Daten-Highway zu fest in Händen der USA:
Experten-Kritik an Machtverhältnis im Web

Server stehen "unter Kontrolle der US-Regierung" Domains in chinesischer & arabischer Schrift geplant

Daten-Highway zu fest in Händen der USA:
Experten-Kritik an Machtverhältnis im Web © Bild: AP/Kienzle

Auf Knopfdruck alle Webseiten mit der Endung ".at" abzuschalten, ist ein Problem. Allerdings nur für Hacker, nicht für die US-Regierung, kritisieren Experten die derzeitige Verwaltung des weltweiten Computernetzes durch die von den Vereinigten Staaten kontrollierte Organisation ICANN.

"Als erst ein bis zwei Millionen Menschen im Internet gesurft sind, zeigten die Regierungen noch wenig Interesse. Aber die USA haben nicht zugeschaut und mit ICANN für einen institutionellen Rahmen gesorgt. Jetzt ist das ein Thema mit viel Sprengstoff", erklärte Wolfgang Kleinwächter, Professor für Internetpolitik und Mitglied des Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen, gestern, Mittwochabend, bei einem Pressegespräch.

Kein Missbrauch, dafür Missvertrauen
Der Streit um die Kontrolle über die Internet-Verwaltung zieht sich schon seit Jahren. Auf dem Weltinformationsgipfel in Tunesien im November 2005 wurde dennoch beschlossen, dass die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) ihre Kernaufgaben weiter erfüllen soll. "Die Chinesen und Russen waren allerdings anderer Ansicht", berichtete der Professor. Seitdem habe sich nicht viel getan. In der aktuellen Situation könnte beispielsweise niemand Einspruch erheben, wenn der Kosovo eine eigene Domain beantragen würde, so Kleinwächter im Vorfeld des Internet-Kongresses "Domain pulse", der von 21. bis 22. Februar in Wien stattfindet.

Zwar könnten die Vereinigten Staaten eine Störung oder Modifizierung der Internet-Adressen auslösen, die USA hätten dies aber noch nie missbraucht - weder bei Konflikten mit Afghanistan oder dem Irak. Ob beispielsweise Indien darauf verzichten würde, Druck auf Pakistan auszuüben, sei fraglich. "Ein politischer Basar wäre eine Katastrophe. Darum sagen viele: Besser die Kontrolle geht von den USA aus als von anderswo", erklärte Kleinwächter die Position der ICANN-Befürworter.

Kooperation fehlgeschlagen
Der Vorschlag der EU-Kommission, auf ein Kooperationsmodell umzustellen, sei "in die Hose gegangen". Vor der Wahl eines neuen Präsidenten in den USA wäre es aber ohnehin zwecklos, auf Veränderungen zu drängen. Kleinwächter geht davon aus, dass die "omnipotente Rolle" der Vereinigten Staaten durch eine neue Regierung zumindest abgeschwächt wird; eine harte Haltung könnte Gegenreaktionen provozieren.

Neue Schriftsysteme, neue Probleme
Zwei anstehende Veränderungen würden dieses Thema noch brisanter machen und massive Auswirkungen auf die Internet-Welt haben: Die Zahl der sogenannten Top Level Domains (TLDs) wie ".com" könnte explodieren, weil mittelfristig Tausende neue TLDs - etwa ".asia" oder ".wien" - eingeführt werden sollen. Außerdem sind Internet-Adressen auch in chinesischer, arabischer oder persischer Schrift geplant.

Dadurch würden sich aber politische Schwierigkeiten ergeben, glaubt Kleinwächter. "Über Internet-Adressen mit chinesischen Buchstaben entscheiden dann die Vereinigten Staaten, da die Server unter Kontrolle der US-Regierung stehen." Sollten einzelne Länder die Sache selbst in die Hand nehmen und ein eigenes System einführen, könnte das Internet in verschiedene Sprachräume zerfallen. Außerdem würde dadurch einer möglichen Zensur Tür und Tor geöffnet.

Dezentralisierung gefordert
Nach Meinung von Kleinwächter ist eine neue Form der Zusammenarbeit von Internetwirtschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft notwendig. "Wir müssen etwas Neues erfinden, das nicht auf Hierarchien, sondern auf Dezentralisierung aufbaut." Denkbar sei die Aufteilung der Zuständigkeiten bei gleichzeitiger Vernetzung der Akteure, wobei die Regierungen Regeln für Notfälle beisteuern. "Die Probleme der Zukunft können nicht mit Strukturen der Vergangenheit gelöst werden. Da müssen manche von ihrem hohen Ross herunter", so der Experte.

Zum Kongress "Domain pulse" werden rund 300 Vertreter von IT-Unternehmen, Internet Service Providern und internationalen Organisationen erwartet. Themen sind neben der Vormachtstellung der USA beispielsweise die Vorratsdatenspeicherung und Internet-Sicherheit. Organisiert wird die Veranstaltung von nic.at, der österreichischen Registrierungsstelle für ".at"-Domains. (apa/red)