Der Sohn eines Dissidenten als Präsident: Boris Tadic als Verfechter der EU in Serbien

Lange Zeit hat er Wahlkampf als Routine betrachtet Von Bündnispartnern mit Zurückhaltung begegnet

Der Sohn eines Dissidenten als Präsident: Boris Tadic als Verfechter der EU in Serbien © Bild: Reuters/Djurica

Boris Tadic präsentiert sich als Hoffnungsträger der EU in Serbien. Lange Zeit hat er zu sicher mit seinem Sieg gerechnet. Erst als die Regierungspartner die Zustimmung verweigert hatten, sah er den Ernst der Lage. Zwischen den unsichern Partnern und der EU hin und her lavierend versucht er Halt zu finden.

Sollte es dem serbischen Präsidenten Boris Tadic am Sonntag nicht gelingen, seine Wiederwahl zu sichern, wird so mancher Anhänger des demokratischen Präsidentschaftskandidaten dies auch auf seine Kompromissbereitschaft zurückführen. Denn gerade dieses Merkmal des redegewandten Politikers, das unter den Freunden in der eigenen Demokratischen Partei (DS) nicht immer auf Zustimmung trifft, wird im serbischen politischen Alltag nicht selten als Zeichen der Schwäche bewertet.

Unsichere Bündnispartner
Tatsächlich schien sich der 1958 in Sarajevo geborene Klinikpsychologe, der seinen Wahlkampf bis zum ersten Durchgang fast wie eine langweilige Tagespflicht verrichtete, des Ernstes der Stunde erst bewusstgeworden zu sein, als ihm die Regierungspartner, allem voran Premier Vojislav Kostunica, die erwartete klare Unterstützung vor der Stichwahl verweigerten. Denn der Demokratischen Partei Serbiens (DSS) und ihrem Juniorpartner, der Partei Neues Serbiens von Velimir Ilic, ist der DS-Präsidentschaftskandidat suspekt. Auch die Stärke seiner Partei ist den Regierungspartnern nicht genehm.

Die Beteuerungen Tadic', er wolle einen unabhängigen Kosovo nie anerkennen und einen entschlossenen Kampf für den Verbleib der UNO-verwalteten Provinz in Serbien fortsetzen, vermochten das Misstrauen der Bündnispartner nicht zu beheben. Sein grenzenloser Einsatz für die Eingliederung Serbiens in die Europäische Union ist ebenfalls jenes, was Missfallen bei den Euroskeptikern in der Regierung auslöst. Einige Politiker würden der Europäischen Union gar eine utopische Bedeutung beimessen, frohlockte man zuletzt in der DSS über den Einsatz Tadic'.

Sohn eines Dissidenten
In die Politik trat der Sohn des bekanntesten jugoslawischen Dissidenten Ljubomir Tadic bereits in den frühen 80er Jahren, als er den Antrag einer Belgrader Dissidentengruppe gegen das Gesetz des kommunistischen Regimes zur feindlichen Propaganda unterzeichnete. Daraufhin war er jahrelang als Klinikpsychologe und Psychologieprofessor an einem Belgrader Gymnasium tätig - zu seinen bekannteren Schülern gehörte auch der heutige Außenminister Vuk Jeremic -, bevor er sich 1990 der erst gegründeten Demokratischen Partei anschloss.

Der breiteren Öffentlichkeit blieb Tadic in den 90er Jahren unbekannt. Sein erstes Regierungsamt, jenes des jugoslawischen Kommunikationsministers, erhielt er nach der politischen Wende im Jahr 2000. Nach der Ermordung von Premier Zoran Djindjic im März 2003 übernahm er den Posten des Verteidigungsministers. Daraufhin wurde Tadic auch in das Ruder der Demokratischen Partei gehievt. Im Juni 2004 gelang es ihm, die Stichwahl für das Präsidentenamt gegen den Nationalisten Tomislav Nikolic überzeugend zu gewinnen.

Entschuldigung für Kriegsverbrechen
Der Demokrat zögerte nicht, sich kurz nach der Amtsübernahme in Sarajevo für Kriegsverbrechen zu entschuldigen. Auch Montenegro blieben nach einem Unabhängigkeitsreferendum im Jahr 2006, wodurch der Staatenbund mit Serbien aufgelöst wurde, die Glückwünsche des serbischen Präsidenten nicht vorenthalten.

"Ich kämpfe eigentlich nicht gegen Nikolic, sondern gegen den Haager Angeklagten Vojislav Seselj", versuchte der Vater zweier Töchter kurz vor der Stichwahl den Bürgern zu erklären, was auf Serbien aus seiner Sicht bei einem Sieg von Nikolic zukommen würde.

(apa/red)