Deutschland geht offensiv in die Heim-WM: Klinsmanns Team will Mut und Frische zeigen

Offensives, schnelles, junges und risikoreiches Spiel Jürgen Klinsmann will über WM hinaus Trainer bleiben

Wenige Tage vor dem Anpfiff der Fußball-WM im eigenen Land bezog das deutsche Team mit viel Selbstvertrauen das WM-Quartier im Schlosshotel im Grunewald. Das DFB-Team fühlt sich für die "Mission WM-Titel" gerüstet, auch wenn vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am Freitag in der Öffentlichkeit ein Restzweifel bleibt. "Die Mannschaft ist richtig gut drauf. Deshalb werde ich in sechs Wochen keine Probleme haben, weiter Bundestrainer zu sein", sagte Teamchef Jürgen Klinsmann.

Seit dem 18. August 2004, dem 3:1 in Wien gegen Österreich, hat Klinsmann 39 Spieler getestet, 12 Neulingen eine Chance gegeben, die Mannschaft und das gesamte Umfeld der DFB-Vorzeigeelf kräftig renoviert. Eines hat der Wahl-Amerikaner Klinsmann, der in den 22 Monaten seit seinem überraschenden Amtsantritt eine neue Fußball-Philosophie ohne Kompromisse durchsetzte und dabei auch viele Widerstände überwinden musste, auf jeden Fall schon erreicht: Er wird ein Team in die zweite deutsche Heim-WM führen, die mit Frische und Mut die Fans auf ihre Seite gezogen hat.

Es wird aber auch eine Mannschaft sein, die immer auf der Rasierklinge tanzt, die ein hohes Risiko geht. "Die Zweifel werden uns deshalb das ganze Turnier verfolgen. Immer wird die Sorge da sein, ob wir gegen Mannschaften wie Brasilien, Argentinien, Holland, England überhaupt bestehen können", sagte Team-Manager Oliver Bierhoff in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Spiel schnell, jung, offensiv und risikoreich
Klinsmann hatte schon in seinen ersten Konzepten, mit denen er im Juli 2004 in New York DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder überraschte, den totalen Umbruch hin zum offensiven, schnellen, jungen und damit risikoreichen Fußball als einzigen möglichen Weg Richtung WM 2006 gesehen. Und dies wird auch ab Freitag so bleiben. "Davon werden wir nicht abgehen", betonte Klinsmann. Die unmittelbare Vorbereitung auf Sardinien, in Genf und zuletzt im Westen der Republik stufte der Bundestrainer als "gelungen" ein, sagte aber auch: "Es liegt noch viel Arbeit vor uns."

Für Bierhoff sind die letzten Zweifel zugleich ein Auftrag an die Spieler und an die Verantwortlichen: "Wir wissen, dass wir die letzten Prozente aus uns herausholen müssen." Zu diesen letzten Prozenten gehören der Feinschliff, die theoretische Vorbereitung auf den Auftakt-Gegner Costa Rica, aber auch die Bedingungen im unmittelbaren Umfeld des Teams. Konzentration und Ruhe, zugleich aber auch Abwechslung und Entspannung soll das Berliner WM-Quartier garantieren.

WM-Unterkunft geschützte Zone
Deshalb wird das Schlosshotel zur geschützten Zone. Der Blick auf das Gelände ist mit Bastmatten eingeschränkt worden, nur Anwohner dürfen mit einer speziellen Genehmigung die Brehmstraße mit Autos befahren. Die erwarteten Fans werden von Ordnungskräften freundlich, aber bestimmt von den Eingängen des Hotels verwiesen, das für die Nationalspieler zu einer kleinen Oase werden soll. Für ihre Liebsten mussten die Spieler andere Herbergen buchen. Klinsmanns Familie soll aus den USA erst vor dem ersten Spiel anreisen.

Bierhoff will von Klinsmann alle unnötigen Ablenkungen fern halten und sich noch mehr vor den Bundestrainer stellen. Er forderte alle Entscheidungsträger auf, sich ab sofort an Debatten um Klinsmanns berufliche Zukunft nicht mehr zu beteiligen. "Wer heute als Verantwortlicher des DFB oder in der Mannschaft die Trainerfrage diskutiert, hat die Ernsthaftigkeit dieser WM nicht verstanden. Das sollte unterlassen werden", erklärte Bierhoff deutlich.

Noch herrscht Ruhe und Zuversicht, wie auch Klinsmann demonstriert. Die Bild-Zeitung hat den Teamchef am Wochenende eingeladen, seine Wunsch-Schlagzeilen für die WM-Vorschau und jene für den 10. Juli, dem Tag nach dem WM-Finale, zu formulieren. "Jungs, ihr packt es!", würde Klinsmann gerne im Vorfeld lesen, "Ihr habt's gepackt" zum Abschluss.

Klinsmann will Trainer bleiben
Jürgen Klinsmann hat am Montag kurz vor dem WM-Beginn seine Bereitschaft bekräftigt, auch nach dem Turnier im eigenen Land Bundestrainer bleiben zu wollen. "Grundsätzlich kann ich mir die Fortsetzung der Arbeit sehr gut vorstellen", sagte der 41-Jährige nach dem Einzug ins WM-Quartier in Berlin. Der DFB hat ebenfalls Interesse an einer Vertrags-Verlängerung mit Klinsmann signalisiert.

Klinsmann sieht die WM im eigenen Land nicht als Endpunkt der von ihm nach der EM 2004 eingeleiteten Erneuerung an, sondern als eine Durchgangsstation. "Wir haben in den letzten knapp zwei Jahren angefangen, eine Spielphilosophie aufzubauen, mit der sich die Fans und vor allem die Mannschaft identifizieren", sagte Klinsmann und wies darauf hin: "So eine Arbeit dauert, das ist ein Prozess, der sehr intensiv angekurbelt wurde. Er sollte auch über die WM hinaus weitergehen."

Der Wahl-Amerikaner, der nach der EM-Blamage 2004 als Nachfolger des damals zurückgetretenen Teamchefs Rudi Völler verpflichtet worden war, knüpft die mögliche Fortsetzung seiner Arbeit allerdings weiterhin an das sportliche WM-Abschneiden und seine private Situation. "Die Konstellation ist klar. Als Trainer wird man am Erfolg gemessen. Das ist ein wichtiger Faktor", betonte Klinsmann. Nach dem Turnier wolle er sich außerdem "ein paar Tage Zeit" nehmen, um über die Zukunft "mit der Familie zu diskutieren". Klinsmanns Vertrag mit dem DFB läuft nach der WM aus.
(apa/red)