"Der Star aus der zweiten Reihe": Grosso avancierte zum umjubelten Helden Italiens

Verteidiger öffnete gegen Deutsche Tür zum Finale Spielte vor fünf Jahren noch in der vierten Liga

Grande, Grandissimo, Grosso! Ausgerechnet Italiens vermeintlich Schwächster, Fabio Grosso, hat der "Squadra Azzurra" mit dem "Tor seines Lebens" zum 1:0 beim 2:0-Halbfinalsieg gegen Deutschland die Tür zum WM-Finale geöffnet. Der Verteidiger avancierte zum italienischen WM-Helden. "Ich finde nur wenig Worte, ich bin überglücklich", sagte der 28-Jährige, der vor dem Hintergrund des Skandals in seiner Heimat die historische Tat gar nicht fasste.

Kopfschüttelnd, wie in Ektase versetzt und laut schreiend rannte der Abwehrmann nach seinem für DFB-Keeper Jens Lehmann unhaltbaren Schuss in der 119. Spielminute fast bis zur Mittellinie, bevor ihn die jubelnden "Azzurri" unter sich begruben. In 47 Spielen für US Palermo hatte der Verteidiger in der vergangenen Saison keinen einzigen Treffer geschossen. In Dortmund gelang ihm im 22. Länderspiel sein zweites Teamtor.

"Grosso war grandios", lobte Teamchef Marcello Lippi seinen 1,90 Meter großen Schützling, der vor fünf Jahren noch in der vierten Division herumgekrebst war. Erst hielt er mit seinem in letzter Spielminute herausgeholten Elfmeter zum 1:0-Achtelfinalsieg gegen Australien die Italiener im Turnier, jetzt beendete er Deutschlands Titelträume im Halbfinale. Alessandro Del Pieros Tor mit dem Schlusspfiff zum 2:0 war nur noch Zugabe für die "Festa italiana".

Del Piero, der erst in der 104. Minute für Perrotta eingewechselt worden war und in der 121. Minute getroffen hatte, war ob des Erfolgs fast sprachlos. "Es ist fantastisch, ein Teil eines solchen Spiels gewesen zu sein. Das Gefühl, die Deutschen in ihrem Stadion geschlagen zu haben, ist nicht zu beschreiben, mir fehlen die Worte", stammelte der routinierte Juve-Stürmer.

Leben abseits der Klatschspalten
Grosso gab sich in der Stunde seines größten Triumphes eher gewohnt wortkarg und bescheiden. Das Team sei grandios gewesen, betonte Grosso, der das Tor "der Familie, den Freunden und vor allem seiner Frau" widmete. Im Herbst erwarten die Grossos ihr erstes Kind. Der gebürtige Römer heiratete seine Jugendliebe, mit der er anders als Italiens Superstar Francesco Totti und seine durch das Show-Business tingelnde Frau Ilary ein ruhiges Leben außerhalb der Klatschspalten führt.

Auch in der "Squadra Azzurra" gehört der in der Defensive zuweilen steif wirkende Grosso zu den unauffälligen. "Grosso ist ein Star aus der zweiten Reihe", schrieb die "La Gazzetta dello Sport" am Mittwoch. Die Deutschen hielten ihn vor dem Halbfinale gar für den Schwachpunkt im Team. Grosso hat sie mit seinen Flankenläufen und seinem Tor eines Besseren belehrt.

Inter angelte sich Helden vor der WM
Inter Mailand hatte den Wert des nun zum Volkshelden aufgestiegenen Grosso schon längst erahnt. Für 5,5 Mio. Euro Ablöse verpflichtete Inter ihn kurz vor der WM und reibt sich nun die Hände: Nach der WM wäre Grosso viel teurer gewesen. Der ist sich sicher, dass er und die "Azzurri" mit dem vierten WM-Titel nach Hause kommen werden: "Wir glauben fest, dass wir es wie schon gegen Deutschland schaffen können", sagte Grosso mit leiser Stimme und verschwand zum nächsten großen Auftritt in Berlin.

(apa/red)