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Die Scheinkommission

Cover - Die Scheinkommission © Bild: iStockphoto/LoveTheWind

Die Klasnic-Kommission wurde ins Leben gerufen, um den Opfern kirchlichen Missbrauchs zu helfen. Doch seit Jahren häufen sich die Vorwürfe gegen die Einrichtung: Verfahren sollen verschleppt, Betroffene als unglaubwürdig dargestellt und intime Daten weitergegeben werden. Drei Opfer klagen an.

Astrid Berger* ist 13 Jahre alt, als es das erste Mal passiert. Sie ist im Jungscharlager, der Kaplan sitzt neben ihr am Tisch, als sie plötzlich seine Hand zwischen ihren Beinen spürt. Sie ist wie versteinert, versteht nicht, was da vor sich geht. "Er war doch meine Bezugsperson! Ich war fast jeden Tag im Gottesdienst und habe mich in der Kirche zu Hause gefühlt", sagt Berger heute. Zwei Jahre später passiert es ein zweites Mal, diesmal ist es ein anderer Geistlicher. Er verwickelt sie immer wieder in Gespräche, nimmt sie auf Ausflüge mit. Später lädt er sie zu sich nach Hause ein und vergeht sich an ihr. "Ich konnte diese Erlebnisse damals nicht einordnen. Er war ja ein Mann Gottes."

Keine Chance auf Hilfe

Es folgen Jahre des innerlichen Kampfes. Sie durchlebt Phasen der Todessehnsucht, möchte ihr Erlebnisse abwaschen, aber es gelingt ihr nicht. Bis heute fällt es Berger schwer, Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Wenn sie Kirchenglocken hört, zuckt sie zusammen. Wenn sie einem Pfarrer auf der Straße begegnet, beginnt sie zu zittern.

Viele Jahre später - Astrid Berger ist längst erwachsen - wendet sie sich an die Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in Graz. Dort wird ihr gesagt, dass einer der Täter der beste Freund des Generalvikars sei und sie sich deshalb keine Chance auf eine Hilfsleistung ausrechnen könne. Aber Berger gibt nicht auf. Sie nimmt Kontakt zu Waltraud Klasnic auf. Ein Schritt, den sie später bereuen wird. "Das hat mich erneut traumatisiert", sagt sie. Beim ersten Treffen sagt ihr Klasnic noch, dass sie mit einer finanziellen Entschädigung rechnen könne. Beim zweiten Treffen klingt es hingegen schon ganz anders. Sie könne ihr nicht helfen, da es keine Zeugen gäbe. Außerdem seien in ihrer Kindheit noch andere Dinge vorgefallen, ihr Zustand sei also nicht allein auf die Ereignisse in der Kirche zurückzuführen, heißt es vonseiten der Klasnic-Kommission. Klasnic wurde im Jahr 2010 von Kardinal Schönborn zur Opferschutzanwältin der kirchlichen Initiative gegen Missbrauch und Gewalt ernannt.

"Das Argument damals war, dass man nicht sagen kann, woher die Traumatisierung kommt, aus dem familiären Kontext oder dem kirchlichen. Natürlich hängt das zusammen", sagt ihre Therapeutin Ingrid Egger und ergänzt: "Der Faktor der öffentlichen Anerkennung des Leides ist ein wesentlicher Faktor für eine Traumagenesung." Nach diesen Treffen ist Astrid Berger verzweifelt. Es geht ihr so schlecht, dass sie ins Krankenhaus muss.

Heute ist Astrid Berger Ende 40. Ihre Augen wirken kindlich, sie trägt ein T-Shirt mit Pippi Langstrumpf darauf. Nur die grauen Haare, die unter ihrer blauen Schirmmütze hervorschauen, lassen auf ihr tatsächliches Alter schließen. Berger hat bis heute keine finanzielle Entschädigung von der Klasnic-Kommission erhalten. Lediglich ein Therapieaufenthalt in einer Reha-Klinik für seelische Gesundheit wurde ihr von der Klasnic-Kommission vermittelt. Die Kosten dafür hat aber nicht die Kirche, sondern die Krankenkassa übernommen. Diese kann über den Fall kurzfristig jedoch keine Auskunft geben.

Begründung verwehrt

Klasnic weist den Vorwurf - trotz schriftlicher Belege - gegenüber News von sich: "Entscheidungen über jeden Euro und jede Therapiestunde, die in der Kommission getroffen wurden, wurden von der Stiftung eins zu eins übernommen." Sie meint damit die Stiftung Opferschutz, die das Geld an die Betroffenen auszahlt. Es gab lediglich 2.000 Euro für Bergers Therapeutin. "Das deckt die Therapiekosten von 20 bis 25 Einheiten. Ich arbeite seit 2010 mit Frau Berger, und das großteils unbezahlt. Ich fühle mich von der Kommission benutzt, wenn 2.000 Euro als Argument dienen, weshalb Frau Berger keine Entschädigung bekommt", prangert Therapeutin Egger an. Außerdem könne man sich fragen, warum Therapiekosten übernommen wurden, obwohl man ja eine reine Weste habe.

Eine schriftliche Begründung, warum ihr kein Geld zugesprochen wurde, hat Berger bis heute nicht erhalten. "Das ist das Einzige, was ich wissen will, und es bleibt mir verwehrt."

Astrid Berger ist nicht das einzige kirchliche Missbrauchsopfer, das sich von der Klasnic-Kommission betrogen fühlt. Die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt, ein von der Kirche unabhängiger Verein, berichtet von Dutzenden Betroffenen, bei denen Verfahren verschleppt, Opfer als unglaubwürdig dargestellt, intime Daten weitergegeben oder die Akteneinsicht verwehrt wurde. Die Plattform kritisiert die Klasnic-Kommission dementsprechend scharf: "Die Kommission schützt die Täter und speist die Opfer ab, um teure Klagen abzuwenden", meint ein Mitarbeiter.

Seit 2010, also seit ihrem Bestehen, hat die Klasnic-Kommission rund 20 Millionen Euro an 1.750 Opfer ausgezahlt. Gezahlt werden pro Fall zwischen 5.000 und 25.000 Euro. In besonders schwerwiegenden Fällen ist es mehr. Auf den ersten Blick klingt das viel. Vergleicht man es aber mit anderen Staaten wie Irland oder den USA, die ebenfalls von kirchlichen Missbrauchsskandalen erschüttert wurden, dann klingt es beinahe lächerlich. Denn hier bewegen sich die Summen im Milliardenbereich.

"Täterorganisation"

Das ist ein Punkt, den auch Herbert Loitsch kritisiert. Er ist ebenfalls Betroffener. "Die Klasnic-Kommission zahlt das Geld ja aus dem Börsel. Wir bräuchten Wiedergutmachungen in immensen Höhen. In Amerika musste die Kirche Eigentum verkaufen, um die Strafen zahlen zu können." Er fordert aber auch, dass Betroffenenvertreter in die Kommission gehören. "Die Täterorganisation sollte nicht mitzureden haben."

Loitsch wurde als Kind in einem Internat in Wien "gefoltert", wie er sagt. So mussten sich die Kinder im Bad nackt ausziehen und die Hände von sich strecken. "Eine Schwester hat dann so lange mit einem Kleiderbügel auf unsere Hände geschlagen, bis er abgebrochen war." Auch bei ihm wiederholten sich die Grausamkeiten später erneut. In einem anderen Internat in Wien passierte etwa Folgendes: "Der Herr Präfekt hat uns einmal beim Rauchen erwischt. Danach mussten wir uns nackt ausziehen, er hat uns gefesselt, den Mund und ein Nasenloch zugeklebt und uns eine brennende Zigarette ins andere Nasenloch gesteckt." Daraufhin mussten die Kinder Urin trinken, sich in den Finger stechen und mit ihrem Blut unterschreiben, dass sie nichts verraten. Loitsch hat dafür 10.000 Euro von der Klasnic-Kommission bekommen. Und auch er musste erneut einen hohen Preis zahlen. "Beim Gespräch vor Ort haben insgesamt neun Leute auf mich eingeredet, ja beinahe geschrien.

Wenn ich nicht so gefestigt gewesen wäre, hätte ich mich umgebracht", erzählt der heute 67-Jährige. Doch das ist noch nicht alles. Als er sein Geld bei der von der Klasnic-Kommission angeblich unabhängigen Stiftung Opferschutz abholte, stieß er auf ein brisantes Detail. Denn die Stiftung hatte plötzlich einige seiner intimen Daten. "Die Klasnic-Kommission hat sie einfach weitergegeben", kritisiert Loitsch. Daraufhin stellt er eine Datenschutzanfrage. Und dabei stellt sich heraus, dass die Klasnic-Kommission die gleiche Datenschutznummer wie die Bischofskonferenz hat. Obwohl es auf der Homepage der Klasnic-Kommission heißt: "Seitens der Österreichischen Bischofskonferenz wurde die absolute Unabhängigkeit der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft zugesichert." Loitsch ist sich sicher: "Die Klasnic-Kommission ist unseriös. Und der Titel Opferschutzanwaltschaft stimmt einfach nicht, für mich ist es eine Täterschutzanwaltschaft."

Klage wegen Bezeichnung

Und er ist nicht der Einzige, der die Bezeichnung "Unabhängige Opferschutzanwaltschaft" bemängelt. So haben 2014 Kirchenkritiker gemeinsam mit der "Plattform Betroffener" eine Klage eingereicht. Demnach sei der Begriff "Anwaltschaft" irreführend, da der Eindruck erweckt werde, es handle sich um eine staatliche Einrichtung. Auch der Titel "unabhängig" sei falsch, da eine Nähe der Kommission zur Kirche nicht abzustreiten sei. Denn organisatorisch gehöre sie zur Erzdiözese Wien. Doch die Klage wurde abgewiesen. Und auch Klasnic dementiert: "Ich habe für die Kommission Menschen ausgesucht, bei denen Verantwortung großgeschrieben wird und die einen Ruf haben, der hundertprozentig in Ordnung ist."

Der gleiche Vorwurf gilt aber auch bei der Stiftung Opferschutz, die das Geld auszahlt. Denn darin sitzen ausschließlich Kirchenvertreter sowie Klasnic selbst. Umso verständlicher also die Sorge so mancher Betroffener, dass sensible Daten innerhalb der Kirche weitergegeben werden. Die "Plattform Betroffener" berichtet sogar von einem Fall, bei dem die Daten an den Täter gingen. Dieser stand eines Tages vor der Tür des Opfers. Klasnic widerspricht dem: "Jede Behauptung, dass von der Kommission die Verschwiegenheit gebrochen wurde, weise ich zurück."

Dass der Täter das Recht auf Akteneinsicht hat, wird in der Rahmenordnung der Kirche über den Umgang mit Missbrauch festgehalten. Das Gleiche scheint jedoch nicht für die Opfer zu gelten. Denn sowohl Astrid Berger als auch Herbert Loitsch wissen bis heute nicht, welche ihrer Daten von der Kirche gespeichert wurden. "Natürlich haben sie den Anspruch darauf, zu wissen, was über sie gespeichert wird. Es gibt das Recht auf Datenauskunft", erklärt Markus Kainz, Präsident des Datenschutzvereins Quintessenz. Auch müsse die Privatsphäre der Opfer geschützt werden. Aber die Klasnic-Kommission sei nun mal kein Gericht, sondern eine Organisation der Kirche. "Und es sitzen nur Leute drinnen, die bekennende Christen sind", sagt Kainz.

Auch in Bezug auf ihre Arbeit für den Österreichischen Skiverband stand die Klasnic-Kommission erst kürzlich in der Kritik. Sie wurde eingesetzt, um Missbrauchsvorwürfen nachzugehen, kam aber zu dem Ergebnis, dass es keine Hinweise auf systematischen sexuellen Missbrauch im ÖSV gäbe. Niemand hätte sich gemeldet. Ex-Rennläuferin Nicola Werdenigg, die das Ganze ins Rollen brachte, zeigte sich wenig überrascht. Die Klasnic-Kommission sei nun mal ein wenig vertrauenswürdiger Ansprechpartner für Betroffene.

Pul Heide musste ebenfalls erst dafür kämpfen, dass ihm die Klasnic-Kommission glaubt. 45 Jahre lang konnte der Mann, der nur sein Pseudonym in News lesen möchte, nicht darüber sprechen, was ihm als kleiner Bub in einem Stift in der Steiermark zugestoßen ist. Und als er es dann endlich tat, wurde er zurückgewiesen. Er war zehn, als er das erste Mal von zwei Patres misshandelt wurde. Und das auf so brutale Weise, dass es beinahe keine Worte dafür gibt. "Einer hat meinen Kopf zwischen seinen Beinen festgehalten und der andere hat mich vergewaltigt. Oder ich wurde mit einem Ledergürtel so fest geschlagen, bis ich bewusstlos war", erzählt Heide. Bis heute leidet er an den Folgen der Misshandlungen. So hat er auf einem Ohr einen Hörverlust von 70 Prozent. Und seine Schulter ist von den häufigen Ausrenkungen lädiert.

Unglaubwürdig

Als sich Heide 2011 an die Klasnic-Kommission wandte, glaubte ihm diese zunächst nicht. "Sie haben gesagt, das ist zu arg, das kann nicht stimmen." Erst nach wiederholten Schilderungen sprachen sie ihm 25.000 Euro und 100 Therapiestunden zu. Den Tätern aber passierte nichts. Sie bleiben bis zur ihrer Pensionierung im Stift tätig. Ein Punkt, der immer wieder in der Kritik steht. Denn die Kirche zieht die Täter nach Bekanntwerden von derlei Anschuldigungen oft nicht aus dem Verkehr.

Das gibt auch Waltraud Klasnic zu: "Früher war die Praxis, dass man jemanden einfach versetzt hat." Auf die Frage, wie das heute gehandhabt wird, antwortet Klasnic nicht so eindeutig: "Heute bleibt er nicht mehr in der Position, aber er braucht eine Aufgabe. Ihn hinauswerfen, ohne sich um ihn zu kümmern, ist es das, was wir wollen?" Auch sei sie nicht verpflichtet, die Anschuldigungen an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Pul Heide hat es deshalb selbst in die Hand genommen und prozessiert gerade gegen das Stift und seine zwei Peiniger. Das Ziel: Schadenersatz.

Auch Astrid Berger will nicht aufgeben. Sie hat nun erneut einen Versuch gestartet, Einsicht in ihre Akten zu bekommen. Aber Klasnic spielt weiter auf Zeit. "Sie hat mich erneut um Geduld gebeten, weil jetzt Ferien sind. Sie verzögert und verzögert." Berger will das aber nicht auf sich sitzen lassen: "Ich bestehe auf eine Begründung." Nach all den schmerzhaften Erlebnissen sei es das Mindeste.

*Name von der Redaktion geändert

Die Geschichte ist ursprünglich in der Printausgabe von News (Nr. 28/2018) erschienen!