LEITARTIKEL von

Der Algorithmus,
wo man mitmuss

Das Internet trägt zur Polarisierung unserer Gesellschaft bei. „Filterblasen“ gibt es aber nicht nur im Netz

Eva Weissenberger © Bild: Ian Ehm

Die Filterblase ist schuld! Das war in den Tagen, nachdem Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, oft zu hören und lesen. Unter dem Begriff Filterblase, den der Politaktivist Eli Pariser 2011 geprägt hat, versteht man, dass uns Webseiten – Social Media wie Facebook, Suchmaschinen wie Google, aber auch klassische Medien wie die „Washington Post“ – jene Informationen zukommen lassen, von denen sie mittels sogenannter Algorithmen errechnen, dass sie uns interessieren. Mit jedem Klick, jedem Like wird unser Profi l geschärft. Das ist praktisch: Suche ich nach Hotels, bekomme ich welche vorgeschlagen, die meinen Vorlieben entsprechen. Auf meiner Facebook-Seite finde ich ständig Inhalte, die mich wirklich interessieren: über TV-Serien, die jener ähneln, die ich gerade ansehe; über Autos in meiner Wagenklasse; Positives über den Kandidaten, für den ich stimmen werde. Die Schattenseite ist, dass ich nicht mehr dazu angeregt werde, ein Buch aus einem anderen Genre zu lesen, mir ein Fahrrad zu kaufen oder mich mit der Politik des Gegenkandidaten auseinanderzusetzen. Ich bleibe in meiner Blase, in der mir ständig bestätigt wird, dass ich auf dem richtigen Weg und überhaupt schwer in Ordnung bin.

Dabei hatte das Internet eigentlich das Gegenteil davon versprochen. Google-CEO Sundar Pichai sagte am Dienstag in London: „Heute hat ein Kind in Indien Zugang zu denselben Informationen wie ein Professor in Oxford oder Stanford.“ Stimmt. Und lebten wir nicht immer schon in einer Filterblase? Wenn Sie sich Ihren Freundeskreis anschauen: Wie viele verdienen da viel mehr oder viel weniger als Sie? Wie viele kommen aus einem anderen Land? Wie viele sind am anderen Ende des politischen Spektrums angesiedelt? Eben. Klassische Medien bringen Meinungsvielfalt, etwa durch Gastkommentare. Manche werden jetzt einwenden: Objektiv sind die Medien aber auch nicht! Zugegeben: Die einzige Wahrheit gibt es nicht; es ist aber unser Bestreben, dieser so nahe wie möglich zu kommen. Es gibt keinen völlig objektiven Journalismus – aber einen transparenten, der seine Interessen offenlegt.

Es hat andere Auswirkungen auf die Psyche, ob einem fünf echte Freunde am Stammtisch auf die Schulter klopfen oder ob 50 oder gar 500 „Freunde“ auf Facebook „Gefällt mir“ drücken. Nicht allen ist bewusst, dass sie auch im Netz nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit sehen. Dass wir unsere Gesellschaft heute so polarisiert erleben wie lange nicht mehr, hat einen weiteren Grund: Früher begegneten einander Menschen unterschiedlicher Schichten mit unterschiedlichen Meinungen in der Kirche und in den Volksparteien beziehungsweise in deren Vorfeldorganisationen. Seit diese an Größe und Einfluss verlieren, gehen diese Begegnungsräume verloren.

Was helfen würde? Die Lehrpläne müssen der Medienerziehung Priorität einräumen. Jeder muss lernen, sich kritisch mit den Informationen auseinanderzusetzen, die ihm tagtäglich begegnen: Wer hat sie ins Netz gestellt und warum? Aber auch: Warum sehe ich ausgerechnet das? Google hat auf die Kritik reagiert und zeigt Usern ihren digitalen Fußabdruck. Ich habe mir angeschaut, wie Google mich einschätzt: Bei den kulturellen Interessen liegen die Datensammler richtig, aber sie schätzen mich auf mindestens zehn Jahre jünger. Das schmeichelt mir in dem Fall nicht wirklich.

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