Das Land mit der textlosen Staatshymne:
Echte Spanier gehen erst sehr spät ins Bett

Zu Silvester werden genau zwölf Trauben gegessen Erster Besuch des Königs führte ihn nach Österreich

Das Land mit der textlosen Staatshymne:
Echte Spanier gehen erst sehr spät ins Bett © Bild: Reuters/Nacarino

Es ist bei einem Land mit einer derartigen Fußball-Tradition schwer zu glauben: Spaniens Team-Kicker haben es schwer. Nicht nur, dass nationalistisch eifernde Basken, Katalanen oder Galicier eigene Nationalmannschaften fordern, sie können nicht einmal bei der spanischen Hymne mitsingen. Die "Marcha Real" ist nämlich sprachlos, es gibt keinen Text. Ein solcher wird noch gesucht, schließlich soll der gemeinsame Gesang auch den Zusammenhalt des Nationalteams fördern - symbolisch für den ganzen Staat.

Zwar wurde Anfang des Jahres nach einem Wettbewerb ein Textvorschlag zum Sieger gekürt, doch bald wieder verworfen. Er fiel beim Großteil der Bevölkerung und den meisten politischen Parteien glatt durch. Der Entwurf begann mit den Worten "Viva Espana!" ("Es lebe Spanien!" Danach hieß es: "Lasst uns alle gemeinsam singen, mit unterschiedlicher Stimme aber einem einzigen Herzen." Dies wurde als Hinweis des Autors - eines 52-jährigen Arbeitslosen - auf die Pluralität des Landes verstanden.

Auch sprach der Text von Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden und Vaterlandsliebe. Dies wurde von einer klaren Mehrheit aber als nicht zeitgemäß angesehen. Manche fühlten sich gar in die Zeiten der Diktatur von Francisco Franco (1939-75) versetzt. Entsprechend beißend fiel der Spott aus, mit dem der Autor sowie der Auftraggeber, das Nationale Olympische Komitee Spaniens, überschüttet wurden. Schließlich zog das NOK den Text zurück. Die "Marcha Real" kann damit auch nach 250 Jahren nicht gesungen werden.

Spanien ist abgesehen von seiner Vielfalt auch sonst ein recht eigenwilliges Land. Zumindest was das Verhältnis seiner Einwohner zur Zeit betrifft. Und das nicht nur wegen der großzügigen Interpretations-Bandbreite beim Thema Pünktlichkeit. Abendessen vor 21.00 Uhr? In einem Restaurant wird der hungrige Gast da eher milde belächelt. Auch Fußballspiele können - vorwiegend im heißen Sommer - schon einmal um 22.30 Uhr beginnen. Und zum Wochenende sind in den Millionen-Metropolen Madrid oder Barcelona auch Verkehrsstaus um 3.00 Uhr keine Seltenheit.

Weihnachtsgeschenke erst später
Etwas aus der Reihe tanzt Spanien auch seine Weihnachtsrituale betreffend. Über 90 Prozent der Spanier sind katholisch, daher wird auch der Heilige Abend gefeiert. Geschenke gab es bis vor kurzem aber erst am 6. Jänner, wenn die "Reyes Magos", die Heiligen Drei Könige, sie gebracht haben. Allerdings macht die Globalisierung auch vor der Iberischen Halbinsel nicht halt und so werden nunmehr nach internationalem Muster auch am 24. oder 25. Dezember Päckchen verteilt.

Zu Silvester ist Spanien ebenfalls etwas anders. Ein Sektrausch allein reicht nicht zum Glücklichsein. Um Mitternacht werden gezählte zwölf Weintrauben gegessen. Bei jedem Glockenschlag soll eine Traube verzehrt werden, und bei jeder darf man sich etwas wünschen. Jedoch hat dieser Brauch auch seinen Pferdefuß: Wer seine "uvas" nicht bis zum letzten Glockenschlag hinuntergeschluckt hat, der muss im kommenden Jahr mit einem Unglück rechnen.

Gute Beziehungen zu Österreich
Eher vom Glück begünstigt waren und sind die kaum durch ernste Zerwürfnisse getrübten Verbindungen zwischen Österreich und Spanien. Historisch reichen sie weit in die Geschichte zurück, als die Habsburger als "Casa de Austria" unter Karl V. (spanisch Carlos I.) und Philipp II. Spanien zu Weltgeltung führten.

Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) kämpften fast 2.000 österreichische Antifaschisten auf der Seite der "Zweiten Republik" gegen die Truppen von Francisco Franco. Österreich war auch eines der ersten Länder Westeuropas, denen König Juan Carlos nach seiner Thronbesteigung als Erbe des am 20. November 1975 gestorbenen Diktators Franco einen Staatsbesuch abstattete.
(apa/red)