Der literarische Autor einer neuen Welt: Charles Sealsfield Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt

Der literarische Autor einer neuen Welt: Charles Sealsfield Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt

Nordamerika, um 1825. Schauplatz der Handlung und beinahe auch eine der Hauptfiguren: der gewaltige Mississippi mit seinen wilden Flusslandschaften und die der sprießenden Vegetation abgerungenen Pflanzungen von Baumwolle und Zuckerrohr. Im Mittelpunkt der Geschichte: Howard und Louise, ein frisch vermähltes Paar, das sich auf seiner Reise stromaufwärts zu den Besitzungen des Bräutigams als solches den Freunden und vornehmen Kreisen anempfiehlt.

Und natürlich der vierschrötige, ungestüme Ralph Doughby, ein feuriger Brausekopf aus Kentucky, im Grunde zwar ein herzensguter Mensch, der aber mit Leichtsinn, Überschwang und allerlei Tollheiten, die nicht immer dem zartfühlenden Gemüt der Damenwelt entsprechen, die Zuneigung seiner Verlobten, Emilie Warren, verlor und nun eine neue Liebe finden soll – und wird.

Mit von der Bootspartie: Unterkühlte Nordländer und vielfach verspottete Kreolen, Damen und Herren der feinen Gesellschaft, sowie Quacksalber, Hausierer und Landstreicher, Jäger, Trapper und Fallensteller, allesamt raubeinige Hinterwäldler aus dem (noch wilden) Westen Amerikas, eine recht illustre Gesellschaft also, die aber nach Sealsfield wie die amerikanische Gesellschaft selbst alle Kontraste der Menschheitsgeschichte widerspiegelt: Während ziemlich bärbeißige und nur wenig gesetzestreue Gesellen das Land im Westen erschließen und damit der Zivilisation ihren Weg ebnen, rückt vom Nordosten des Landes eine feinere Gesittung nach.

Enttäuschte Gefühle und aufgeregte Gespräche in den Damen- und Herrensalons eines altgedienten Mississippi-Dampfers, jede Menge Toddy, Whiskey und Rum, eine Brautentführung, eine Hirschjagd und eine Dampferwettfahrt, Sklaven, die vor Freude über ihre Herren Purzelbäume schlagen – Ralph Doughby’s Esq. Brautfahrt ist ein Schwank aus der Neuen Welt, auch weil der Pragmatismus ihrer Bewohner nach Meinung des Autors weder zur großen Tragödie, noch zum bürgerlichen Rührstück reicht.

Charles Sealsfield entwirft ein farbenfrohes und pralles Gemälde der Flusslandschaften und ihrer Bewohner, in das er immer wieder Überlegungen zu Freiheit und Bürgerherrschaft amerikanischen Zuschnitts einarbeitet. Die Begeisterung an der eigenen, auf breit gestreuten Besitz basierenden und daher kaum auf andere Länder übertragbaren Ordnung kulminiert in dem ungetrübten Bewusstsein, dass die Zukunft nicht in Europa liegt und die Weltgeschicke künftig nicht dort, sondern in Amerika entschieden werden. Immerhin geht dem alten Europa die Sonne im Westen unter und während dort die Nacht hereinbricht, taucht an der Ostküste Amerikas die „helle Morgenröthe“ auf. „Ja, es ist eine Freude, Amerikaner zu seyn“ – auch wenn sich am nordamerikanischen Horizont bereits erste Brüche abzeichnen, etwa durch das Entstehen einer quasi-aristokratischen Elite.

Sealsfields Begeisterung für die Neue Welt manifestiert sich selbst in der Sprache. Frisch und lebendig, trifft das österreichisch eingefärbte Deutsch des 19. Jahrhunderts auf englisches und französisches Vokabular, als sollte sich die Vielschichtigkeit der amerikanischen Gesellschaft auch in einem neuen Stil widerspiegeln.

Vorgestellt von Rolf Vollmann, mit einem Essay über Sealsfield von H.G. Sebald und Auszügen aus einem Deutsch-Englischen Wörterbuch versehen, das 1850 in Philadelphia verlegt und den deutschen Einwanderern „mit deutschen Buchstaben und deutschen Tönen“ für die korrekte Aussprache an die Hand gegeben wurde, erscheint Ralph Doughby’s Esq. Brautfahrt als 259. Band der Anderen Bibliothek.

Charles Sealsfield, der eigentlich Karl Postl hieß, wurde am 3. März 1793 in Mähren geboren. Nach einem Theologie- und Philosophiestudium erhielt Postl 1816 die Priesterweihe und wurde Ordenssekretär des Kreuzherrenordens in Prag. 1823 floh er aufgrund ordensinterner und persönlicher Probleme und wegen eines politischen Klimas, das ihm nur wenig Perspektiven bot, über die Schweiz in die USA, nahm dort den Namen Charles Sealsfield an, arbeitete in den folgenden Jahren als Korrespondent, Journalist und Schriftsteller und leistete diplomatische Dienste für die USA und Frankreich bzw. Österreich und den Deutschen Bund. 1831 kehrte er nach Europa zurück, hielt sich zunächst in Paris und London auf und lebte ab 1832, abgesehen von zwei weiteren Aufenthalten in den USA (1837 und 1853 bis 1858), in der Schweiz. Dort entstanden die meisten seiner Reisebücher, Erzählungen und Romane über die Neue Welt.

Sein erfolgreichstes und bis heute bekanntestes Buch ist der Novellenzyklus Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken, in dem er sich mit dem texanischen Unabhängigkeitskampf und dem Aufbau einer republikanischen Ordnung auseinandersetzt. Charles Sealsfield starb am 24. Mai 1864 in Solothurn, sein Pseudonym wurde erst nach seinem Tode gelüftet.

Über die Autoren:
Rolf Vollmann wurde 1934 in Ostpommern geboren und wuchs in Tübingen auf. Er studierte Philosophie und arbeitet heute in Tübingen als Autor, Kritiker und freier Gelehrter. Sein berühmter biographischer Essay Jean Paul. Das Tolle neben dem Schönen, stammt aus dem Jahr 1975 und wurde 1996 bei Eichborn wieder aufgelegt. In der Anderen Bibliothek sind erschienen: Shakespeares Arche. Ein Alphabet von Mord und Schönheit (1988) und Die wunderbaren Falschmünzer. Ein Roman-Verführer (1997).

W.G. Sebald wurde 1944 in Wertach im Allgäu geboren und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2001 als Dozent und Autor in Norwich. In der Anderen Bibliothek erschienen Schwindel. Gefühle (1990), Die Ausgewanderten (1993) und Die Ringe des Saturn (1995).

SERVICE:
Charles Sealsfield
Ralph Doughby's Esq. Brautfahrt
Ln., 300 S
AB Nr: 259
Erscheinung: Ende Juni 2006
ISBN: 3-8218-4576-7
28,50 € [D] / 52,00 SFR