Delikatessendämmerung in Frankreich: Fast Food & Diskont-Menüs auf Erfolgskurs

"Erstklassige Kochkunst" für Euro 3,50 genießen Statt in den Gourmandisen-Shop ab zum Billig-Laden

Delikatessendämmerung in Frankreich: Fast Food & Diskont-Menüs auf Erfolgskurs

Schaumsüppchen von Marone und Schwarzwurzel, gefolgt von Milchkalbsbäckchen im Banyuls-Jus mit Gewürzzwiebelravioli und zum Abschluss eine Feuillantine von Gianduja und gelierter Bergfeige mit Whiskyrahmeis. Ach, wie schön, dass es uns so gut geht. Schwurbel auf der Speisekarte, Schwurbel auf dem Teller; was kostet die Welt?

In der "Villa Rothschild" im deutschen Taunus exakt 39 Euro, und zwar deshalb, weil es uns in Wirklichkeit gar nicht gut geht. Im Gegenteil. Das eingangs zitierte dreigängige Menü ist nämlich so etwas wie eine gekochte Durchhalteparole und heißt offiziell "Finanzkrise-Gourmet-Menü". Was für eine nette Idee, den Leuten auch in Zeiten wie diesen "erstklassige Kochkunst" anbieten zu wollen, wie Küchenchef Christoph Rainer bescheiden anmerkt.

Aber was den Preis angeht, rangiert er doch nur auf den hinteren Plätzen. Und erfunden hat's auch ein anderer, das Krisenmenü. Marie Geffriaud vom "L'Etage" im französischen Nantes verlangt für ihr menu de la crise - zugegeben, es hat bloß zwei Gänge - schlappe 3,50 Euro. "Einkaufen und kochen müssen wir sowieso, ob es uns gut geht oder nicht, also sollen auch die Gäste etwas davon haben, wenn wir schon da sind", sagt Geffriaud, die anfangs bis zu 80 Gäste wegschicken musste, weil die "Etage" bereits heillos überfüllt war.

Was ist da los? Stürmt ganz Frankreich eine moderne Heilsarmee-Ausspeisung? Sind Galliens Küchen tatsächlich so bedroht? Oder wird ein bisschen kulinarische Krise in der Gourmet-Nation nur deutlicher wahrgenommen; in der Wall Street fallen verpuffte Milliarden ja auch mehr auf. Nein, es ist schlimm genug. Die Markt-und Trendforscher zeichnen ein Szenario, das sich mit einem Wort am besten beschreiben lässt: Delikatessendämmerung. Statt in Gourmandisen-Shops kaufen immer mehr Franzosen bei Discountern, die neuerdings verstärkt mit mehrgängigen Pseudo-Gourmet-Menüs locken - etwa Gänseleberpastete, Jakobsmuscheltopf und confierte Kapaun-Schenkel, mikrowellenbereit verpackt und um zwölf Euro zu haben.

"Die Franzosen essen und trinken nicht mehr wie Franzosen", klagt ein Pariser Nobelgastronom, "sondern wie Briten oder Amerikaner." Service-Angestellte fassen das neue Konsumverhalten auch gut verdienender Gäste so zusammen: Sie trinken kaum noch Aperitifs, ordern Leitungswasser und teilen sich das Dessert. Die Konkurse in der Branche stiegen 2008 um 37 Prozent; das heißt, jeden Tag machen zwei Betriebe dicht. Aber all das ausschließlich auf die nahende Rezession zu schieben reicht als Erklärung nicht aus. Die großen Fast-Food-Ketten haben ihre Saat längst ausgelegt; ihr Marktanteil betrug schon vor Ausbruch der Krise 23 Prozent, McDonald's expandiert nirgendwo so erfolgreich wie in Frankreich - jetzt ist Erntezeit. Krisen-Menüs, die nicht so heißen, gibt's an jeder Ecke - und das dürfte nachhaltig so bleiben.

Dass Frankreichs Gourmets sich wie Phönix aus der Asche erheben, glauben nicht mehr viele. Die Menschen, analysiert ein bekannter Konsumforscher, entdecken gerade, dass Convenience-Ware vom Discounter und schnelle Imbisse auch satt machen. Sie werden auf opulente Menüs in teuren Restaurants und Einkaufstouren in die Gourmet-Shops auch in der Konjunktur verzichten. Bon appétit also. Und bonne nuit.