Der Jahrhundertprozess von St. Pölten:
Jetzt ist das Opfer endlich einmal am Wort

NEWS: Wie der Täter sich vor Gericht verteidigen will Josef Fritzl wird von der Tochter massiv beschuldigt

Der Jahrhundertprozess von St. Pölten:
Jetzt ist das Opfer endlich einmal am Wort © Bild: APA/Georg Hochmuth

Die Uhr tickt. Vier Tage, drei, zwei … bald wird die mediale Zeitrechnung bloß noch in Stunden stattfinden – bis es so weit ist. Bis der "Jahrhundertprozess" stattfindet. Bis Josef Fritzl vor Gericht steht. Der "Dämon", die "Bestie", der "Satan".

Der Mann, der 24 Jahre, 8.516 Tage lang seine Tochter im Keller seines Hauses in Amstetten gefangen gehalten, mit ihr acht Kinder gezeugt hat – wovon eines schon im Mutterleib und ein weiteres kurz nach seiner Geburt starb; drei in der "offiziellen Welt" des Täters aufwuchsen, bei dessen Ehefrau; und drei bis zum Bekanntwerden des Wahnsinnsverbrechens im April 2008 ebenfalls in dem Verlies
in Geiselhaft gewesen sind.

Doch am Montag, dem 16. März 2009, wird plötzlich alles – irgendwie "anders" sein. Die Menschen hier, die Menschen im Ausland, all die Menschen, die seit Monaten die zahlreichen Meldungen zu dem Kriminalfall verfolgt haben – können IHN dann "wirklich sehen". Im Verhandlungssaal. Live, beinahe. Im TV, auf Fotos. Und die Bilder des 73-Jährigen werden so different scheinen zu jenen, die bislang von ihm kursierten.

Alter Mann mit schütterem Haar
Keine "Monstergestalt", sondern ein kleiner, schwächlich wirkender Mann mit fahler Gesichtsfarbe und schütterem Haar wird auf der Anklagebank des Großen Schwurgerichtssaals im St. Pöltener Landesgericht Platz nehmen, und seine Stimme, sie wird überhaupt nicht zu der Vorstellung davon, wie ein "Peiniger" zu reden hat, passen. Josef Fritzl – er spricht leise, langsam, und seine Tonfärbung ist eher hoch als tief.

Ja, schon, er wird über sein schreckliches Handeln, über seine kaputte Seele, über "den bösen Teil" in ihm erzählen; er wird sagen, dass ihm "alles leid tut", dass er das Geschehene rückgängig machen möchte, dass er für sein Verbrechen büßen will; er wird sich bei seinen Opfern entschuldigen.

24 Jahre lang missbraucht
Laut der Frau hat Josef Fritzl sie ab dem zweiten Tag ihrer Gefangenschaft regelmäßig sexuell missbraucht. Solange sie psychisch und physisch dazu in der Lage war zu versuchen, sich zu wehren, hätte der Täter sie verprügelt, ihr Fußtritte versetzt, "ihr", wie in der Anklageschrift zu lesen ist, "den Mund zur Unterbindung der Luftzufuhr zugehalten und ihr mit folgenden Worten gedroht: 'Wenn du das nicht tust, dann wird es noch schlimmer, und du kannst sowieso nicht aus.' …"
Die Bauchfessel sei ihr erst nach mehr als einem halben Jahr abgenommen worden. Nach Monaten, in welchen sie nächtelang gegen die Mauern des Bunkers gehämmert und, bis sie heiser gewesen war, um Hilfe geschrien hatte. Bis sie erkennen musste, dass es keine Rettung gab, sie ihrem Peiniger völlig ausgeliefert war – und
in Resignation verfiel.

Die Zustände im Verlies: katastrophal. Die Wände feucht und schimmelig, die Luft schneidend dick, immer wieder nisteten sich Ratten ein. 1993 erweiterte der Täter den Kerker um zwei Räume, um 40,02 Quadratmeter, baute eine Dusche ein und brachte einen Kühlschrank, ein Backrohr und eine Waschmaschine in den Bunker. Waren seine Opfer krank, versorgte der Mann sie lediglich mit Aspirin. Wollte er sie bestrafen, schaltete er – mitunter tagelang – den Strom ab. Und wenn er auf längeren Urlauben oder auf Dienstreisen war, "kam es vor", berichtet die Tochter, "dass die Lebensmittel ausgingen". Und zudem die ständigen Drohungen des Peinigers: "Wenn ihr versucht zu fliehen, löst ihr Fallen aus. Und ihr werdet durch Stromstöße oder durch Gas getötet."

Aber Josef Fritzl, der "Meister des Verdrängens und Verleugnens", er wird auch bei seinem Prozess sagen, mit leisen, gewählten Worten und mit seiner hellen Stimme – dass viele dieser „Horrorgeschichten“ nicht der Wahrheit entsprächen. Dass er sein Opfer niemals angekettet oder geschlagen habe. Dass er bis zu seiner Inhaftierung nichts von einem Abortus der Frau gewusst und Michael, das Baby, das im Kerker starb, erst gesehen habe, als es bereits tot war. Dass er nicht verstehe, warum seine Tochter nun so viele Lügen über ihn erzähle, dass sie vermutlich manipuliert worden sei, von der Polizei und der Justiz. Dass er die Hoffnung nicht aufgebe, seine Opfer könnten ihm verzeihen.
Und Josef Fritzl wird sagen, dass er selbst sich eigentlich immer noch als „einen treusorgenden Familienvater“ sieht …

Martina Prewein

Ist Josef Fritzl ein Mörder? Mehr dazu lesen Sie im aktuellen NEWS 11/2009.