LEITARTIKEL von

Der Traum von Sicherheit

Wir leben in einer unsicheren Welt. Dementsprechend steigt unser Sicherheitsbedürfnis – auch beim Geld

Esther Mitterstieler © Bild: News/Ian Ehm

Ein Sicherheitsschloss reicht uns nicht mehr, wir wollen lieber zwei und erfreuen damit zumindest die Chefs spezialisierter Unternehmen. Wie der Unsicherheit entgegenwirken? Die meisten Politiker sagen: indem wir die Grenzen absperren und fremde Menschen nicht mehr in unser Land lassen. Darüber kann man nächtelang diskutieren, löst aber gewiss das Grundbedürfnis des Menschen nach Sicherheit nicht. Und der Mensch fürchtet sich mitunter derart, dass man ihn nachhaltig beruhigen möchte, dass sich die Welt noch dreht.

Finanzielle Sicherheit hat mit Zuwanderung aus anderen Staaten wenig zu tun. Es gibt viele Menschen, die glauben, sie müssen ihr Leben lang arbeiten, um einen sicheren finanziellen Polster zu haben – für die Kinder, fürs Alter, für mögliche späte Krankentage. Ein in Österreich besonders ausgeprägtes Bedürfnis, das Versicherungen frohlocken lässt. Wir wollen gerne sicher sein. Nur für den Fall. Auch den möglichen, der niemals eintritt. Jetzt gibt es Menschen, die offensichtlich noch mehr Sicherheit wollen – ohne allzu viel eigenes Zutun. Die Verfechter des Grundeinkommens für alle gehören dazu. Dies würde ähnlich wie bei der Familienbeihilfe bedeuten: Jeder bekommt – sagen wir – 1.000 Euro Grundeinkommen, egal ob Millionär oder Arbeiter. Kein Wunder, dass sich viele Experten dagegen aussprechen. Einerseits muss man sich fragen, wie ein Staat, der ohnehin mit einem jährlichen Schuldenberg von zig Milliarden kämpft, auch noch ein Grundeinkommen für alle finanzieren sollte. Abgesehen von den verhaltensökonomischen Aspekten: Glauben wir wirklich, dass es für Menschen gut ist, nichts zu tun und trotzdem Geld zu bekommen? Nicht einmal die Idee der Einheitslöhne und -preise in den ehemaligen kommunistischen Staaten hat funktioniert. Dabei haben die Menschen dort gearbeitet. Studien zeigen, dass die Kubaner von 1964 bis 1973 in einem System mit Einheitslohn immer unproduktiver wurden – mit fatalen Folgen für die Volkswirtschaft.

Noch ein Aspekt darf nicht vergessen werden: Nach der Einführung von Grundeinkommen für alle könnte es schnell vorbei sein mit gratis Krankenhausaufenthalten, Sozialversicherung etc. Denn der Staat müsste sich zwischen Sozialstaat und Grundeinkommen entscheiden. Das sagt Markus Marterbauer, ein unverdächtiger Experte, von der Arbeiterkammer und kein Neoliberaler.
Will heißen: Wir müssen uns überlegen, wie Zukunft in Europa wirklich gestaltet werden kann. Die Digitalisierung treibt uns in neue Jobfelder, vor allem technologische, aber auch in althergebrachte, die neu gestaltet werden könnten.

Pflege- und Lehrberufe sollten sowieso unter einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet werden. Wenn heute keiner mehr arbeiten würde, weil er Grundeinkommen kassiert, dann gnade uns Gott! Wer sagt, dass man im Gesundheitswesen nicht durch bessere Bezahlung und klügeren Umgang mit Arbeitszeiten attraktive Jobs schaffen könnte? Wir müssen versuchen, qualifizierte Menschen aus anderen Branchen in diese Bereiche zu bringen. Viele von ihnen, etwa aus dem Medien- oder Bankenbereich, sind ohnehin schon ohne Job. Ist uns das alles nicht bewusst oder schauen wir lieber aktiv weg, weil uns die Beschäftigung mit der Zukunft nur unsicher macht?