Erinnerungen von

"Ich spüre dich,
höre deine Stimme"

Erinnerungen - "Ich spüre dich,
höre deine Stimme" © Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Unbeschwerte Momentaufnahmen ihres privaten Glücks. Bislang unbekannte Schnappschüsse ihres Lebens zwischen Bühne und Society. Berührende Liebesbriefe ihres Lebensmenschen Helmut Zilk: Nun dokumentierte Grande Dame Dagmar Koller ihre Vita in einem Prachtband

Zilks letzter Liebesbrief

Oft waren es nur kleine Zettel, manchmal richtige Briefe: Wenn Helmut Zilk seiner Dagmar schrieb, entstanden Botschaften voller Wärme und Intensität

Jahrzehnte hinweg hatte Dagmar Koller die Briefe Helmut Zilks in der gemeinsamen Wohnung in der Wiener Innenstadt wie einen geheimen Schatz gehütet. Im Zuge ihres Buchprojektes "Goldene Jahre", das nun vorliegt, entschloss sich die Grande Dame des Musicals jedoch, die berührendsten Passagen öffentlich zu machen.

Es war am 21. Juli, 2008, fast genau drei Monate vor seinem Tod, als Wiens langjähriger Bürgermeister seiner großen Liebe zum allerletzten Mal schrieb. Der 21. Juli markiert das Datum, an dem sich die beiden 38 Jahre zuvor kennenund lieben gelernt hatten. Zilk, der bereits seit geraumer Zeit mit einem Herzschrittmacher lebte und täglich zur Blutwäsche musste, war schon zu schwach, um mit der Hand zu schreiben. So diktierte er den Brief, setzte danach seine Unterschrift darunter und verschickte ihn an seine Frau.

"Liebe Dagmar! Mein geliebtes Mutzi! Es ist das erste Mal seit 38 Jahren, dass ich Dir nicht persönlich gratulieren kann. Die moderne Nachrichtentechnik macht es aber möglich, dennoch ganz nah bei Dir zu sein.

Wenn ich während der Dialyse die Augen schließe, dann spüre ich Dich, höre Deine Stimme, fühle Deinen Atem, rieche Dich sogar

Ich frage mich oft, woher die unendliche Liebe, die uns verbindet, kommen mag? Vielleicht wurzelt sie in den schönen gemeinsamen Erlebnissen, vielleicht aber auch in den tiefen Stunden der Sorgen füreinander. Du hast an meiner Seite liebevoll ausgeharrt, und ich danke Dir dafür, dass Du mir nimmermüde Mut machst und mir Deine Liebe schenkst.

Ich kann Dir nichts schenken, sondern nur versprechen, dass ich Dir Deine Liebe zurückgeben kann - möglichst lange!

So freue ich mich schon auf unser Wiedersehen - immerhin dann schon im 39sten Jahr unserer Liebe und zum 31sten Jahr unserer Ehe.

Ich liebe Dich! Immer und hoffentlich noch lange, Dein Helmut."

Im Jahr 1989 schrieb Zilk an Koller auf seinem offiziellen Briefpapier mit dem Aufdruck "Der Bürgermeister". Der Brief datiert vom 25. August 1989, dem Tag vor Kollers 50. Geburtstag. Dem Brief liegt ein Schmuckstück, eine Brosche, bei.

"Liebes, das Leben läuft zwischen den Fingern davon - ich habe Angst, es überholt mich bald. Deshalb brauche ich jede Minute mit Dir und für dich! So laß mich am Vorabend der Abreise, also schon jetzt, meinen Geburtstagswunsch sagen: Bleibe noch lange meine so großartige, gütige und liebe Frau. Ich bin Dir für jede Sekunde unseres Beisammenseins so dankbar, möchte keine Sekunde versäumen! Vielleicht erhört mich der liebe Gott?!? Du mögest immer so leuchten wie diese Brosche! Immer Dein H."

Knapp zweieinhalb Monate später schreibt Zilk an Koller auf einem schmucklosen weißen Notizzettel. Die Botschaft ist typisch für die kleinen, ganz alltäglichen Liebesbekundungen, die der mächtigste Mann Wiens seiner Frau hinterließ, ehe er morgens die Wohnung Richtung Rathaus verließ.

"Liebes, alles Gute - vor allem f. d. Zahnarzt. So hat jeder sein ,Binkerl', ich gehe heute zum ersten Mal mit gesenktem ,Kopf' in mein schreckliches Tagwerk. Dein scheckiger, lächerlicher Greis! H - B"

Das B steht für "Bumpfi", einer der Kosenamen, den sich Dagmar Koller für ihren Helmut ausgedacht hatte.

Eines der Fotos, die sich nun in Kollers Bildband finden, zeigt Zilk, auf einen Gehstock gestützt, und Koller, die sich an ihn schmiegt. Den dazugehörigen Bildtext hat Koller mit der Hand verfasst: "Innig geliebter Freund, Mann, alles bist Du für mich. Deine Dagmar"

Darunter hat Koller vier Blumen gezeichnet. Und das Gesicht einer lachenden Frau. Und ein Herz. Mitten in Kollers Buch befindet sich eine leere, schwarze Doppelseite. Einziger Text: "24. Oktober 2008". Das war Helmut Zilks Todestag.

Das Buch

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Der 329 Seiten starke Bildband "Dagmar Koller - Goldene Zeiten" ist im Verlag für moderne Kunst erschienen und für 49 Euro ab sofort im Buchhandel erhältlich

Zeitreise einer verschmitzten Grande Dame

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