Weltreise von

ICH

Weltreise - ICH © Bild: Ian Ehm

Parteitage, Gremien, mühsames Grübeln über den gemeinsamen Kurs? Streit und Diskussionen, Einbindung sich oft widersprechender Strömungen? Nächtelanges Ausharren in rauchgeschwängerten Hinterzimmern, Debattieren über ein paar Millimeter nach rechts oder links? Und dann brav jeden Monat den Mitgliedsbeitrag bezahlen?
Ach, wie fad und so von gestern. Die Partei ist tot. Es lebe die Bewegung.

Der Blick nach Frankreich zeigt, wo die Zukunft der Politik liegt. Dort hat ein 39-jähriger Mann, den vor drei Jahren keiner kannte, beste Chancen, Präsident zu werden. Emmanuel Macron hat noch nie zuvor für ein politisches Amt kandidiert und ist nun der Favorit für das höchste. Und das ganz ohne Partei, ohne Beschlüsse, ohne Ochsentour. Innerhalb eines Jahres ist es ihm gelungen, mehr als 200.000 Franzosen hinter sich zu versammeln. Mehr als die Hälfte von ihnen sind unter 35, und zwei von drei haben sich zuvor noch nie in ihrem Leben politisch engagiert. Nun laufen sie für ihn, putzen Türklinken, verteilen Flyer, werben in den sozialen Netzwerken. Gratis und ohne dass die meisten von ihnen erwarten könnten, für ihre Mühsal später mit Jobs oder anderen Vergünstigungen, die Parteien einst boten, belohnt zu werden. Als Entschädigung reicht es ihnen, sich im Licht ihres Kandidaten zu sonnen, Teil seiner Strahlkraft zu sein. Macron ist eine Figur, in die sich viel hineinprojizieren lässt. Die eigenen Wünsche und Hoffnungen, das Verlangen nach Veränderung. Besonders in Frankreich, wo 83 Prozent zuletzt ihr Land auf dem Holzweg wähnten. Weder rechts noch links sei er, sagt Macron selbst gern von sich. Wie gemacht also für eine Zeit, in der viele zuvor bei jeder Wahl eine andere Partei ausprobierten und Mal für Mal enttäuscht wurden. Nun also der Mann, der vom Klein-Klein, das die Politik sonst bestimmt, wie abgehoben wirkt. Auch weil ihn die Mühen der Ebenen des politischen Alltags noch nicht erreicht haben. Da leuchtet die Marke. Da glänzt das Image. Da ist alles auf das Ich des Kandidaten getrimmt.

Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche. Das Gestern taugt kaum mehr als Vorlage für das Morgen. Umso stärker ist der Wunsch nach Orientierung. Nach einem, der vorgibt, zu wissen, wohin der Weg führt. Das gilt für jede der neuen Ich-Ikonen. Für Donald Trump, der die republikanische Partei kaperte, genauso wie für einen wie Matteo Renzi in Italien. Und, umgelegt auf hiesige Verhältnisse, trifft es auch auf Kern und Kurz zu. Dort ist die Partei gerade noch Beiwerk und Erfüllungsgehilfe, getrieben von der Sorge, einer der beiden könnte sonst auch einen auf Macron machen. Erst die Realität wird weisen, ob dessen Licht verglüht. Denn nur mit dem Ich ließ sich zuletzt bei Ludwig XIV. ein Staat machen.