Dank Guus Hiddink wird die "Sbornaja" wieder gefürchtet: Russland ist wieder wer

Langfristiger Erfolg ist für Niederländer aber wichtiger Russland soll nach EURO auf gleichem Level bleiben

Dank Guus Hiddink wird die "Sbornaja" wieder gefürchtet: Russland ist wieder wer © Bild: Reuters/Demianchuk

Vor nicht einmal vier Jahren war Russlands Fußball-Team alles andere denn ein gefürchteter Gegner: Gegen den damaligen Vizeeuropameister Portugal setzte es am 13. Oktober 2004 in Lissabon ein 1:7-(0:3)-Desaster, der Schütze des Ehrentors für die "Sbornaja" war übrigens ein gewisser Andrej Arschawin. Bei der EURO 2008 sind die Zuschauer aber nun Zeugen der "russischen Fußball-Revolution" geworden, deren Urheber Erfolgscoach Guus Hiddink ist.

Der Mann aus Varsseveld unterzeichnete knapp zwei Monate vor seinem WM-Auftritt mit dem Außenseiter Australien, den er in Deutschland bis ins Achtelfinale führte, am 14. April 2006 in Moskau einen hochdotierten Zweijahresvertrag mit einer Option für zwei weitere Jahre und wurde damit zum ersten ausländischen Fußball-Teamchef im größten Land der Welt.

Verbandspräsident und Putin-Freund Witali Mutko, der seit Mai dieses Jahres auch Russlands Sportminister ist, hatte diese mutige Entscheidung getroffen und sich dafür mitunter heftige Kritik gefallen lassen müssen, zuletzt erst nach der 1:4-EM-Auftaktniederlage am 10. Juni gegen die Spanier, die im Halbfinale in Wien erneut auf die Russen trafen.

Guus spricht kein Russisch
Hiddink, der ein Jahresgehalt von zwei Millionen Euro netto plus Prämien kassiert, bekam von solchen Scharmützeln im Hintergrund nicht viel mit, in solchen Situationen ist es eben von Vorteil, dass er die russische Sprache nicht beherrscht. Der Niederländer war dadurch in der Lage, unbeirrt sein Erfolgskonzept durchzuziehen. Dazu hatte er noch in der EM-Qualifikation, in der es ständig auf und ab ging, das "Glück des Tüchtigen" (O-Ton Teamkapitän Sergej Semak) und wird nun nach den historischen EURO-2008-Siegen der "Sbornaja" bereits als russischer Volksheld gefeiert. Es gibt sogar schon eine erstes lebensgroßes Hiddink-Denkmal im Dorf Maloretschensk nahe Aluschta am Schwarzen Meer.

Dieser schnelle Erfolg kam aber selbst für den 61 jährigen "Aufstiegsgaranten" überraschend, weil er nicht gedacht hatte, dass sein EM-Kader, vom Durchschnittsalter her der jüngste des Turniers in Österreich und der Schweiz, so schnelle Lernerfolge verzeichnen könnte. "Es ist einfach unglaublich, wie schnell die Burschen es geschafft haben, die Gesetze des internationalen Fußballs zu beherrschen. Es ist die pure Freude, mit solchen lernwilligen und -fähigen Spielern zu arbeiten", betonte Hiddink wiederholt während der EM. Nicht einmal die Südkoreaner, mit denen er 2002 bei der Heim-WM sensationell ins Halbfinale eingezogen war, hatten seine Ratschläge so schnell in die Praxis umsetzen können.

Russlands Fußball im Aufwind
Hiddinks gelehrige Schüler spielen mit einer Ausnahme allesamt in der im Aufwind befindlichen russischen Premjer-Liga, in der im Moment aufgrund des hohen Gehaltsniveaus rund 200 Legionäre, darunter auch der Burgenländer Martin Stranzl bei Spartak Moskau, ihr Geld verdienen. Diese Masse an Fremdkickern wird aber in den kommenden Jahren stetig abnehmen, weil die Liga in regelmäßigen Abständen die Anzahl der ausländischen Spieler reduziert. So dürfen seit heuer maximal sieben nicht-russische Spieler eingesetzt werden, ab 2010 sind es dann nur noch sechs.

Bei UEFA-Cup-Sieger Zenit St. Petersburg dominieren aber jetzt schon die Spieler aus der Heimat, stehen doch immer mindestens sieben bis acht Russen in der Startaufstellung des aktuellen Meisters, der so wie ZSKA Moskau fünf Spieler im EM-Aufgebot stellt. Und Hiddink hofft, dass auch bei den anderen Vereinen mit Blick auf die Zukunft der Trend weg von Legionären hin zu russischen Spielern geht, weil er dann eine größere Qual der Wahl für seinen Teamkader hat.

Trotz vielen Legionären starke Liga
"Im Moment besitzen von den mehr 300 Spielern in der Premjer-Liga nur ungefähr 60 einen russischen Pass, und von denen sind wiederum nur rund 35 Stammspieler in ihren Vereinen , der Rest hockt auf der Bank. Deshalb ist es unglaublich, dass wir so eine Qualität im Teamkader haben", erläuterte Hiddink vor dem EM-Halbfinale und betonte gleichzeitig einmal mehr, dass ihm der langfristige Erfolg viel wichtiger sei als der schnelle. Schließlich soll der von ihm erweckte "russische Bär", zu einer ständigen Bedrohung werden.

"Auch wenn es euch Medienvertretern ziemlich egal ist, ihr werdet es immer wieder von mir hören: Das Wichtigste ist, dass wir diese Momentaufnahme jetzt nützen und die fußballerische Infrastruktur in Russland stark verbessern - angefangen vom Scouting-System über die Adaptierung von modernen Trainingsmethoden bis hin zur Errichtung von Jugendakademien, in all diese Bereiche muss groß investiert werden", forderte Hiddink zum wiederholten Male und nahm dabei auch Mutko sowie all die großzügigen, fußballverrückten Oligarchen wie Roman Abramowitsch in die Pflicht.

"Damit das alles umgesetzt werden kann, sind jetzt die Verbandsverantwortlichen gefordert, und das ist eine noch viel größere Herausforderung, als hier bei der EM erfolgreich zu spielen. Denn nur so können wir es schaffen, dass das größte Land der Welt mit mehr als 140 Millionen Einwohnern zu einer Fixgröße im internationalen Fußball wird und in Zukunft die besten Spieler nicht mehr nach England, Spanien oder Italien, sondern nach Russland wechseln." (apa/red)

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