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Deutsche Wirtschaft fürchtet Türkei-Drama

DIHK-Außenwirtschaftschef: Türkei gerät auf Abwege

Die deutsche Wirtschaft fürchtet angesichts des Einbruchs der türkischen Währung einen wirtschaftlichen Absturz des Landes.

"Die Türkei ist stark mit uns verbunden", sagte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier, am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters.

Viele deutsche Firmen, von denen rund 6.500 in dem Land aktiv seien, bekämen die Unsicherheiten zu spüren. Zwar hätten sich noch keine deutschen Unternehmen aus der Türkei zurückgezogen. Die deutschen Exporte aber seien zuletzt gesunken, und auch das Interesse hiesiger Firmen an Engagements in der Türkei habe drastisch abgenommen. "Viele Unternehmen überdenken ihr Engagement", sagte Außenhandelspräsident Holger Bingmann.

Deutschland ist für die Türkei das mit Abstand wichtigste Zielland für Ausfuhren und das drittwichtigste Importland. Der Warenhandel zwischen beiden Ländern hat einen Umfang von knapp 38 Mrd. Euro. Nach Treiers Worten beschäftigen deutsche Firmen über 120.000 Menschen in der Türkei und haben dort rund 10 Mrd. Euro investiert.

"Da gerät gerade einiges ins Rutschen", sagte Treier zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes. Mit Blick auf die jahrelang mit staatlichen Ausgaben straff auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftspolitik folgerte er: "Es hat den Anschein, als hätten die Türken ihr Pulver verschossen." Die Probleme von hohen Handelsdefiziten und wachsenden Schulden bei steigender Inflation hätten sich über eine längere Zeit derart aufgebaut, dass nun ein vergleichsweise kleiner Funken wie der mit Sanktionen geführte Streit mit der US-Regierung über einen in der Türkei inhaftierten amerikanischen Pastor ausreiche, "um das zum Kippen zu bringen". "Was ein Kardinalfehler war und ist, ist die Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank infrage zu stellen", fügte der DIHK-Manager hinzu. All das müsse korrigiert werden, um Schlimmeres zu verhindern.

In Deutschland spürten die Exporteure die aktuellen Probleme, vor allem den Wertverlust der Lira, als erste. "Das wird wohl noch stärker werden", warnte Treier. So seien die deutschen Ausfuhren im Juni gegenüber dem Vormonat um sechs Prozent gesunken, und auch die Ausfuhrzahlen des zweiten Quartals hätten unter denen des Vorquartals gelegen. Die Firmen vor Ort allerdings hätten in den letzten Monaten weniger gelitten: Im Gegenteil: "Deutsche Unternehmen, die in der Türkei schon tätig sind, hat man in der Phase politischer Schwierigkeiten sehr gut behandelt, damit sie bleiben", sagte er mit Blick auf die belasteten deutsch-türkischen Beziehungen in jüngeren Vergangenheit.

Allerdings hätten sich immer weniger deutsche Firmen in der Türkei neu angesiedelt. "Wir wissen von unserer Außenhandelskammer, dass die Geschäftspartnerentwicklung und die Standortsuche gerade vom deutschen Mittelstand zuletzt deutlich runtergegangen sind." Die Zahlen hätten sich binnen zwei Jahren halbiert. Der Präsident des Handelsverbands BGA, Bingmann, sagte, immer mehr deutsche Investitionen in der Türkei würden nicht nur wegen der dortigen Rahmenbedingungen zurückgehalten. Der Absturz der türkischen Lira habe die Verunsicherung weiter vergrößert. Die Währungseinbußen führten zudem zu nachlassender Kaufkraft in der Türkei. "Das ist bitter, denn die Türkei ist ein bedeutender Markt für unsere Unternehmen und böte viel Potenzial", urteilte der BGA-Chef.

Zu den Branchen, deren Geschäft in der Türkei schon Bremsspuren zeigte, gehört die Autoindustrie. Im ersten Halbjahr 2018 gingen die Neuzulassungen nicht zuletzt unter dem Eindruck der Lira-Schwäche deutlich zurück. Zwei Drittel der Neufahrzeuge werden importiert. Entsprechend verteuert der Lira-Verfall diese Einfuhren. Schon 2017 war der Absatz von deutschen Autos in der Türkei um 19 Prozent auf 139.600 Pkw abgesackt.

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