Leitartikel von

Der arme Martin und die anderen

Europaweit sind die einst stolzen Sozialdemokraten nur noch Schatten ihrer selbst. Dabei gäbe es einen Ausweg

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Er konnte einem richtig leidtun. All die Tage, Wochen und Monate eines kaum endenden Wahlkampfs. Martin Schulz, das letzte Aufgebot der deutschen Sozialdemokratie, rannte, schrie und schwitzte beim Versuch, Angela Merkel als Kanzlerin abzulösen. Ganz am Beginn, als er im Jänner die Partei übernahm, liebten ihn die Leute. Vielleicht einfach, weil er der Neue war. Der, den nur Beobachter Brüssels kannten, wo er EU-Parlamentspräsident war. Den anderen erschien er als einer der letzten aufrechten Genossen. Der Martin, Freund der Basis, Feind der Bosse. Je länger er dann da war, desto mehr schwand sein Glanz. Berater und Partei verbogen ihn, rieten ihm mal dies, dann das und lagen mit dem meisten falsch. Am Ende wurde er zum 20-Prozent-Mann, der selbst einer Merkel im freien Fall nicht das Wasser reichte. Als er ihr am Wahlabend vor laufenden Kameras patzig ins Gesicht sagte, für eine Koalition nicht mehr zur Verfügung zu stehen, war Schulz nach Langem wieder mal er selbst. Und jetzt, wo er sich schon als Phönix in der Opposition aufsteigen sah, soll der Arme Merkel die Kanzlerschaft retten. Mit seiner SPD zum dritten Mal in eine gar nicht mehr so große Koalition einsteigen, in der seine Partei jedes Mal Federn ließ. Tat einem Schulz schon im Wahlkampf richtig leid, ist der Grad an Selbstverbiegung, der ihm nun abverlangt würde, einfach zu groß. Schulz ist ein Gefühlsmensch. Aus dem Bauch heraus spürte er, dass eine Neuauflage der Koalition mit der "Ideenstaubsaugerin Merkel", wie er sie nannte, das Ende seiner SPD einläuten würde.

Denn deren Probleme gehen weit über ihn als Person hinaus. Sie reichen tiefer und sind europaweit ähnlich. Erst heuer stürzte die Arbeiterpartei der Niederlande bei Wahlen auf 5,7 Prozent ab und wurde nur noch siebtstärkste Partei. Später verloren Frankreichs Sozialdemokraten 22 Prozentpunkte und holten kaum mehr als sieben Prozent der Stimmen. Lediglich fünf der 28 EU-Staaten haben künftig noch eine sozialdemokratisch geführte Regierung.

Und überall scheint das Problem ähnlich: Intern zerrissen zwischen links und rechts, fällt es der Sozialdemokratie in polarisierten Zeiten wie diesen schwer, glaubwürdig zu bleiben. Erst vergraulte sie die Mehrheit der Arbeiter durch zu viel Ideologie und zu wenig Pragmatik bei der Zuwanderung. Dann funktionierte auch ihr Gerechtigkeitsthema als Evergreen nur mehr bedingt. Denn wer zwar für Tarifverträge und Lohnabschlüsse kämpft, aber das größer werdende Heer der unfreiwillig Selbstständigen bei Uber, Foodora und wie sie alle heißen im Stich lässt, verkennt den Lauf der Zeit. Und die Chance, die sie Sozialdemokraten böte. Die Schere zwischen digitalen Krösussen und analogen Habenichtsen geht immer weiter auf. Die Unsicherheit in der Arbeitswelt wächst, Mieten steigen. Anständig und in Würde zu leben ist für viele kaum mehr leistbar. Die Vermögensverteilung nähert sich wieder der Epoche an, in der Charles Dickens seine Romane schrieb. Doch die einst stolzen Arbeiterparteien versagen nicht nur darin, all das zu bekämpfen, sie waren in vielen Ländern gar selbst Mitwirkende dieser Entwicklung. Nun fehlt es ihnen an Ideen und Rezepten dagegen, aber auch an starken Personen, die diese glaubhaft verkörpern würden. Was ihnen in Deutschland noch blieb, ist nur der arme Martin.

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