"Der Meister des stillen Theaters": Marcel Marceau verstirbt im Alter von 84 Jahren

Das Lebenswerk des weltberühmten Pantomimen Künstlerischer Durchbruch 1945 als Harlekin

"Der Meister des stillen Theaters": Marcel Marceau verstirbt im Alter von 84 Jahren

"Die Kunst der Pantomime verleiht ewige Jugend", hatte einer seiner Lehrer, Etienne Decroux, dem Künstler 1944 vorausgesagt. Mimodramen nannte Marceau seine poetischen Erfolgsnummern, bei denen Bip als David auftrat und sich in Goliath verwandelte oder in Don Juan, und die von Liebe und Glück, Fröhlichkeit und Trauer, Alter und Tod erzählten. Die lyrische Körpersprache, mit der er "Gefühle durch charakteristische Haltungen" ausdrückte, war nie aggressiv oder verletzend. "Ich war nie ein Extremist", sagte der Sohn eines jüdischen in Auschwitz ermordeten Fleischhauers einst und fügte hinzu: "Ich habe nie begriffen, wie Christen Antisemiten sein konnten."

Marcel Marceau wurde 1923 im elsässischen Straßburg als Marcel Mangel geboren. Marceau floh mit seinem Bruder und seiner Mutter 1940 in die nordfranzösische Stadt Lille. In der französischen Widerstandsbewegung nahm er den Namen Marceau an und diente nach dem Einmarsch der Alliierten in Paris der 1. Befreiungsarmee. Bei seinem späteren Militärdienst in Deutschland trat er vor Kameraden erstmals als Pantomime auf. Seinen künstlerischen Durchbruch erlebte Marceau dann als Harlekin in dem Film "Kinder des Olymp" (1945) des französischen Meisterregisseurs Marcel Caree.

Sein Lehrer
Marceau lernte die Pantomime wie auch Jean-Louis Barrault bei Charles Dullin und dem legendären Etienne Decroux, dem Erfinder einer Grammatik der Gesten, der seine Schüler zwang, einen Strumpf über das Gesicht zu ziehen, um ihre Mimik zu unterdrücken. Nach dem Krieg war Marceau zunächst in Dullins Truppe am Pariser Sarah Bernhardt-Theater. Für Marcel Carnes Film "Kinder des Olymp" wurde er als Barraults Double engagiert und schloss sich 1946 der Compagnie Barraults und seiner Frau Madeleine Renaud an. Gemeinsam mit Barrault, mit er bis 1949 zusammenarbeitete, entwickelte er auch die Figur des traurigen und ironischen Weißclowns "Bip", der im quer gestreiften Trikot, mit weißer Hose und einer roten Blume am zerknautschen Zylinder Geschichten aus dem Alltag stumm erzählte.

Monsieur Bip
Zwischen 1949 und 1964 tourte Marceau mit einem eigenen Ensemble durch die ganze Welt und begeisterte sein Publikum mit "Bip"-Geschichten, Stilübungen und "Mimodramen". Bertolt Brecht, Mary Wigman und Harald Kreutzberg kamen zu seinen Aufführungen, zu seinen Fans gehör(t)en sein großes Vorbild Charlie Chaplin ebenso wie Anthony Hopkins, Rudolf Nurejew oder Michael Jackson, dessen "Moonwalk" von Marceaus berühmter Stilübung "Der Marsch gegen den Wind" inspiriert ist. Diesen Klassiker hatte Marceau bei seinem Wien-Gastspiel ebenso im Gepäck wie "Die Erschaffung der Welt" oder "Die Treppe".

1993 wurde er von der berühmten Pariser Academie des Beaux-Arts zum "unsterblichen" Mitglied gekrönt. Japan ernannte ihn sogar zum "lebenden nationalen Schatz". "Er ist von Geistern, die man sieht, umgeben", sagten dort die Zuschauer. Im Jahr 2001 wurde er schließlich von den Vereinten Nationen in New York zum "Botschafter für ältere Menschen" auserkoren.

Bei den Salzburger Festspielen
Vor zehn Jahren gastierte er mit einem Gastspiel bei den Salzburger Festspielen, im Juli 2004 begeisterte er in drei Vorstellungen das Publikum im Wiener Museumsquartier. Marceaus Kunst, die aus 120 Gesten und Bewegungen bestand, lebte von der Identifikation und ist nicht mehr von seinem Namen zu trennen. "Das Theater ist überall in der Welt zu weit vom Physischen abgekommen", sagte er einst, "Sie geben Worte statt Körper. Ich erzähle von den allereinfachsten Dingen. Ich gebe den Leuten im Theater wieder einen Helden - Bip -, in den jeder Einzelne sich selbst hinein zu denken vermag. C'est tout!" (apa/red)