Der Dalai Lama und die Exil-Regierung: Die Geschichte Tibets und sein strittiger Status

Unklarer Status Tibets nach Zerfall des Kaiserreiches Chinas Kampf gegen Feudalismus führt zu Einmarsch

Der Dalai Lama und die Exil-Regierung: Die Geschichte Tibets und sein strittiger Status © Bild: Reuters

Der Niedergang des chinesischen Kaiserreichs machte den Tibertern Hoffnungen. Nachdem China fast 200 Jahre Lang ein Protektorat über diese Region ausübte, strebte der Dalai Lama nun nach Unabhängigkeit. Großbritannien bestärkte dieses Ansinnen, um China zu schwächen. Mit dem Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee wurde auch die feudale Struktur des Landes umgekrempelt.

Tibet hatte von 1913 bis 1950 alle Merkmale einer vom internationalen Recht akzeptierten Staatlichkeit aufgewiesen. Nach dem Zusammenbruch des chinesischen Kaisertums (1911/12) hatte der 13. Dalai Lama 1913 die Unabhängigkeit Tibets proklamiert. 1914 fand auf Initiative Großbritanniens, zu dessen Kolonialreich Indien gehörte, eine dreiseitige Konferenz in Simla statt, um den staatsrechtlichen Status Tibets und die Grenzen zu klären. Den chinesischen Standpunkt, dass Tibet Teil der neuen Republik China geworden sei, akzeptierten die Tibeter nicht.

Britische Großmachtspolitik
Das Abkommen von Simla, das die uneingeschränkte Kontrolle Tibets über seine internen Angelegenheiten unter chinesischer "Suzeränität" (aber nicht Souveränität) festschrieb, wurde von den chinesischen Unterhändlern nur paraphiert. Zur Unterzeichnung kam es nicht. Großbritannien und Tibet erklärten daraufhin, dass sie sich an die Bestimmungen des Vertrages halten würden. Peking behauptet, dass die Nichtunterzeichnung durch China den Vertrag "null und nichtig" gemacht hätte. Es sieht in der Simla-Konferenz einen "schmählichen Akt des britischen Imperialismus".

Von 1913 bis 1950 wurden die außenpolitischen Beziehungen ausschließlich von der tibetischen Regierung bestimmt. 1950/51 marschierte die chinesische kommunistische "Volksbefreiungsarmee" mit 80.000 Mann in Tibet ein. Am 23. Mai 1951 unterzeichneten der Dalai Lama und der Pantschen Lama, beide noch nicht volljährig, in Peking ein 17-Punkte-Abkommen, das die Integration Tibets bei Wahrung seiner Autonomie in die Volksrepublik China vorsah.

Indisches Exil
Der Dalai Lama lebt seit 1959 im indischen Exil. Nach seiner Flucht baute er eine Exilregierung auf, die er über die Jahre nach westlichem Vorbild demokratisierte. Sie vertritt die Interessen von rund 130.000 Tibetern, die in Indien, Nepal, Nordamerika und Europa leben. Eine gewählte politische Führung sollte dem Dalai Lama erlauben, sich allmählich aus der politischen Verantwortung zurückzuziehen. So durften die Exil-Tibeter stellvertretend für alle Angehörigen des Volkes erstmals 2001 in geheimer und direkter Wahl einen eigenen Regierungschef wählen. Seitdem ist Samdhong Rinpoche, ein hochgelehrter Lama, Vorsitzender der provisorischen Regierung. Neben dem Dalai Lama als Oberhaupt eines Staates ohne Macht und Anerkennung obliegt dem Premier die politische Verantwortung für die Exilregierung. Bei einem Rückzug des Dalai Lama würde insofern kein politisches Vakuum entstehen. Der Premier steht einer Regierung aus acht Ministern vor, die vom Exilparlament aus 46 Mitgliedern gewählt werden.

Die Exilregierung betrachtet den Einmarsch der "Volksbefreiungsarmee" 1950 als Invasion, mit der ein unabhängiger Staat besetzt wurde. China hingegen interpretiert die Besetzung als "Befreiung des tibetischen Volks vom Feudalismus".

(apa/red)