"Die Arbeiter im Sarkophag sind Helden": Gefährliche Ummantelung des Reaktors

15 Minuten Dienst: 400 Personen täglich im Einsatz 75 Prozent des Unglücksreaktors noch unzugänglich

Julia Marusych ist auf Gäste vorbereitet. In fließendem Englisch und elegantem Hosenanzug klappt die Leiterin der Informations-Abteilung des Atomkraftwerks Tschernobyl ein Modell des am 26. April 1986 explodierten Block 4 auf. Bereitwillig und ausgiebig antwortet die bestens geschulte Powerfrau auf alle Fragen, auch die kritischen. Nur aus dem Fenster fotografieren, das lässt sie nicht zu. Denn von dort aus sieht man aus nächster Nähe die desolate Außenhülle des Originals: Den Sarkophag.

Tag und Nacht sei damals gearbeitet worden, erzählt Marusych. 90.000 Personen - "alles Freiwillige" - haben ein halbes Jahr lang rund um die Uhr ihr Leben aufs Spiel gesetzt. "Viele Leute haben nicht realisiert, unter welchen Gefahren sie arbeiten und was Radioaktivität überhaupt bedeutet". Schon allein deshalb sei die Ummantelung von Block 4 eine "heroische Tat" gewesen.

Betonbunker bröselt langsam vor sich hin
20 Jahre später sind die Aufräumarbeiten im Inneren der gigantischen Betonmauern nach wie vor im Gange. 400 Männer riskieren im Schichtdienst auch heute noch ihre Gesundheit. "Der radioaktive Staub ist so fein, dass ihn normale Gasmasken nicht filtern können." 15 Minuten dauert ein Einsatz im Sarkophag, dann ist Pause. Jeder Arbeiter ist in dieser Zeit einer Strahlung von 34.000 Milli-Siverth pro Stunde ausgesetzt. Zum Vergleich: In Österreich liegt die erlaubte Durchschnittsbelastung bei 4 Milli-Siverth pro Jahr.

Ohne viel Geheimniskrämerei fährt die Presse-Lady fort: "Der Zustand im Sarkophag ist selbst heute noch nicht restlos geklärt, die Untersuchungen sind nach wie vor nicht abgeschlossen." Nur 25 Prozent seien überhaupt betretbar, in die restlichen Untiefen der radioaktiven Ruine können lediglich teilweise mit Sonden abgetastet werden. 31 Grad Celsius herrschen im Bauch des Betonbunkers, der langsam vor sich hinbröselt.

Tunnel für 100 weitere Jahre Schutz
Doch dieser Umstand macht Marusych keineswegs nervös. Ihre Hoffnungen ruhen auf einem tunnelartigen Überbau der Superlative, der schon bald auf Schienen über den Sarkophag geschoben werden soll. Er garantiere 100 weitere Jahre Schutz vor den tödlichen Strahlen. "2007 soll er fertig sein." Aber es könne auch länger dauern: "Wenn der Boden - so wie jetzt gerade - derart gefroren ist, kann man natürlich nicht arbeiten."

Rund einen Kilometer entfernt, im Verwaltungsgebäude, steht Pressechef Semjon Michailowitsch Stejn und tastet mit seinem Zeigestab ein mehrere Quadratmeter großes Modell des Kraftwerk-Komplexes ab. Ganz glücklich scheint er mit der aktuellen Situation nicht zu sein. "Seit 2000 ist das Kraftwerk außer Betrieb, um den internationalen Verpflichtungen nachzukommen." Nachsatz: "Wir sind gerade dabei, die Anlage vom Netz zu nehmen."

Radioaktivität immer noch sehr hoch
Dabei sei ein Weiterbetrieb von Block 1, 2 und 3 eigentlich kein Problem. Denn nach dem Super-Gau im April 1986 wurden 300.000 Mio. Dollar in die Modernisierung der übrigen AKW-Teile gepumpt. "Die Reaktorblöcke 1 bis 3 könnten immer noch laufen", sagt Stejn, akzeptiert jedoch zähneknirschend den Shut-Down auf Grund des weltweiten Drucks. "Ich verstehe die Beunruhigung der Weltbevölkerung, schließlich leben wir alle in einem gemeinsamen Ökosystem."

Für die Instandhaltung des Sarkophags seien die zur Verfügung stehenden Finanzmittel "unzureichend". Die Kosten lägen viel höher als ursprünglich angenommen, so der Pressechef. Auch er weiß, dass die Radioaktivität innerhalb des Betonmantels "immer noch sehr hoch ist". Doch dass ein Arbeiter eine Überdosis Strahlen abbekommen könnte, sei eigentlich unmöglich: "Die Überschreitung der Strahlenwerte stellt in der Ukraine nämlich eine Straftat dar."

Todeszone ließ auch Arbeitsplätze sterben
In den Räumlichkeiten des AKW Tschernobyl herrscht Alltagsbetriebsamkeit. An den Drehkreuzen im elektronisch gesicherten Eingangsbereich gehen die Mitarbeiter ein und aus wie in jedem stinknormalen Großunternehmen. Sämtliche 3.600 Arbeitsplätze konnten nach der Reaktor-Katastrophe erhalten werden, versichert Stejn. Anders sei die Situation im 30-Kilometer-Radius rund um das Kraftwerk - der so genannten Todeszone. Stejn: "Der Verlust an Agrarflächen ist groß, zahlreiche Firmen wurden geschlossen."

Julia Marusych konzentriert sich derweil auf "ihren" Sarkophag. Die Kontrollen des Personals seien streng, jeder werde täglich untersucht. Und wer sich außerplanmäßig unwohl fühle, bekomme Sonderurlaub. Im Gegensatz zu den ahnungslosen Helfern im Jahr 1986 würden die Arbeiter im Jahr 2006 genau wissen, was für einen Dienstort sie täglich ansteuern. Für die elegante Frau im Hosenanzug macht das keinen Unterschied: "Für mich sind das alles Helden."

(apa/red)