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Zwei Menschen
in Halle erschossen

Schwer bewaffnete Täter haben mitten in der deutschen Stadt Halle an der Saale zwei Menschen erschossen. Die Stadt Halle sprach am Mittwoch von einer "Amoklage".

Die jüdische Gemeinde berichtete, der Täter habe versucht, das Tor der zum jüdischen Feiertag Jom Kippur voll besetzten Synagoge aufzuschießen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorotzki, sagte dem "Spiegel" weiter, die Sicherungsvorkehrungen am Eingang hätten "dem Angriff standgehalten". "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten".

Die Menschen seien geschockt gewesen. Vor der Tür habe ein Todesopfer des Angreifers gelegen. "Wir haben die Türen von innen verbarrikadiert und auf die Polizei gewartet."

© Sebastian Willnow / dpa / AFP Polizisten in Halle im Einsatz

Ein Todesopfer lag gegenüber einer Synagoge, über das zweite gab es noch keine gesicherten Informationen. Ein Täter soll aber in einen nahe gelegenen Döner-Imbiss geschossen haben, wie mehrere Augenzeugen berichteten. Die Gegend um das Lokal - etwa 600 Meter entfernt von der Synagoge - war abgesperrt. Die Stadt rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben.

Zwei Verletzte in Universitätsklinikum

Im Universitätsklinikum Halle werden nach den tödlichen Schüssen zwei Verletzte behandelt. "Ein Patient hat Schussverletzungen, er wird gerade operiert", sagte Klinikumssprecher Jens Müller der Deutschen Presse-Agentur in Halle. Zur Identität der Verletzten konnte er zunächst keine Angaben machen. Der deutsche Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich. Auch ein Sprecher des Innenministeriums sagte in Berlin, die Hintergründe der Tat seien noch nicht bekannt. Die Polizei warnte vor Spekulationen.

Ein Polizeisprecher sagte dem "Spiegel", ein Mann sei in einem Imbiss getötet worden. Das andere Opfer in der Nähe der Synagoge sei eine Frau. Auf dpa-Anfrage wollte die Polizei zu den Opfern zunächst nichts offiziell sagen, weder zum Geschlecht, noch wo sie gefunden wurden.

Bewaffneter Täter in Kampfanzug

Augenzeugen in Halle berichteten von einem Täter, der einen Kampfanzug und ein Gewehr getragen haben soll. Medien zeigten entsprechende Aufnahmen. Demnach soll es auch eine Explosion auf einem Friedhof gegeben haben. Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es.

Im nahe gelegenen Leipzig verstärkte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Auch vor der Synagoge in Dresden wurde nach Angaben der Polizei der Schutz erhöht. In anderen deutschen Städten wurde der Schutz entsprechend verstärkt. Der Bahnhof von Halle wurde wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Das teilte die Deutsche Bahn über Twitter mit. Es komme zu Verspätungen.

Die Polizei rief auch dazu auf, keinen Gerüchten und Falschmeldungen zu glauben. "Das unüberlegte Teilen erschwert uns die Arbeit", twitterte die Polizei Halle und auch die Polizei Sachsen forderte dazu auf, keine Fotos und Videos von Einsatzkräften, deren Ausrüstung oder Standorten zu verbreiten. Auch das würde die Arbeit erschweren.

Verstärkte Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen

Die deutsche Bundespolizei verstärkt nach den Todesschüssen ihre Kontrollen an den Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Auch die Verkehrswege nach Polen und Tschechien werden verstärkt kontrolliert, wie die Bundespolizei am Mittwoch im Kurzbotschaftendienst Twitter mitteilte. Zudem werde die Polizei vor Ort in Halle unterstützt.

Die Polizei ging von mehreren Tätern aus, die nach der Tat mit einem Auto geflüchtet sein sollen. Ein Verdächtiger wurde festgenommen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.

Auch Wien verstärkt Schutz

Auch in Wien die Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtung seitens der Polizei nochmals verstärkt worden. Zwar sei der Objektschutz aufgrund des jüdischen Feiertages Yom Kippur ohnehin stärker, aufgrund der unsicheren Lage in Deutschland seien nun aber auch Beamte der Sondereinheit Wega hinzugezogen worden. Seitens der Polizei betonte man aber, dass es keine konkrete Gefährdungslage gebe. Die Verstärkung sei eine reine Sicherheitsmaßnahme.

Erste Reaktionen aus der Politik

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die deutsche Regierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer", sagte er.

»Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat«

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff zeigte sich erschüttert über die tödlichen Schüsse. "Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat", erklärte Haseloff am Mittwoch. Dadurch seien nicht nur Menschen zu Tode gekommen, die Tat sei "auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land". Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus.

Das Europaparlament gedachte am Mittwochnachmittag mit einer Schweigeminute der Opfer. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli in Straßburg.

»Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben«

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte: "Schreckliche Nachrichten aus Halle, heute am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Ich bin erschüttert & traurig." Allen Verletzten und Angehörigen wünschte er viel Kraft und dankte den Einsatzkräften.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch schrieb auf Twitter: "Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland - ekelhaft! Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen."

Van der Bellen schockiert

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat sich schockiert geäußert. Es seien "entsetzliche Nachrichten über zwei Tote und einen Angriff auf eine Synagoge in Halle - heute an #JomKippur", teilte Van der Bellen über den Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Sein Mitgefühl sei bei den Opfern, ihren Angehörigen und ihren Freundinnen und Freunden. "Wir müssen alles tun, damit Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben können", betonte der Bundespräsident. Yom (Jom) Kippur ist der höchste Festtag im Judentum.

IMÖ betroffen

Die "Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen" (IMÖ) verurteilte den mutmaßlichen Angriff auf die Synagoge in Halle. "Heute sind zwei Menschen einem Angriff unmittelbar neben der Synagoge in Halle zum Opfer gefallen. Als Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen drücken wir unsere Betroffenheit, unser Beileid und vor allem unsere vollste Solidarität aus", hieß es in einer Aussendung.

Weiters erklärte IMÖ-Obmann Tarafa Baghajati: "Gleichzeitig steigt die Sorge angesichts solcher Gewalttaten um das Klima friedlichen und respektvollen Zusammenlebens und den sozialen Zusammenhalt in Europa. Daher appellieren wir vor allem an politische Verantwortungsträger/innen Maßnahmen zu setzen, die Antisemitismus und jede andere Form des Hasses gegen Minderheiten wirksam entgegenwirken. Vonseiten der Zivilgesellschaft streben wir danach den Dialog zwischen Menschen jüdischen und Menschen muslimischen Glaubens zu intensivieren, um gemeinsam gegen Feindbilddenken anzugehen."

Bundeskanzlerin Bierlein "tief bestürzt"

Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein hat sich ebenfalls "tief bestürzt" gezeigt "über die schreckliche Nachricht der heutigen Gewalttaten in Halle". Ihr besonderes Mitgefühl am höchsten jüdischen Feiertag Yom Kippur gelte den Angehörigen der Opfer, hieß es in einer der APA übermittelten Stellungnahme.

"Die Sicherheit und Bewahrung jüdischen Lebens muss in Österreich, in Europa und überall auf der Welt gewährleistet sein", wurde Bierlein in der Stellungnahme weiter zitiert. Dies sei "unverzichtbar wie auch unverhandelbar".

Nationalratspräsident Sobotka "tief betroffen"

Auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka hat bestürzt auf das "antisemitisch motivierte Attentat" reagiert. Die schreckliche Tat sei ein Zeichen, dass der Kampf gegen jegliche Form des Antisemitismus aktueller denn je ist, erklärte der ÖVP-Politiker laut einer Aussendung.

Sobotka verwies auf die US-amerikanische Holocaustforscherin Deborah Lipstadt, die kürzlich folgendes Zitat geprägt habe: "Jüdinnen und Juden sind so etwas wie der Gradmesser der Gesellschaft. Wer sie angreift, greift alle demokratischen und multikulturellen Werte an."

In seiner Rolle als Präsident des Nationalrats habe er bereits in vielen Gesprächen mit jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein gesamthaftes Bild von der Situation in Österreich gewinnen können. "Das entschiedene Auftreten gegen Antisemitismus ist für mich Teil der österreichischen Identität und muss vor allem im Bildungsbereich nachhaltig verankert werden", so der frühere Innenminister.

Sobotka verwies in der Mitteilung auch darauf, dass das österreichische Parlament bereits im März 2019 eine umfassende Antisemitismusstudie zur aktuellen Situation in Österreich präsentiert habe. "Sie zeigte auf, dass rund zehn Prozent der Befragten manifest antisemitische Ansichten und rund 30 Prozent latente antisemitische Ansichten teilen. Als Folge dieser Studie wurde in Zusammenarbeit mit Bildungsexperten Daniel Landau der Workshop 'Bildung gegen Vorurteile' ins Leben gerufen. Ziel dieses Moduls für Schülerinnen und Schüler der 9. Schulstufe sowie Lehrlinge ist die Sensibilisierung gegen Vorurteile, vor allem im Bereich des Antisemitismus und Rassismus."

Maas: Angriff auf Synagoge "trifft uns ins Herz"

In Deutschland haben sich Außenminister Heiko Maas und Vizekanzler Olaf Scholz (beide SPD) erschüttert gezeigt. Dass am Versöhnungsfest Yom Kippur "auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz", schrieb Maas am Mittwoch über den Kurzbotschaftendienst Twitter. "Wir alle müssen gegen den Antisemitismus in unserem Land vorgehen", betonte er.

Der deutsche Finanzminister Scholz sagte am Rande des Treffens der Euro-Finanzminister in Luxemburg: "Das sind sehr erschütternde Nachrichten, die wir aus Halle bekommen haben." Ganz klar sei, "dass auch die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes jüdischen Glaubens sicher sein können, dass wir mit unseren Herzen bei ihnen sind und dass wir ihnen die ganze Solidarität übermitteln, die uns überhaupt möglich ist".