Der "Mod God" kann's noch immer: Paul Weller blickt in 4. Live-Album weit zurück

"Catch-Flame" ist Mitschnitt eines Konzerts in London Versammelt Eindrücke aller Phasen seiner Karriere

Der "Mod God" kann's noch immer: Paul Weller blickt in 4. Live-Album weit zurück

Er ist ein Sturkopf. Immer noch. Dieser Tage veröffentlicht Paul Weller mit "Catch-Flame" (V2/Rough Trade) das vierte Livealbum in seiner Karriere. Und dabei klingt der Brite stellenweise so gar nicht nach dem schlanken, kompakten, tight geschnittenen Pop, als dessen Galionsfigur er gilt.

"Es ist immer möglich, dass man sich verändert, dass man sich neu erfindet", erklärt Weller im AP-Interview. "Ich kann nicht jahrelang die selben Platten machen. Ich muss immer wieder mal etwas neues ausprobieren. Nach dem Split von Style Council brauchte ich zwei Jahre, mich neu zu orientieren und kam dann mit etwas frischem, neuem an. Vielleicht ist das jetzt wieder so."

Bei drei Stücken auf dem voluminösen Doppelalbum reißt er sogar die Acht-Minuten-Grenze, stürzt sich mit seinen Begleitern in Jams. Und versetzt denen einen kleinen Kopfstoß, die glauben, Paul Weller in ein bestimmtes Regal stellen zu müssen.

Stilwandel in Permanenz
Es wäre nicht das erste Mal, das er sich neu erfindet. Ende der siebziger Jahre tauchte Paul Weller in der Musikszene auf und brachte etwas völlig neues in die Punk-Euphorie: den scharf geschnittenen Dreiknopf-Anzug. Weller und seine Formation The Jam veröffentlichten zwischen 1977 und 1982 acht LPs mit vom Punk inspirierten Pop-Rock, der an die Sechziger anknüpfte und ein gewaltiges Hitpotenzial besaß. Doch nicht nur als Musiker waren The Jam erfolgreich - sondern auch als Style-Ikonen. Sie standen an der Spitze der Mod-Revival-Bands; Gruppen, die mit ihren Fans an eine Jugendkultur aus den frühen Sechzigern anknüpfte. Dazu gehören stilsichere Kleidung, das Fahren von Vespa- oder Lambretta-Rollern und ein jugendbewegtes Rebellieren.

Für Paul Weller, der Ende Mai seinen 48. Geburtstag gefeiert hat, ist das immer noch Teil seines Lebens. "Natürlich bin ich immer noch Mod. Mod-ism kann gar nicht aus der Mode kommen; es ist klassisch und alles, was klassisch ist, kann nicht aus der Mode kommen. Beim Mod-Ding ist es so, dass es sich immer wieder neu erfindet; eine neue Generation kommt und entdeckt neue Details, entwickelt die Bewegung weiter. Mod-Sein ist ein Code, ein Style, eine immerwährende Jugendbewegung. Ich kann da nicht raus und will da auch nicht raus."

Diese unbändige Mod-Energie hört man auch dem "Catch-Flame"-Album an; besonders am Anfang, wenn Weller und seine Begleiter zwischen "Blink & You*ll Miss It" und "From The Floorboards Up", vom dritten bis zum sechsten Stück die Funken fliegen lassen. Doch bietet "Catch-Flame" weit mehr als das.

Rückblick auf lange Karriere
Paul Weller blickt mit dem Live-Mitschnitt auf seine bisherige Karriere zurück. Und die war voll von Brüchen. Nachdem er The Jam ebenso kurzerhand wie überraschend aufgelöst hatte, gründete Paul Weller The Style Council und bewegte sich nun zwischen Pop, sachtem Funk und Bar Jazz. Bei der Jahrzehntenwende zu den Neunzigern war Weller beim House angelangt. Seitdem macht der aus Woking in der englischen Grafschaft Surrey stammende Weller seine Platten ganz alleine.

Auf "Catch-Flame" finden sich neben den druckvollen auch wunderbar balladeske Momente (vor allem auf der zweiten Platte, vier Stücke lang zwischen "You Do Something To Me" und "The Peeble & The Boy"), überbordender Soul-Rock, treibender Achtziger-Jahre-Pop und einige übertrieben aufgetürmte Rock-Manierismen. Erstaunlich, dass das Album der Mitschnitt eines einzigen Konzertes ist (am 5. Dezember im Londoner Alexandra Palace).

Doch hier ist die Einfachheit das Ergebnis von Weller Perfektionismus - und seinem Sturkopf: "Wir haben fast alle Shows der Tour aufgenommen", erklärt Weller: "Mit einem mobilen Studio, ich bin da sehr altmodisch. Aber ich war nie so richtig zufrieden. Aber irgendwann musst du eine Entscheidung treffen. Und dann habe ich mich gleich für eine ganze Show entschieden, anstatt das Album zusammenzubasteln."
(APA/red)