Interview von

Schalko: "Bin kein
Liebkind der FPÖ"

Interview - Schalko: "Bin kein
Liebkind der FPÖ" © Bild: APA/Herbert Neubauer

Die Spannung ist wieder groß: In knapp zwei Wochen steht die Weltpremiere von David Schalkos "M" bei der Berlinale an.

Der österreichische Regisseur hat sich dabei Fritz Langs gleichnamigen Klassiker zum Vorbild genommen, ihn für die Miniserie aber ins heutige Wien verlagert und deutlich verändert. Mit der APA sprach er über die politische Stereotypen, Schaudermärchen und demokratische Prinzipien.

Während der Dreharbeiten haben Sie "M" als eine Coverversion von Fritz Langs Original beschrieben. Hält diese Charakterisierung noch?
Ja, weil es kein Eins-zu-eins-Remake ist. Es ist neu geschrieben. Man macht es in seinem eigenen Stil, seiner eigenen Handschrift und bedient sich bei den wichtigsten Eckpunkten.

Fake News, politischer Rechtsruck, digitale Überwachung: Hat sich eine Bearbeitung von "M" angesichts dieser Themen aufgedrängt?
Das war die Idee, als ich den Film nochmals gesehen habe. Unsere Zeit fühlt sich auch wie eine Art Vorabend an. Wir haben vor vier Jahren begonnen, das Projekt zu schreiben. Da war noch nicht so antizipierbar, dass sich dieses Projekt am Ende des Prozesses auf der gleichen Höhe befindet wie die Realität, in der wir leben. Viel, was behandelt wird, ist inzwischen sehr aktuell. Heute wird an gewissen Grundprinzipien gerüttelt, auf denen die demokratische Republik fußt, man aber nicht genau weiß, wohin diese Reise gehen wird. Das ist eine ganz starke Parallele zum Jahr 1931, als sich das wohl ähnlich angefühlt hat.

© APA/Herbert Neubauer

Langs "M" gilt als ein Paradebeispiel für die optische Verzahnung. Wie hat das Ihre Bildsprache beeinflusst?
Es war der Versuch da, obwohl wir an Originalschauplätzen gedreht haben, es ein bisschen so aussehen zu lassen, als wäre es im Studio. Diese Entrücktheit, die dadurch entsteht, die zwischen Realität, Traum und Manieriertheit stattfindet, spielt eine sehr gewichtige Rolle. Es fühlt sich an, als wäre es eine schlafwandlerische Gesellschaft. Die Geschichte wird auf vielen Ebenen gleichzeitig erzählt, es ist nicht blanker Naturalismus, der einen erwartet. Und es gibt ja auch märchenhafte Symbolik. Die Grundatmosphäre ist fast die eines Schaudermärchens. Man wird in eine Welt hineingezogen, die sich wie ein Alptraum anfühlt.

Wie konkret wollten Sie in Ihrer Darstellung werden, was etwa Vorbilder für bestimmte Figuren betrifft?
Der Innenminister ist ja nichts eins-zu-eins Kurz oder Kickl. Das ist ein Stereotyp eines modernen Politikers, wie wir sie in allen Ländern Europas sehen und die im Aufschwung begriffen sind. Natürlich sind Zitate drin, die man kennt. Aber es vermischt sich zu einem Politikertypus, der repräsentativ ist, wofür Politik im Augenblick steht. Etwa das Managen, man führt einen Staat wie ein Unternehmen, sowie die blanke Ideologie - die Politik des starken Mannes, Sicherheit über Freiheit, Überwachung, autoritärer Staat. Es soll auch darstellen, wie fragil unsere Prinzipien und unser Rechtsstaat sind, wenn jemand versucht, das auszuhebeln und die Umstände stimmen. Dann kann das auch nur vier Tage dauern.

Das klassische Fernsehen hat stark mit der Streamingkonkurrenz zu kämpfen. Würde Sie eine solche Plattform reizen?
Mich interessiert jeder Kanal, bei dem ich die Möglichkeit habe, das machen zu können, was ich machen will. Für manche Projekte passt ein öffentlich-rechtlicher Sender besser, dann sind es wieder Streamingdienste. Bei sehr teuren Projekten wird es für jeden Sender schwer, da wird es immer ein Konglomerat. Dann muss man eine Kombination finden, bei der alle auf einer Wellenlänge sind.

Ist Kino ein Thema?
Kino ist immer eine große Sehnsucht von mir. Aber irgendwie bin ich bei den Serien hängengeblieben, ich weiß auch nicht. Ich muss da irgendwie raus! (lacht) Aber die zwei Sachen, die ich derzeit schreibe, sind wieder Serien.

© APA/Herbert Neubauer

Sie haben sich immer wieder prononciert zur politischen Lage geäußert. Wie sehen Sie aktuell den Umgang der Regierung mit der Medienlandschaft, konkret auch dem ORF, für den ein neues Gesetz ansteht?
Was in dem Gesetz drinsteht, wissen wir ja noch nicht. Aber was man besonders seitens der FPÖ spürt, ist eine gewisse Verachtung gegenüber dem Qualitätsjournalismus. Da wird ein öffentlich-rechtlicher Sender sehr gern als etwas empfunden, was eigentlich ein verlängerter Arm der Regierung sein soll, und nicht ein kritisches Medium. Deswegen muss man jetzt sehr achtsam darauf schauen, was aus diesem Sender wird die nächsten Monate. Weil natürlich Umfärbungen stattfinden und man nicht weiß, wohin das führt.

Das Thema "Qualitätsjournalismus in der Krise" scheint den politischen Diskurs schon länger zu begleiten ...
Das Problem ist, dass sich immer weniger Menschen über klassischen Journalismus informieren, sondern über Medien, die das schreiben, was sie hören wollen. Das hat mit dem Faktischen oft relativ wenig zu tun. Ich weiß nicht, wie man wieder da hinkommt, dass das Faktum genauso viel wert ist wie das alternative Faktum. Alleine, dass man es schon so nennt, sagt ja alles - früher hat das Lüge geheißen. Das ist eine sehr problematische Geschichte, weil sie uns weg von einer aufgeklärten Gesellschaft führt. Und das wird von der Politik nicht gestoppt, sondern eher benutzt. Wenn es heißt "Wer hat das bessere Narrativ?", dann bedeutet das ja: "Wer hat die bessere erfundene Geschichte parat?"

Hat Ihnen Ihre öffentliche Kritik an politischen Zuständen schon Nachteile eingebracht?
Nein, bis jetzt noch nicht. Aber schauen wir mal, was kommt. Dass ich kein Liebkind der FPÖ bin, kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe im Gegensatz zu vielen anderen den Luxus, dass ich jederzeit in Deutschland drehen könnte. Deshalb sehe ich das sehr gelassen. Aber natürlich interessieren mich in erster Linie Geschichten, die hier spielen, weil das mein Heimatland ist. Bis jetzt war das aber kein Thema. Im Gegenteil: Es war immer mit einer gegenseitigen Wertschätzung verbunden, dass es das gibt und dass das möglich ist. Das ist ja auch eine wichtige Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Senders, dass er Dinge aufs Tapet bringt, die kritischer Natur sind, und sie zur Diskussion stellt - egal, welche Couleur an der Macht ist.

© APA/Herbert Pfarrhofer

Zur Person: David Schalko (46) ist einer der profiliertesten Fernsehmacher des Landes. Der gebürtige Niederösterreicher landete in den vergangenen Jahren mit Serien wie "Braunschlag" oder "Altes Geld" große Erfolge, machte sich auch als Romanautor einen Namen und entwickelte für den ORF Formate wie "Sendung ohne Namen" oder die Late-Night-Show "Willkommen Österreich". Gemeinsam mit John Lueftner führt er die Produktionsfirma Superfilm. Für sein Werk wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet. Am 11. April feiert sein Stück "Toulouse" in einer Inszenierung von Torsten Fischer am Theater in der Josefstadt Premiere.

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