Kritik von

Eine überwältigende
Maschinen-Oper zum Beginn

Die Bakchen © Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Ulrich Rasche eröffnet mit Eupripides' Tragödie „Die Bakchen“ Martin Kušejs Direktion am Burgtheater.

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Rhythmische Paukenschläge leiten das Geschehen ein. Eine Streicher-Formation bringt ihre Violinen zum Zischen. Auf der Bühne prangen überdimensionale Laufräder. Angeseilt tritt ein junger Mann im Rhythmus, den ihm die Musik vorgibt, gegen die Laufrichtung. Von seiner Gottheit, von seiner verkannten Mutter Semele, seinem Vater Zeus erzählt er und von der Verführbarkeit der Menschen. Frech und frisch strahlt sein Lächeln. Damit wird er eine ganze Stadt in den Abgrund führen. Aus seinem offenen schwarzen Sakko blitzt die weiße Haut seines jugendlichen Oberkörpers. Es ist Franz Pätzold in Gestalt des Gottes Dionysos. Er gibt den Auftakt zur Direktion von Martin Kusej am Burgtheater.

Die Bakchen
© Andreas Pohlmann / Burgtheater Die Bakchen

Das Spektakulärste, Aufwendigste und Aufregendste, das derzeit im deutschsprachigen Theater zu erleben ist, hat man zu diesem Anlass aufgeboten. Ulrich Rasches faszinierendes Maschinentheater rollt an der Burg genial. Der in Bochum geborene Regisseur setzte „Die Bakchen“ von Euripides, in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt, mit seinen bewährten Mitteln, einer gewaltigen Bühnenmaschinerie und perfekt inszenierten Chorszenen, um. Das überwältigte, faszinierte, verblüffte, auch wenn man das Handwerk dieses meist nur als „Chefmaschinisten“ beschriebenen Theatermachers kennt. Er erzählt diese antike Tragödie als über die Zeiten gültige Geschichte. Pentheus, der Widerstandskämpfer will mit Waffengewalt gegen die verführten Frauen, die sich den Orgien des Dionysos hingegeben haben, zur Raison bringen. Dionysos selbst führt seinen Cousin Pentheus den Frauen in weiblicher Verkleidung zu. Nicht einmal die eigene Mutter Agaue erkennt im orgiastischen Rausch ihren Sohn und zerfleischt ihn. Mit extremer Wortdeutlichkeit wird von den Chören Grauenhaftes berichtet.

Rasche weckt mit seinen gewaltigen Chören Assoziationen zur Barbarei, die Europa im 20. Jahrhundert heimgesucht hat. Wie Aufmärsche von Stiefeltretern muten diese skandieren Massen an. Und immer wieder blitzt der Gedanke auf, wie leicht das alles auch heute sein könnte.

Deren Ende, das Erwachen aus dem Rausch des Barbarentums lässt Rasche aber im absoluten Understatement geschehen. Agaue kehrt mit dem Haupt ihres Sohnes im Triumph zu ihrem Vater Kadmos zurück. Ihr Arm, ihr Tötungswerkzeug ist schwarz gefärbt. Wie in einer Art Therapiesitzung - hier eher Begehung oder besser Beschreitung - führt Kadmos seine Tochter seine Tochter aus dem Sieges- und Tötungsrausch zur Erkenntnis ihrer Tat.
Eine perfekte Inszenierung, die größte Wirkung durch ihr pures Funktionieren hätte erzielen können. Nico van Wersch hat die hypnotisierende Tonspur dazu geschaffen. Die Gesangschöre und die Videoeinspielungen aber verstärken die Wirkung nicht unbedingt. Zuweilen mutet das Geschehen dadurch mehr wie großes Hollywood-Kino an. Aber das anzumerken, fällt unter Beckmesserei. Denn gespielt wird eindrucksvoll. Franz Pätzold ist ein glaubwürdiger verführerischer Dionysos. Felix Rech verkörpert den Widerstandskämpfer Pentheus mit einem idealen Quantum an Reduktion. Markus Meyer ist ein idealtypischer Chorführer. Martin Schwab changiert als Kadmos zwischen großväterlichem Weisen und Therapeuten. Hans Dieter Knebel ergänzt achtbar als Seher Teiresias. Katja Bürkle verzichtet als Agaue auf alles Tragische und sorgt damit für Ernüchterung.

Das Publikum bejubelte das mehr als dreieinhalb Stunden und dennoch kurzweilige, überwältigende Spektakel.