Deutschland von

Nachbar
in Not?

Deutschland - Nachbar
in Not? © Bild: John MACDOUGALL / AFP

Regierung kaputt, Fußball k. o., Industrie kriminell: Was ist bloß mit Deutschland los? Aber vor allem: Was macht das alles mit seinen Bürgern? Zehn deutsche Persönlichkeiten mit starkem Österreich-Bezug, zehn Statements zur Seelenlage der Nation. Und zur Schadenfreude der Ösis

Fußball ist, wenn 22 Mann dem Ball hinterherrennen, und am Ende gewinnen immer die Deutschen", formulierte der britische Ballsportphilosoph Gary Lineker. Ein Aphorismus, der alsbald zum Sinnbild für die europäische, wenn nicht die globale Nachkriegsordnung wurde - und sich problemlos auch auf die meisten Bereiche der Wirtschaft umlegen ließ.


Deutschland, eine Nation, die aus dem Pragmatismus, ein Land wiederaufbauen zu müssen, kompromisslos auf Erfolg programmiert war; die sich aus den Ruinen eines selbst fabrizierten Krieges zu einem selbst fabrizierten Wirtschaftswunder emporschwang; die sich im Fußball wie auch im ökonomischen Alltag von Sieg zu Sieg kämpfte, arbeitete, malochte, anstatt bloß zu spielen; deutsche Autos, die zum Inbegriff solider Verarbeitung, hoher Wertbeständigkeit und vernachlässigbarer Pannenanfälligkeit wurden -Mercedes, ein Stern aus Untertürkheim wuchs zum globalen Statussymbol. VW Golf, ein Biedermann aus Wolfsburg, wurde zum Vorreiter einer gesamten Fahrzeugklasse. "Deutsche Tugenden"(Sport) und "made in Germany" (Wirtschaft), da wusste man stets, was man hatte. Und man mochte es, auch wenn es hierzulande stets als ein wenig unsexy galt, das auch ganz offen zuzugeben. Zu souverän performte der große, habituell hurmorlose Nachbar im Vergleich zum kleinen, narzisstisch in die eigenen Schlampigkeiten verliebten Alpenländer

Die Tage der Zäsur

Tja, und dann war da noch die Politik, die von langem Atem geprägt war, nicht von ständigen Wechseln: Die Ära Adenauer währte 14 Jahre, die Ära Kohl 16 Jahre, und auch Merkel hielt sich, bislang weitestgehend problemlos, 13 Jahre.

Doch dann der Sommer 2018. Die Tage der markanten Zäsur. Die Fußballweltmeisterschaft in Russland. Jogi Löw und seine Kicker stolpern, ehe sie noch so richtig Fahrt aufnehmen konnten, benommen und beschämt aus dem großen Turnier. Mexiko, Südkorea, ehrbare Nationen gewiss, aber für die Deutschen bislang bestenfalls Sparringspartner. Was ist da los?

Annähernd zur selben Zeit daheim in Ingolstadt: Rupert Stadler, Vorstandschef der VW-Tochter Audi, wird festgenommen, wandert in U-Haft und hofft mit dunklen Augenringen statt strahlenden Audi-Ringen auf eine gnädige Justiz. Eines der prägendsten Gesichter der deutschen Vorzeigeindustrie -nur noch ein Häfenbruder?

Und dann dieses Match zwischen Merkel und Seehofer, heftiger, kampfbetonter, aber auch gehässiger und brutaler als alle drei deutschen WM-Vorrundenspiele zusammen. Zerbröckelt trotz provisorischer Einigungen langfristig das Bündnis zwischen CDU und CSU und somit ein großes Stück deutscher Selbstverständlichkeit?

Österreich glotzt voll wohligen Grusels -ein bissel erstaunt, ein bissel erschreckt, ein bissel erheitert -über den Walserberg. Aber wie geht es in Tagen wie diesen den Deutschen mit ihrem Land?

© Jeff Mangione / KURIER / picturedesk.com

Alexander Goebel , 64, Schauspieler, Regisseur, Moderator und Kabarettist, Wahlwiener aus Westfalen

»Ich erlebe diesen ,Rassismus light' nun seit 43 Jahren«

Identität ist die Kraft zur Wandlung, die sich aus der sicheren emotionalen Zugehörigkeit ergibt. Es verändert sich was im Land. Umso erstaunlicher, dass es immer noch Leute von vorgestern gibt, die ihre hämische Freude darüber veröffentlichen, dass die deutsche Mannschaft bei der WM ausgeschieden ist. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Da steht diese wunderbare und einzig richtige Idee Europa gerade auf der Kippe, weil ein Flächenbrand des Nationalismus gelegt wurde, und hier treten ein paar Übriggebliebene auf ihre Nachbarn ein.

Psychologisch eine klare Übertragung der eigenen Existenzängste auf den großen Bruder. Man braucht ihn als Verbündeten, als Vorbild, als Kunden und Arbeitgeber, will sich aber nicht in Abhängigkeit wissen. Also baut man eine künstliche Distanz auf durch negative Gefühle gegen just jene Nation, mit der man alles teilt: Sprache, Bürokratie, Philosophie, Kunst, Kultur und die eigene Geschichte.

Der hämische Sturm der Schadenfreude ist bemerkenswert. Wie gesagt, die überragende Mehrzahl der Österreicher ist bereits im neuen Jahrtausend angekommen und empfindet sich als moderne Europäer mit österreichischen Wurzeln. Aber die Haltung der Übriggebliebenen wird seltsamerweise akzeptiert. Ich erlebe diesen "Rassismus light" jetzt seit 43 Jahren. Motto: Es geht ja nur gegen die Deutschen, die halten das schon aus. Frage ich nach, höre ich: "Aber nicht du, du bist ja schon so lang hier, du bist ja einer von uns. Deine Landsleute sind gemeint." Ach so. Verstehe. Als würde das etwas ändern für mich.

Erstaunlich, dass es überhaupt noch so viele altmodische Menschen gibt, und warum freuen die sich, wenn gerade den Deutschen etwas Schlechtes passiert? Fahren deutsche Autos, arbeiten für deutsche Unternehmen, schauen deutsches Fernsehen. Es handelt sich wahrscheinlich um Meme, also Denk-und Handelsweisen, die unbewusst von einer zur nächsten Generation übertragen werden. Wenn das ungeprüft passiert, ist es gefährlich. Wir Deutschen haben allen Grund dazu, hier aufmerksam zu sein, haben wir doch die antisemitische Haltung schon Generationen vor dem Nationalsozialismus als Mem übernommen und weitergegeben, nur so konnte sie von den Nazis zur Staatsmaxime erhoben werden. Der Rest ist grausame Geschichte.

Hier liegt auch ein wesentlicher Teil des Phänomens der Ö-Aversion gegen Deutsche verborgen. Die Tatsache, dass Österreich nach der nationalsozialistischen Katastrophe keine (oder nur sehr wenig) Trauerarbeit geleistet hat, dass man sich bereits Ende Mai 1945 darauf einigte, das wehrlose Opfer der Nazis gewesen zu sein und keineswegs ihr willfähriger Partner, hat dazu geführt, dass manche sich selbst nach 70 Jahren noch von den Tätern emotional distanzieren müssen. Wer nach außen haut, muss nicht nach innen schauen.

Schadenfreude ist ein Kreislauf, der zurückwirft, was man reingibt. Jedes Mal, wenn Kelomaten-Mitbürger versuchen, ihren eigenen Angstdruck durch zelebrierte Häme zu lindern, legt das den dahinterliegenden geschichtlich-emotionalen Konflikt in ihnen schmerzhaft offen und muss dann wieder mühsam unterdrückt werden. Heftiger Preis für einen Sekundenflash Schadenfreude. Die Veröffentlichung der Verzweiflung.

Fußball bietet sich dafür deshalb so an, weil natürlich alle wissen, dass keine Ö-Mannschaft den Deutschen jemals das Wasser reichen kann. Ich weiß, liebe Leserinnen und Leser, das hat jetzt wehgetan, aber gute Freunde ersparen sich nichts, schon gar nicht die Wahrheit: Es brauchte 40 Jahre und eine emotional total verstörte deutsche Mannschaft, um wieder mal gegen Deutschland zu gewinnen. Im Übrigen das erste riesige Hinweisschild, das weder Löw noch die Mannschaft lesen konnten oder wollten. Im Entertainment wie im Sport ist es verhängnisvoll, an seinen eigenen Mythos zu glauben.

Natürlich hatte diese saublöde Erdoğan-Aktion der beiden Hymnen-Verweigerer Özil und Gündoğan die ganze Mannschaft verunsichert. Da geht es um Werte, es ist eben die Nationalmannschaft. Und als die beiden Unentschlossenen sich sichtbar halbherzig für ein Foto auch neben den deutschen Bundespräsidenten stellten, war die emotionale Katastrophe beschlossen.

Das hat die Atmosphäre in der Mannschaft gekillt, da entstand ein Werte-Vakuum, und allen war klar, dass die beiden politisch ahnungslosen und enorm schlecht beratenen Kicker emotional mächtig unter Druck stehen. Und so war dann auch die Leistung. Gestörte Identität durch Werteverwirrung. Das lähmt.

Österreich sollte keine offenen Identitätsfragen haben, gehört doch der Vormittag des ersten Tages eines jeden neuen Jahres global und multimedial diesem wunderbaren Land, ungefährdet und unbestritten. Seit Freddy Quinn ist das deutsche Entertainment ohne österreichische Künstler nicht vorstellbar, ebenso der Fußball. Nahezu jedes Spitzenhotel der Welt hat im Topmanagement Österreicher sitzen, und die Kreuzfahrtschiffe wären ohne Ö-Know-how verloren. Gesund, sicher, sauber, wunderschön, einzigartig und mitten in Europa.

Neulich traf ich in der Früh im Wald einen jungen Mann, etwa 15, mit seinem Hund. Wir sprachen kurz über unsere Hunde und das Phänomen, dass sie sich riechen können oder eben nicht. Ich hätte schwören können, der Junge kommt aus Hannover, Cuxhaven oder Lünen. Aber er ist Klosterneuburger, hat mit Deutschen- Häme nix am Hut, weil er nachfragt und sich als österreichischer Europäer empfindet. Hoffnung ist der Motor der Veränderung. Auch in der deutschen Nationalmannschaft.

© beigestellt

Jonathan Fries , 30, Psychologe, Vater einer fünfjährigen Tochter, seit neun Jahren in Wien, aus Bayern

»Meine Identität als Deutscher wurde vor zwei Wochen unsanft aus dem Koma geholt«

Meine Identität als Deutscher wurde vor zwei Wochen unsanft aus dem Koma geholt. Und ausgerechnet ein Mexikaner drückte den Knopf des Defibrillators: Héctor Lozano, der Deutschland gefühlt schon im ersten Spiel der Fußball-WM aus dem Turnier schoss. Ich hatte nach quälenden 90 Minuten den Laptop wütend zugeworfen und war überrascht von der Intensität der Gefühle, die die Niederlage in mir auslöste. Über Jahre hatte es doch zu meinem Selbstbild gehört, mich weder für Fußball noch für Nationalstolz erwärmen zu können. Als gut integrierter Exildeutscher sage ich nicht Tüte, sondern Sackerl, kenne statt Aprikosen nur mehr Marillen - und ich benutze die Formulierung "nur mehr". Für jene Deutschen, die sich im Studium ausschließlich mit deutschen Freunden umgaben, hatte ich immer nur Mitleid übrig. Also: Woher kamen auf einmal diese Emotionen?

Deutschland war immer die Heimat gewesen, über die ich nicht viel nachdenken musste. Die Wirtschaft florierte, "Mutti" Merkel war aus dem Amt nicht wegzudenken, die Flüchtlingskrise "schafften wir". Und die Nationalmannschaft gewann immer, na gut, meistens. All das ist mit einem Mal infrage gestellt. Mir wurde bewusst, dass ich mich selbst belogen hatte. Natürlich ist das Deutschsein ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit. Ich war immer stolz darauf gewesen, welche Lehren Deutschland aus dem Holocaust gezogen und dass es sich den Humanismus als oberstes Prinzip zu eigen gemacht hatte. Ich frage mich im Moment, was aus diesem Land geworden ist. Nichts würde meiner Nationalidentität so guttun, als wenn ich nicht mehr über Deutschland nachdenken müsste.

Jockel Weichert , 43, Agenturchef, ist seit 19 Jahren in Wien, stammt aus Baden-Württemberg

»Denke ich an die deutsche Politik, dann wird mir ein bisschen schlecht«

Wenn ich an die deutsche Politik denke, wird mir ein bisschen schlecht. Wie es so weit kommen konnte, dass sogar Menschen wie Angela Merkel von rechten Strömungen unter Druck geraten können, ist mir unbegreiflich. Aber ich hoffe, dass die Kanzlerin nun genügend Rückhalt aus der eigenen Partei und auch weltweit bekommt, um das wieder hinzukriegen. Ich persönlich finde sie jedenfalls mutig und großartig. Und ich hoffe, dass sie gemeinsam mit Kräften wie Emmanuel Macron in Frankreich und Jean-Claude Juncker stark bleibt und es schafft, dass Europa nicht überrannt wird.

© Clemens Fabry / Die Presse / picturedesk.com

Harald Schmidt , 60, Entertainer, Kultmoderator und Schriftsteller, gebürtig aus Neu-Ulm, Bayern

»Die Kanzlerin geht in die Knie - das wäre mehr, als dieses Land vertragen kann«

Deutschland und die WM: Ich habe mir weder die Haare gerauft, noch bin ich in tiefe Trauer verfallen, nachdem Deutschland rausgeflogen ist. Mir ist das wirklich -wie ich als Österreicher der Herzen sagen darf -wuarscht. Bei der WM gucke ich Fußball nur ohne Ton. Die Namen der Spieler werden sowieso eingeblendet. Prinzipiell bin ich ein Champions- League-Gucker. Dort wird einfach viel besserer Fußball gespielt.

Patriotismus und Fußball: In Deutschland macht sich nach der Niederlage so ein eigenartiger Humanismus breit. Früher wären die nach so einer Schlappe knallhart an der Grenze zurückgeschickt worden, aber jetzt leidet die ganze Nation mit und zeigt Verständnis.

Merkel und die Krise: Ich bin hundertprozentig Team Angie. Und klar wird die das überleben. Das wäre ja entsetzlich: Jogi weint, und dann geht die Kanzlerin noch in die Knie. Das wäre mehr, als dieses Land vertragen kann.

Das Statement holte "Profil"- Redakteurin Angelika Hager ein.

© Severin Wurnig / picturedesk.com

Manfred Spitzer , 60, Psychiater aus Ulm und Autor des Bestsellers "Einsamkeit"

»Die ganze Welt beneidet uns um Merkel -nur die Deutschen mögen sie nicht«

Bis 2006 war jedes Deutschtum eher peinlich. Als die Deutsche Elf dann den dritten Platz bei der Heim-Weltmeisterschaft erreichte, wurden erstmals wieder Fahnen gehisst. Das wird sich jetzt nicht ändern. Vielleicht ist das Ausscheiden ja heilsam. Aber das lässt sich nicht auf die Politik ummünzen. Die ganze Welt beneidet uns um Frau Merkel, nur die Deutschen mögen sie nicht. Ich bin auch nicht gerade ein Merkel-Fan, aber dass es uns heute im Vergleich mit anderen europäischen Ländern so gut geht, ist auch ihrem Pragmatismus und Geschick zu verdanken. Zudem weiß sie, dass die EU unsere einzige Chance ist, wenn globaler Kapitalismus und globale Digitalisierung uns Menschen zugutekommen sollen.

© Auftrag News Michael Mazohl News Michael Mazohl

Anja Dallmann ,52, Office-Managerin, wohnt seit elf Jahren in Wien, wurde in Hessen geboren

»Ich bin ziemlich froh, momentan nicht in Deutschland zu leben«

Ich bin im Moment ziemlich froh, nicht in Deutschland zu leben. Die deutsche Politik ist derzeit ja ein Kasperletheater, ein Kindergarten, aber vor allem auch eine Farce, ein Witz. Vor allem die CSU ist ein Witz. Der nun vereinbarte Kompromiss wird auch nicht halten, es scheint fast so, als hätte der Größenwahn von Innenminister Horst Seehofer Besitz ergriffen. Beide Herren (Seehofer und der bayrische Ministerpräsident, Markus Söder, Anm.) versuchen, Kanzlerin Angela Merkel zu Fall zu bringen, aber da werden sie sich die Zähne ausbeißen. Die Frage ist wohl eher: Wie lange hat Angela Merkel noch Lust, sich das anzutun? Und zweifelsohne gibt es außerdem genügend Machtspiele in der CDU selbst.

Aber lustig ist es derzeit in ganz Europa nicht. Die politische Landschaft in Österreich ist gerade ja auch nicht viel besser. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Angela Merkel zurücktreten wird -und das möchte ich auch nicht. Denn auch Neuwahlen würden uns in der aktuellen Situation nicht weiterhelfen. Die Leute wählen ja sowieso das, was sie das letzte Mal auch gewählt haben. In schlimmsten Fall bekommt die AfD noch mehr rechte Stimmen. Mit Rücktritt droht man jedenfalls nicht. Wenn, dann zieht man ihn durch. Das ist auch so etwas, was Horst Seehofer in meinen Augen falsch gemacht hat.

© News Ehm Ian Auftrag

Uli Brée , 54, Drehbuchautor und Regisseur aus dem Ruhrgebiet, Erfinder der Serie "Vorstadtweiber"

»Wie man sich noch einen VW kaufen kann, leuchtet mir nicht ein«

Deutschland gegen Schweden: Bei dem von mir veranstalteten Biker-Treffen des "Clubs of Newchurch" waren Motorradfreunde aus 17 Nationen zum Public Viewing versammelt. Doch zur deutschen Mannschaft hielten gerade einmal die Deutschen und sonst niemand. Und selbst mir - der ich nunmehr die Ehre habe, deutsch-österreichischer Doppelstaatsbürger zu sein - lagen die Schweden näher als die Deutschen.

Woran das liegt? In erster Linie an dieser Abgehobenheit, die Fußball und Wirtschaft derzeit gemeinsam haben. Was den Fußball betrifft: Da habe ich den Eindruck, es spielen gesättigte Millionäre, und die Leute ärgern sich, dass sie keine gute Show bieten. Zum anderen ist da diese Huldigung des Präsidenten Erdoğan - ich sehe mich als Kosmopolit und in keiner Weise rechts oder rassistisch, aber das wirkte auf mich schon ziemlich befremdlich. Ich dachte mir: Ihr kassiert als deutsche Nationalspieler Millionen -Jungs, wenn ihr nicht wollt, dann spielt doch für Erdoğan!

Und dann kommt auch noch diese wirtschaftliche Überheblichkeit der Deutschen dazu, die glauben, alles besser zu können. Ich habe einen Verwandten in der VW-Entwicklungsabteilung, der begegnet mir mit einer völlig unverständlichen Präpotenz, nur weil ich kein deutsches Auto fahre. Da denke ich mir: auf was hinauf? Ihr habt die ganze Welt massiv betrogen und belogen, und trotzdem benehmt ihr euch wie diejenigen, die alles erfunden haben. Da fehlen die Demut, die Einsicht und die Einkehr, um einmal wirklich den Schlapfen zu halten.

Wie man sich heutzutage noch einen VW kaufen kann, leuchtet mir nicht ein, das begreife ich nicht. Die sind verurteilt und machen, obwohl sie Strafe zahlen, Milliardengewinne -das muss einem doch zu denken geben. Ich fahre nur englische Autos und Motorräder - allein schon, weil mir die präpotenten BMW, Mercedes und VW auf den deutschen Autobahnen so auf die Nerven gehen, würde ich mir nie einen "Deutschen" kaufen.

© Auftrag News Michael Mazohl News Michael Mazohl

Elke Winkens , 48, Schauspielerin, lebt derzeit in München, aufgewachsen ist sie in Nordrhein-Westfalen

»Wir wissen nicht einmal, ob wir zu Weihnachten eine Kanzlerin haben«

Deutschland ist für mich zurzeit ein großes Fragezeichen. Ich lebe jetzt nach 30 Jahren im Ausland - drei Jahren in London und 27 Jahren in Österreich -seit etwas mehr als einem halben Jahr wieder in meinem Land und erlebe hier vor allem sehr viel Verunsicherung. Es ist unsicher, ob es nun eine langfristige Einigung zwischen den Regierungsparteien gibt oder nicht, was und wo diese "Transitzonen" sein sollen und noch vieles andere mehr. Vieles wird auch schlicht falsch verstanden oder fehlinterpretiert.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung kann also gar nicht in einem allzu großen Ausmaß vorhanden sein. Allerdings ist es ja nicht das Problem des Arztes, wenn ich nicht ganz gesund bin.

Aber wir wissen ja nicht einmal, ob wir zu Weihnachten noch eine Kanzlerin haben. Und es herrscht sehr viel Angst - nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit.

Ich hoffe jedenfalls, dass Kanzlerin Angela Merkel und wir alle -auch die Politik in Österreich - proeuropäisch eingestellt bleiben, alles andere wäre fatal.

Doch über dem Ganzen steht auch eine gewisse Planlosigkeit: Die Menschen können sich gar nicht mehr vorstellen, was auf uns zukommen wird. Und sie wissen auch nicht, was sie eigentlich wollen.

Doch niemand hat die ultimativ richtige Lösung parat, mit der man die ganze Situation retten könnte oder wie man auch nur mit der Flüchtlingskrise umgehen soll.

Horst Seehofer hat die Lösung jedenfalls nicht. Ihm ist im Zweifelsfall ein Fußballmatch wichtiger als das Schicksal von Menschen, das hat er bereits bewiesen. Das sagt schon alles aus, was man über ihn wissen muss, finde ich.

Unabhängig von der ganzen Problematik sollte jedenfalls die Menschlichkeit immer ganz vorne stehen, das ist mir ganz wichtig.

© Neumayr / picturedesk.com

Matthias Hartmann , 55, Wahl-Thalgauer aus Osnabrück, Ex-Chef der "Burg"

»Armes schönes Haus Deutschland«

Es ist, wie es immer ist. Wenn man in einem schönen Haus lebt, kann man es selbst nicht genug schätzen. Man gewöhnt sich daran, man verwöhnt sich daran. Die Nachbarn sind nicht besser: Sie fahren ständig an dem schönen Haus vorbei -und statt es mit Respekt zu bewundern, kotzen sie vor Neid. Armes schönes Haus.

Ich lebe jetzt bald 15 Jahre nicht mehr in Deutschland. Gelegentlich schau ich über die Grenze und kann mich nur wundern, wie dort drüben gejammert wird. Die Deutschen fliegen zum Beispiel aus einem Fußballturnier, an dem die Holländer und die Italiener nicht einmal teilnehmen durften. Deutschland krümmt sich verbittert, die ganze Welt hat hämische Freude und Mitleid mit den anderen.

Jetzt streiten sich die Politiker in der Union, und alle klagen über unendliche Zerwürfnisse. Warum denn? Das ist Demokratie, sie lebt von Menschen, die unterschiedliche Haltungen diskutieren. Ist doch besser, als im ständigen Konsenszwang miteinander zu verfilzen.

Mit "Wir schaffen das" hat ausgerechnet Deutschland der Welt ein Gesicht der Barmherzigkeit gezeigt. Die Deutschen sollten es mit Stolz tragen und nicht schon wieder jammern. Wir schaffen das zwar nicht, und es ist auch Hölle kompliziert, und deswegen fliegen die Fetzen. Gut so. Demokratie im Stresstest, bevor die Populisten Europa übernehmen.

Nur Löw kann ich nicht mehr sehen. Konnte ich noch nie. Als Deutschland vor vier Jahren Weltmeister wurde, war ich in einer griechischen Taverne mit internationalem Publikum. Alle verließen das Lokal noch vor Spielende. Am Ende saßen wir alleine da mit dem traurigen Wirt unter den Platanen. Als ich jetzt gehört habe, dass Löw bleibt, habe ich mich geärgert. Da bin ich bestimmt unfair. Armer Löw. Das Einzige, was ihm nach seiner zufälligen Inthronisierung stets geholfen hatte, war sein Erfolg. Immerhin. Die Merkel hatte mit ihrer Barmherzigkeit jetzt erst mal keinen Erfolg.

© Trend Lukas Ilgner

Martin Kocher , 44, Gebürtiger Tiroler, Ökonom, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni München

»In Deutschland zählt der Wortlaut der Regeln, in Österreich zählt die Intention«

Wenn ich an Deutschland denke, denke ich an die zehn Jahre, die ich in Deutschland gelebt habe und im Rahmen derer ich festgestellt habe, dass Deutschland und Österreich und ihre Bewohner dann doch sehr ähnlich sind und dass uns vielleicht gerade diese Ähnlichkeit dazu verleitet, die Unterschiede immer wieder zu überschätzen. Letztlich gibt es zwei Unterschiede aus meiner Sicht, die mir immer wieder aufgefallen sind. Erstens: Die Größe des Landes führt dazu, dass politische und gesellschaftliche Diskussionen in Deutschland immer mit etwas mehr Abstand und etwas zivilisierter geführt werden, was nicht heißt, dass sie nicht hart sind. Aber eine Verhaberung der Eliten wie in Österreich ist in Deutschland auf Bundesebene einfach nicht möglich. Zweitens: Regeln sind in Deutschland strikter als in Österreich. Es fällt auf, dass Regeln in Deutschland oft dem Wortlaut nach ausgelegt werden, wohingegen in Österreich manchmal die Intention zählt und dann auch reicht. Das macht Österreich flexibler bei der Implementierung von Regeln, was sehr positiv ist, aber gleichzeitig natürlich auch anfälliger für eine gewisse Nonchalance im Zusammenhang mit Regeln, die nicht immer gut sein muss.

Die Vermischung von Politik und Fußball in Deutschland entspricht in etwa jener zwischen Politik und Skisport in Österreich. Damit ist eigentlich alles gesagt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Printausgabe Nr. 27/18

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