Der Frühling liegt in der Luft: Typische Gerüche werden vom Gehirn abgespeichert

Riecht "erdig, modrig und auch ein bisschen faulig" Frühlingsduft nüchtern gesehen nicht besonders gut

Der Frühling liegt in der Luft: Typische Gerüche werden vom Gehirn abgespeichert

Die Redewendung "Der Frühling liegt in der Luft!" hat einen wahren Kern. Der "Lenz" verströmt einen markanten Duft mit Wiedererkennungswert, den man nachweislich riechen kann. Das typische Frühlings-Aroma wird erlernt, im Gehirn gespeichert und hat einen Einfluss auf körperliche Veränderungen, Entscheidungen und Stimmungen, erklärte Geruchsforscher Hanns Hatt von der deutschen Ruhr-Universität Bochum im APA-Gespräch. Nüchtern gesehen riecht der Frühling aber nicht besonders gut: Erdig, modrig und ein bisschen faulig.

"Jeder kennt den Duft von Frühling", so Hatt. "Das ist der Geruch, wenn die Sonne zum ersten Mal auf den Boden trifft und die Erde das Moos, das Gras und die Blätter wärmt." Hinzu kommt ein vielfältiges Bouquet betörender Frühlingsblumen. Im Winter gibt es vergleichsweise weniger Geruchsstoffe. "Im Schnee wird alles eingefroren, auch die Duftmoleküle", erklärte der Experte. Dies sei auch physikalisch nachweisbar, ein gutes Beispiel dafür wäre eine tiefgekühlte Tomatensuppe, die im Gegensatz zu einer frisch gekochten kaum rieche.

Fauliger Geruch positiv abgespeichert
"Erdig, modrig, ein bisschen faulig - Nüchtern gesehen ist der Frühlingsduft eigentlich nicht besonders gut", so Hatt. "Wenn man den Geruch riecht ohne zu wissen, dass er mit dem Frühling zusammenhängt, wäre er gar nicht angenehm." Die Attributen "gut" oder "schlecht" werden Düften aber je nach Bedeutung zugeordnet. Nur darum werde der eigentlich "abgestandene" Frühlingsluft als etwas Positives beurteilt. Ein Beispiel dafür sei auch der "Gestank" eines Neuwagens, der dank der gedanklichen Verbindung mit Stolz auf den Kauf als angenehm eingestuft werde.

Die Wirkung von Düften reicht laut Hatt noch weiter. Der Frühlingsgeruch signalisiere dem Körper den Beginn der warmen Jahreszeit und löse so bestimmte Hormonumstellungen und Stimmungsveränderungen aus. Besonders stark beeinflusst werden Verhalten sowie Entscheidungen, meinte der Forscher. Untersuchungen würden beispielsweise belegen, dass Pkw-Lenker, bei Brotduft im Wagen aus Hunger schneller fahren. Neuwagen-Gerüche bewirken Angst vor Schäden und somit ein langsameres Tempo.

Spermien durch Maiglöckchen beeinflusst
Auch Frühlingsgefühle haben mehr mit Duft zu tun als man im Allgemeinen annehmen würde: Bei der Fortpflanzung ist gerade der Duft des Frühlingsboten Maiglöckchen enorm wichtig. Bei Untersuchungen habe er mit Kollegen nachgewiesen, dass die Eizelle durch einen ähnlichen Geruch wie die Pflanze Spermien leite und so als Wegweiser diene, erklärte Hatt. Zusätzlich dürfte ein wahres Blumenduft-Bouquet die Bewegung und das Tempo der Spermien steuern.

Der Frühlingsduft, der in seiner Gesamtheit noch nie künstlich imitiert wurde, finde sich vor allem in Parfüms wieder, erklärte der Geruchsexperte. Viele versuchen bestimmte Blumen nachzuahmen, mindestens so beliebt wie Rosen sind beispielsweise Maiglöckchen und Veilchen. Ein künstlicher Blumengeruch sei gar nicht einfach herzustellen, mindestens 100 chemische Bestandteile seien dafür notwendig, so Hatt. Um eine Narzisse mittels Duftwasser widerzuspiegeln, wurden bei einem japanischen Projekt sogar rund 900 Komponenten benötigt.
(apa/red)