DFB-Auswahl bereitet sich in aller Ruhe vor:
Im Hotel von der Außenwelt abgeschottet

EURO-Stimmung kennen Spieler nur aus den Medien Coach "Jogi" Löw ist mit dem Quartier sehr zufrieden

DFB-Auswahl bereitet sich in aller Ruhe vor:
Im Hotel von der Außenwelt abgeschottet © Bild: Reuters/Grimm

2006 wurde die deutsche Nationalmannschaft bei der Heim-WM von einer Euphoriewelle im eigenen Land noch zu Platz drei getragen. Zwei Jahre später ist bei der EURO in Österreich und der Schweiz alles anders. Die DFB-Auswahl bereitet sich abgeschottet im Tessin auf die Spiele vor, wo die EM nur eine bessere Randerscheinung ist und bekommt Stimmungsberichte aus der Heimat nur über die Medien mit.

Wenn sich einmal ein deutscher Fan vor das Fünf-Sterne-Teamhotel "Il Giardino" in Ascona, das wie ein Hochsicherheitsgefängnis bewacht ist und in dem den Spielern jeder Wunsch erfüllt wird (vier Ärzte, Physiotherapeuten und Fitnessexperten kümmern sich um die Mannschaft), "verirrt", ist es zumeist nur ein Urlauber. Selbiges gilt auch für das Trainingszentrum "Centro Sportivo" in Tenero.

Trotzdem verteidigt DFB-Teamchef Joachim Löw die Wahl des Quartiers. Die Rahmenbedingungen im Tessin sind auch wirklich perfekt, allerdings auch die ständigen Reisestrapazen nicht außer Acht zu lassen. Die DFB-Auswahl steigt bereits zum bereits sechsten Mal innerhalb von 13 Tagen ins Charter-Flugzeug. Dieses Mal geht es nicht wie zuletzt zweimal nach Klagenfurt, sondern nach Wien, an jene Stätte, wo die Löw-Elf eigentlich am im Finale spielen will.

Reisestrapazen zählen nicht
"Das Argument von den Reisestrapazen lasse ich nicht gelten. Wir schaffen perfekte Bedingungen, damit sich die Mannschaft so vorbereiten kann, wie es sein soll", sagte Löw. Und Teammanager Oliver Bierhoff wies darauf hin, dass man in Österreich kein passendes Quartier gefunden habe.

Die Fans haben jedenfalls allen Grund, der Nationalmannschaft nicht hinterherzureisen. Denn ihren Idolen beim Training zuschauen dürfen sie ohnehin nicht. Während des gesamten EM-Turniers gibt es kein einziges öffentliches Training. "Wir wollen uns in Ruhe vorbereiten", sagte Bierhoff. Außerdem hätte man dafür in ein benachbartes Stadion ausweichen müssen, der Aufwand wäre zu groß gewesen.

Schwierge Lage für Medien und Fans
Aber nicht nur die Fans, sondern auch die ständig anwesenden, mehr als 150 Medienvertreter aus aller Welt, sind in einer schwierigen Lage. Nach dem Aufwärmprogramm (meist 15 Minuten) heißt es "Kamera aus" und werden die Journalisten vor die Tür gesetzt. Die beiden Trainingsplätze des deutschen Teams wurden extra mit einem rund zwei Meter hohen Sichtschutz versehen. Sollte jemand doch versuchen einen Blick zu erhaschen, ist sofort ein Security-Mitarbeiter zur Stelle.

Richtige Aufschlüsse zu ziehen ist daher oft kaum möglich, außer man begibt sich auf eine der Anhöhen Teneros und versucht via Fernrohr irgendwelche (kaum deutlich erkennbare) Erkenntnisse aus den Trainingseinheiten zu gewinnen oder kreist mit einem Hubschrauber über das Teamhotel. Auf diese Weise hatten Paparazzi am Freitag versucht, an Exklusivfotos zu kommen.

DFB-Stimmungslage schwer zu beurteilen
Deshalb ist die tatsächliche Stimmungslage im deutschen Team auch nach der 1:2-Niederlage gegen Kroatien schwer zu beurteilen. Teamchef Joachim Löw versicherte am Freitag zwar einmal mehr, dass der Teamgedanke vorhanden und die Mannschaft nicht zerrissen sei. Eine Aktion wie die von Bastian Schweinsteiger, der sich in der Nachspielzeit am Donnerstag zu einer unnötigen Unsportlichkeit hinreißen hatte lassen und dafür für ein Spiel gesperrt wurde, förderte aber zumindest beim 23-Jährigen wohl auch Unzufriedenheit zutage.

Einige Reservisten mit Anspruch auf einen Stammplatz dürften ebenso keineswegs in Toplaune sein. Das bestätigte auch Löw vor einigen Tagen indirekt. "Spieler wie Schweinsteiger oder Hitzlsperger haben mir in Gesprächen schon vermittelt, dass sie auch spielen wollen", so der Bundestrainer. Über die Medien wird die Sache aber nicht gespielt, so merkte etwa der 57-fache Teamspieler Arne Friedrich, der genauso wie seine Mitspieler stets spätestens um 23.30 Uhr im Teamhotel eintreffen muss, an: "Die Situation ist nicht befriedigend. Aber mein erstes Ziel ist, nach dem Turnier ganz oben zu stehen. Dafür stellt man persönliche Dinge schon hinten an."

"Wir scheiden nicht aus"
Für Löw steht nun jedenfalls ein richtungsweisendes Entscheidungsspiel an. Das wurde auch im Rahmen der täglichen DFB-Pressekonferenz, bei der Ex-Austria-Coach Löw deutlich prägnanter als sonst auftrat, deutlich. "Wir scheiden nicht aus, werden das Viertelfinale erreichen", betonte der 48-Jährige vehement.

Es wird sich weisen, ob sich die "Ansprache" von Löw bewahrheitet. Wenn nicht und Österreich tatsächlich 30 Jahre nach dem legendären Cordoba-Sieg wieder gegen Deutschland gewinnt, hieße es Abschied nehmen für den DFB-Tross aus dem Tessin, was im Lage der Deutschen niemand hofft. Denn in Glauben an den Finaleinzug haben alle, einschließlich der Medienvertreter, bis zum Ende des Turniers ihre Zimmer gebucht. (apa/red)

CASHPOINT - Wollen wir wetten?

Click!