein Habsburger-Hut auf einer Stange, den der wackere Tell nicht grüßen wollte. Weshalb sich sein Sohn dann den berühmten Apfel auf den Kopf legen musste. Dieser wurde übrigens gut schwytzerdütsch Walterli genannt...
(apa/red)