Das Amselfeld als Angelpunkt serbischer Geschichte: Der Kampf gegen die Osmanen

Die schicksalschwere Niederlage der Serben 1389 Die militärische Expansion des osmanischen Reiches

Das Amselfeld als Angelpunkt serbischer Geschichte: Der Kampf gegen die Osmanen © Bild: AP/Vojinov

Das Geschehen rund um den Kosovo ist bei den Serben tief verankert. Es erweckt traumatische Erinnerungen an den folgenschweren Türken-Sieg auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) im Juni 1389. Diese Schlacht war ein Markstein bei der Eroberung der Balkan-Halbinsel durch die Türken. Truppen von Sultan Orhan, der im Thronstreit in Byzanz seinen Einfluss geltend gemacht hatte, hatten sich 1354 auf ihren Streifzügen erstmals in Europa festgesetzt.

Die Osmanen nahmen 1352 die Festung Tzympe an den Dardanellen ein, dann die benachbarte Stadt Kalliopolis (heute Gallipoli). Damit hatten sie eine Operationsbasis für weitere Eroberungen. In Konstantinopel kam es zu einem Umsturz, doch Europa ignorierte die Gefahr, es war mit anderen Kriegen beschäftigt. 1359 sah Konstantinopel erstmals osmanische Soldaten in seinen Mauern. 1361 eroberten sie Adrianopel (heute Edirne), 1363 fiel Philippopel (heute Plowdiw), das temporär Sitz des osmanischen Statthalters der in Europa eroberten Gebiete wurde (Beilerbei von Rumelien). Bulgarien und Byzanz gerieten in Abhängigkeit der osmanischen Eroberer.

Kampf gegen Osmanen
Nach Festsetzung der Türken in Thrakien war das serbische Mazedonien bedroht. Der Serben-Herrscher Vukasin zog, verstärkt durch Truppen aus Bosnien, Bulgarien und Ungarn in Richtung Adrianopel, diese wurden aber bei Tschernomen an der Maritza 1371 von den Türken vernichtend geschlagen. Mazedonien musste die Oberhoheit des Sultans anerkennen. Der Vormarsch der Türken nach Westen ging weiter. 1382 eroberten sie Sofia, das neuer Sitz des Beilerbeis wurde, 1386 Nis. Durch Dispute zwischen lokalen Fürsten fielen ihnen Gebiete leicht in die Hände.

Stärkeren Widerstand gegen die Türken konnten nur mehr die Serben leisten. Fürst Lazar Hrebljanovic gewann auch den Fürsten von Bosnien, Tvrtko, als Verbündeten. Die Türken erlitten auch Niederlagen; so gewann 1366 der den Bulgaren zu Hilfe geeilte Ungarn-König Ludwig d. Gr. eine Schlacht. Zum Dank ließ er die Wallfahrtskirche Mariazell erweitern. 1387 besiegten Laszar und Tvrtko die Osmanen. Doch dann brach Sultan Murad zum Entscheidungskampf mit den südslawischen Völkern auf. Er nahm Tributverweigerer in Bulgarien, dann die Serben ins Visier.

Das Amselfeld
Als Schlachtfeld war das Amselfeld (Kosovo Polje) - ausersehen, ein etwa 70 km langes und 15 km breites fruchtbares Senkungsfeld im Dinarischen Gebirge. Es wurde auch später wiederholt zum Schlachtfeld, so verlor 1448 dort der ungarische Reichsverweser Johann Hunyadi (Vater von König Matthias Corvinus) gegen die Türken. Der genaue Tag der ersten Schlacht auf dem Amselfeld ist wegen der Unterschiede zwischen lateinischem und orthodoxem Kalender umstritten; heute gilt der 28. Juni, der St. Veits-Tag (serb. Vidovdan) 1389 als Jahrestag.

Auf christlicher Seite stand Fürst Lazar mit Truppen aus Nordserbien im Zentrum, auf dem rechten Flügel Lazars Schwiegersohn Vuk Brankovic mit Südserben, auf dem linken bosnische Einheiten unter Vlatko Hranic. Ungarische und bulgarische Hilfstruppen, Albaner, Walachen und Kroaten bildeten Reserven. Bei den Osmanen kämpften Janitscharen im Zentrum, mit Sultan Murad und Großwesir Ali Pascha. Rechts standen die Aufgebote aus Kleinasien unter Thronfolger Bayazid (genannt der "Blitz"), links die auf europäischem Boden stationierten türkischen Truppen und zur Heeresfolge verpflichtete christliche Staaten.

Die Türken glichen ihre zahlenmäßige Unterlegenheit durch bessere Führung aus. Die Heere stießen frontal aufeinander, stundenlang fiel keine Entscheidung, dann warf ein Vorstoß serbischer gepanzerter Reiter den linken Flügel der Türken zurück. Dafür gewann Bayazid die Oberhand auf seiner Seite und erfocht gegen Abend den Sieg. Bei den Türken gaben auch bessere Ausbildung der Soldaten, die leichteren Rüstungen und die wendigen, ausdauernden Pferde den Ausschlag.

Sultan Murad wurde am Tag der Schlacht ermordet, einer seiner Söhne fiel im Kampf. Einer türkischen Chronik zufolge soll sich während der Schlacht ein Giaur (Christ) namens Milos Kopila (oder Kopilic) mit einem Dolch eingeschlichen haben unter dem Vorwand, wegen des gefangenen Fürsten Lazar die Unterwerfung anzubieten. Nach einer anderen Version habe Lazar selbst den Mörder ausgesandt. Nach einer anderen türkischen Chronik ritt Murad nach dem Sieg über das Schlachtfeld und sei inmitten der Gefallenen von einem Serben erdolcht worden.

Fürst Lazar
Lazar und dessen ebenfalls gefangener Sohn sowie viele vornehme Serben wurden hingerichtet, rund 200.000 Menschen in die Sklaverei geführt. Lazars anderer Sohn Stefan Lazarevic musste die Osmanen-Oberhoheit über Serbien anerkennen, sich zu Heeresfolge und Tributzahlungen verpflichten und seine Schwester Olivera (in serbischen Volksliedern Mileva genannt) in den Sultans-Harem schicken. Serbien blieb bis zur Einverleibung in das Osmanische Reich 1459 tributpflichtiges Despotat unter der Familie Brankovic mit Smederevo als Hauptstadt.

Der türkische Vormarsch auf dem Balkan ging nun in großen Schritten voran. Bulgariens Widerstand wurde 1393 endgültig gebrochen, das Land für fast 500 Jahre osmanische Provinz. Die Abhängigkeit des klein gewordenen Byzanz von den Türken wurde immer drückender, diese dehnten ihren Einfluss auch auf die Walachei aus. Die griechischen und lateinischen Fürstentümer Griechenlands - Athen wurde 1397 erstmals besetzt - bekamen die Folgen ebenfalls zu spüren. Doch vor allem Ungarn war bedroht.

Endlich schien Europa die Gefahr auf der Balkan-Halbinsel zu erkennen. Ein "Kreuzheer" aus halb Europa wurde 1396 bei Nikopolis (am bulgarischen Donauufer nahe Russe) vernichtend geschlagen. Zunächst waren die Türken in Asien mit Großkhan Timur Lenk beschäftigt, der ihnen Niederlagen bescherte. Doch begannen Raubzüge gegen die Grenzgebiete Ungarns, Bosniens und die Walachei. Wenig später durchzogen türkische leichte Reiter (Akindschi) auf schnellen Pferden plündernd und brennend Bosnien und Kroatien.

Türkennot
1408 und 1411 stießen diese "Renner und Brenner" erstmals auf das Gebiet der österreichischen Erblande und zwar in die Krain vor. Von einem Standlager bei Möttling (das heutige Metlika nahe der slowenisch-kroatischen Grenze) aus verheerten sie die Umgebung. Die eigentliche "Türkennot" für Österreich sollte aber erst nach der Einverleibung Bosniens in das Osmanische Reich (1463) beginnen.

Fürst Lazar Hrebljanovic gilt bei den Serben als Märtyrer und Heiliger. Zunächst in Pristina beigesetzt, wurde er später in das von ihm 1381 gegründete Kloster Ravanica an der Morava, 1697 in das Kloster Vrdnik in Syrmien (westlich von Belgrad) übergeführt, später in Ravanica umbenannt. Im Zweiten Weltkrieges erfolgte die Überführung in eine Belgrader Kirche. Seit 1988 wanderte der Sarg mit der Leiche Lazars durch serbische Klöster, bevor er seine Ruhestätte im Kloster Gracanica auf dem Amselfeld nahe dem einstigen Schlachtort fand.

Migrationsbewegungen
In der Türken-Zeit verließen viele Serben ihre Heimat und wandten sich nach Ungarn, später auch in das Habsburger-Reich. Allmählich sickerten Albaner in die entvölkerten Gebiete ein. Damit verschob sich die Grenze von Kultur und Religion, denn die meisten Albaner bekennen sich zum Islam, während die Serben am orthodoxen Christentum festhielten.

Der "Vidovdan" 1389 ist ist noch heute schmerzlich im Gedächtnis der Serben eingegraben, auf Verunglimpfung dieses Andenkens haben sie immer empfindlich reagiert. So empfanden sie 1914 die Tatsache, dass die K.u.K. Armee ausgerechnet um diesen Jahrestag Manöver unter Teilnahme des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand in Bosnien ansetzte, als schwere Provokation. Diese anti-österreichische Stimmung spielte auch beim Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 eine Rolle.

(apa/red)