Theaterkritik von

Politisches Roulette

Theaterkritik - Politisches Roulette © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Das Akademietheater zeigt Carl Sternheims Komödie „Der Kandidat“. Gregor Bloéb brilliert in der Titelrolle.

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Der Typus des wohlhabenden Unternehmers, der in die Politik geht, ist in den letzten Jahren aus der Realität in den USA, in Kanada und damit auch in Österreich bekannt. Gustave Flaubert zeigte dieser Art von Karrieristen bereits 1874 in seinem Stück „Le Candidat“. Der deutsche Schriftsteller Carl Sternheim verlegte Flauberts Geschichte aus Frankreich ins Wilhelminische Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Regisseur Georg Schmiedleitner und Dramaturg Florian Hirsch holen Sternheim in die Gegenwart und zeigen das Spiel um die Macht als Vabanquespiel eines gelangweilten Bankers, der sich mit 42 Jahren zur Ruhe gesetzt hat, weil er schon alles hat.

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Ein fast ständig rotierendes, hell erleuchtetes Rad, das sich heben und senken lässt, dient dem Ensemble als Podium. Darüber prangt ein beweglicher Spiegel. Den Rest der Bühne hat Volker Hintermeier im Dunkeln gehalten. Auf diesem Rad wird geturnt, balanciert und konversiert, wenn die aberwitzigen Verrenkungen und Slapstick-Einlagen, die von den Schauspielern meist sinnfrei bewältigt werden müssen, die Kommunikation überhaupt zulassen. Ein ähnliches Szenario hat man schon von Andreas Kriegenburg in dessen Inszenierung von Franz Kafkas „Prozess“ gesehen, nur viel besser. Das liegt aber keineswegs am Ensemble. In dessen Zentrum steht Gregor Bloéb als ehemaliger Banker Russek. Fulminant porträtiert er den reichen Mann, der in der Politik nach neuem Drive für sein fades Leben sucht. Als eine Art Jerry-Lewis-Figur tritt er im Pyjama mit dicker, schwarzer Brille auf. Ein Tölpel, der sich zunächst nur von den anderen formen lässt. Doch er ist anders als alle anderen. Darauf verweist Schmiedleitner mit seiner Personenführung, denn Bloéb ist der einzige, der sich nicht ständig verrenken oder wie eine Comic-Figur umfallen muss. Er macht zunächst mit, wenn ein politischer Gegner aufgebaut und wieder vernichtet wird, er stellt sich mit leeren Phrasen zur Verfügung. Dann aber geschieht jäh eine Wandlung, wenn er mit scharfer, populistischer Zunge dem Volk seine Regeln aufzwingt.

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Bloéb macht mit seinem präzisen Spiel die Verwandlung vom ahnungslosen Schnösel zum erfolgreichen Politiker klar nachvollziehbar. Sabine Haupt, die körperlichen Hochleistungssport betreiben muss, überzeugt als dämonische Anwältin, in diesem Fall als Spin-Doktorin. Florian Teichtmeister trotzt der Bühne bravourös und zeigt idealtypisch den Medienunternehmer Grübel. Petra Morzé ergänzt als Frau Russek. Sebastian Wendelin agiert akkurat als Redakteur Bach. Dietmar König überzeugt als Fotograf und Gegenkandidat. Valentin Postlmayr ringt den kleinen Rollen als Gistl und Moderator einer Show das Möglichste ab. Christina Cervenka und Bernd Birkhahn ergänzen. Matthias Jaksic und Sam Vahdat umrahmen das Geschehen musikalisch unaufdringlich. Der größte Einwand gilt der Bearbeitung des Textes, die Sternheims politischer die Schärfe nimmt. Trotzdem ist dieser „Kandidat“ absolut sehenswert.