Dann schon lieber 1957

Heinz Sichrovsky über Krawall in der Staatsoper PLUS: Wie ist IHRE MEINUNG zu diesem Thema?

Dann schon lieber 1957 © Bild: NEWS/ Ricardo Hergott

Ioan Holender, den zu schätzen mir gleichwohl keiner ausreden wird, ist den Radaubrüdern aus der „Macbeth“-Premiere etwas schuldig: Der gegen die Inszenierung gerichtete Krawall bei laufender Vorstellung verstellt den Blick auf den eigentlichen Skandal, nämlich das musikalische und gesangliche Niveau. Dass der Dirigent und die Besetzung bloß einen Bruchteil der Proteste abfingen, mit denen man Vera Nemirovas Marginalie abstrafte, stimmt bedenklich: Offenbar fehlen die Parameter – die bedeutungslose „Macbeth“-Inszenierung wurde mit der nämlichen Vehemenz abgelehnt wie Konwitschnys bedeutender „Carlos“. Der Rülpsreflex setzt ein, wann immer etwas unter die nebulosen Modernitätskriterien in ästhetisch unalphabetisierten Köpfen fällt. Daran trägt Holender Mitschuld: Szenische Entwicklungen, die am Burgtheater vor Jahrzehnten angebahnt wurden, fanden an der Oper 19 Jahre lang kaum statt. Mit den Herrmanns, Neuenfels und Decker hat sich Holender überworfen. Konwitschny und Stein (radikale Antipoden also) waren bloß mit Übernahmen zugegen. Bondy und Breth kamen nie. Claus Guth tritt erst im Mai 2010, zwei vor zwölf der Ära Holender, mit „Tannhäuser“ in Erscheinung. Mit ermatteten Halbmodernisten wie Mielitz und Pountney bildet man kein ­Publikum. Da ist es ehrlicher, sich zur „Tosca“ aus dem Jahr 1957 zu bekennen. Der Nachfolger ist nicht zu beneiden.