"Der Priklopil war ein klasser Bursch": Anrainer können es noch immer nicht fassen

Nachbar: "Ich hätte Hand für ihn ins Feuer gelegt" Erst im Nachhinein Ungereimtheiten im Doppelleben

Der langjährige Nachbar von Wolfgang Priklopil kann immer noch nicht fassen, dass der unscheinbare Mann in dem Haus neben ihm jahrelang ein Mädchen gefangen gehalten haben soll. "Der Priklopil war ein klasser Bursch - freundlich und hilfsbereit. Ich hätte die Hand für ihn ins Feuer gelegt. Das perfekte Doppelleben", gab sich Josef J. gegenüber der APA weiter fassungslos. In den letzten Wochen vor ihrer Flucht hat J. Natascha Kampusch unmittelbar zu Gesicht bekommen, Kontakt nahm sie aber nicht auf.

Verdacht hat Josef J. in all den Jahren nicht geschöpft. Nicht einmal bei den Besuchen im Haus des Entführers, bei dem ihm Priklopil stolz sein frisch hergerichtetes Bad gezeigt hat. "Da war einfach nichts, was daraufhin gedeutet hat", sagte J. Das einzig Sonderbare war, dass sein Nachbar stets die Jalousien geschlossen hatte. "Er hat aber gemeint, er mag das so und er ist eh nie da."

Im Nachhinein gab es natürlich Ungereimtheiten. "Er hat immer von einer Uschi fantasiert, mit der er auf den Semmering Skifahren fährt. Ich habe ihm gesagt: 'Na, zeigt mir mal die Uschi'. Das hat er aber nicht gemacht". Dass diese ominöse Uschi in Wahrheit Natascha Kampusch war, die gerade im Keller eingesperrt gewesen war, lässt J. nur den Kopf schütteln: "Wer denkt denn an so etwas".

In den letzten Wochen vor der Flucht von Natascha Kampusch veränderte sich das Geschehen im Nachbarhaus. Plötzlich huschte eine dünne Gestalt durch den Garten von Priklopil. Hin und wieder wurde eine junge Frau beobachtet, die dem Mann bei Gartenarbeiten half. Auch im Auto des Entführers wurden die beiden immer wieder gesehen.

J. sah das mysteriöse Mädchen Ende Juli 2006 dann aus nächster Nähe. "Sie ist mir hier hinter dem Zaun genau gegenübergestanden. Sie war sehr dünn und blass und hatte kurze blonde Haare", erinnert sich der Nachbar. "Der Wolfi hat gesagt, dass sie eine Arbeiterin aus Jugoslawien ist, die er über einen Arbeitskollegen organisiert hat und die ihm im Haus hilft", sagte J. Für die Anrainer reichte diese Erklärung.

Natascha Kampusch hat nie versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. "Nichts. Kein Wort. Sie hat mich nur angesehen", so J. Sie hätte auch nie versucht, einen Zettel durch den Zaun zu stecken oder sich sonst bemerkbar zu machen. "Aber vielleicht hätte der Wolfi sie dann wirklich umgebracht", meinte J.

(apa/red)