Kriminalität von

Der Familienauslöscher

Kriminalität - Der Familienauslöscher © Bild: APA/Zoom.Tirol

Ein Tiroler tötet scheinbar aus dem Nichts fünf Menschen in Kitzbühel. Das angebliche Motiv: Eifersucht. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit.

Das Haus, in dem fünf Menschen starben, ist umringt von saftigen Weidewiesen. Vor der Einfahrt plätschert ein Bach, hinter dem Gartenzaun grasen Kühe. Die Glocken der Tiere läuten. Die Polizei hat ein Absperrband um das Grundstück der Familie H. gezogen. Trauerkerzen und Rosen stehen vor der Einfahrt. Es werden täglich mehr. Kitzbühel trauert um die Toten und ist wütend auf den mutmaßlichen Täter Andreas E. (25).

Wer ist dieser junge Mann, der eine Familie und einen Freund der Tochter tötete? Warum diese Aggression gegen so viele Menschen? News sprach mit Bekannten des mutmaßlichen Täters, Nachbarn und besorgten Eltern. Sie zeichnen ein Bild der Aggression. Ein Bild, das hätte warnen können.

Keine heile Kitzbühel-Welt

Andreas E. ist 25 Jahre und stammt aus Kitzbühel. Er besucht die Hauptschule, arbeitet später bei unterschiedlichen Baufirmen. Er wächst in einer scheinbar normalen Familie auf: Mutter, Vater, zwei Söhne. Seine Eltern besitzen ein gepflegtes Einfamilienhaus mit Blick auf den Wilden Kaiser. Ein Gartenzwerg und ein paar Pflanzen schmücken den Eingang. Es gibt eine Garage und eine Gartenhütte. Weiße Vorhänge verhindern den Blick ins Innere. Der Bürgermeister von Kitzbühel, Klaus Winkler, beschreibt die Familie als "bekannt und angesehen". Die Eltern sowie der Bruder seien ehrenamtlich bei der Wasserrettung tätig. "Sie sind integriert und helfen bei verschiedenen Veranstaltungen", beschreibt der Bürgermeister.

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So weit die heile Kitzbühel-Welt. Dass dies nur die halbe Wahrheit ist, wird schnell klar, wenn man mit Bekannten von Andreas E. spricht. Sie geben Auskunft, wollen aber anonym bleiben. Zu groß ist die Angst, dass sie als Verräter in ihrem Freundeskreis gelten. Aber: Sie wollen es nicht auf sich sitzen lassen, dass sie eine Jugend seien, die mit Zurückweisungen nicht zurechtkomme. Das wollen sie klarstellen. "Nicht jeder in Kitzbühel läuft Amok, weil er eifersüchtig ist", sagt ein Weggefährte von Andreas E. Im Gegenteil, Andreas E. sei schon vor Jahren durch aggressives Verhalten aufgefallen.

Passend zum Thema: "Keiner ist vor so einer Tat gefeit"

Einer, der aus der Vergangenheit erzählt, ist Franco F. (Name von der Redaktion geändert). "Ich habe Andreas beim Zelten kennengelernt. Damals hat er mir aus dem Nichts eine Machete an den Kopf gehalten." Franco F. war zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre, Andreas E. 19 Jahre alt. "Das war kein Räuber-und-Gendarm-Spiel. Das war echt, und er fand das auch noch lustig." Noch eine Situation, die Franco nicht vergessen kann: "Ein Jahr später bin ich mal zu ihm ins Auto eingestiegen, weil ein Freund von mir dabei war. Während der Fahrt sind wir draufgekommen, dass er überhaupt keinen Führerschein hat, und bevor ich etwas sagen konnte, ist er über eine Katze gefahren. Später hab ich gehört, dass das so eine Art Sport für ihn war." Andreas habe absichtlich Katzen gesucht, um sie zu überfahren, sagt Franco F. Auch dessen Mutter kann sich noch gut an die Situation erinnern, als ihr Sohn aufgelöst nach Hause gekommen ist. "Wir haben immer wieder von diesen Geschichten mit Andreas gehört. Aber was hätten wir denn tun sollen?"

Ein weiterer Weggefährte des Täters berichtet von Einbrüchen in Bauernhöfe. Andreas E. habe Hühnern die Köpfe abgeschlagen und Katzen angezündet. Die Wutausbrüche von Andreas E. seien so weit gegangen, dass er anderen mit Mord gedroht habe, wenn er sich über jemanden geärgert habe. Überprüfen lassen sich diese Berichte nicht. Aber es ist auffällig, dass mehrere Personen ein ähnliches Bild von Andreas E. zeichnen.

Seit 2014 FPÖ-Mitglied

Die Polizei hält sich zu diesen Vorwürfen bedeckt. "Ich kommentiere keine Geschichten aus der Vergangenheit, die nicht zu dieser Straftat einen unmittelbaren Bezug haben", sagt Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes Tirol. Die Polizei dürfe Andreas E. diese Geschichten nicht vorhalten, weil sie verjährt seien, so Pupp. "Die alten Geschichten werden in einem weiteren Verfahren für den Gerichtspsychiater grundsätzlich eine Rolle spielen."

Am 2. Juli 2014 postet Andreas E. auf seiner Facebook-Seite, dass er sich mit Nadine H. (damals 14 Jahre) verlobt hat. Auch seine politische Ausrichtung scheint Andreas E. zu diesem Zeitpunkt gefunden zu haben: Er ist im Jahr 2014 für zwei Monate als Jugendreferent Mitglied der Stadtparteileitung der FPÖ Kitzbühel. Bis vergangenen Sonntag ist er einfaches FPÖ-Parteimitglied ohne Funktion oder Mandat. Auf seiner Facebook-Seite konnte jeder sehen, dass Andreas E. Redneck-Anhänger ist. Eine Arbeiterbewegung aus dem Süden der USA, die für die Liebe zu Waffen bekannt ist und eine Tendenz zu rassistischen Vorurteilen hat. Ihre rote Flagge mit dem blauen Kreuz mit Sternen darauf prangt auf der Facebook-Seite von Andreas E. und pickt außerdem auf dem Auspuff eines Autos, das vor der Tür seiner Familie steht.

Andreas E. soll erst vor wenigen Monaten zu seiner damaligen Freundin Nadine H. und deren Familie gezogen sein.

Die Opferfamilie

Das weiße Haus mit den dunkelbraunen Fensterläden und dem Herzerlmuster darauf gehörte vor Jahren zu einem kleinen landwirtschaftlichen Gut. Die Familie H. verkaufte schließlich Stück für Stück des Grundstücks und rückte zusammen. Die Großmutter lebte im unteren Teil des Hauses, die Eltern Andrea und Rupert H. wohnten mit den Kindern Nadine und Kevin oben. Als die Oma vor zehn Jahren starb, zogen alle nach unten. Die Einliegerwohnung wurde vermietet.

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Nachbarn, Freunde und Kollegen beschreiben die Familie H. als außergewöhnlich nett, hilfsbereit und fleißig. Mutter Andrea (51) war Hausfrau, Vater Rupert (59) arbeitete bei einer Firma, die leer stehende Ferienhäuser in Kitzbühel betreut. "Er war ein Technik-Freak. Ich habe ihm meinen kaputten Föhn gebracht, und er hat ihn repariert", erzählt ein Nachbar. Auch Sohn Kevin (25) war beliebt. Bekannte beschreiben ihn als ausgleichenden Pol. Er sei ein guter Freund von Andreas E. gewesen, hätte niemals ein schlechtes Wort über jemanden verloren. Kevin hatte in einer Firma für landwirtschaftliche Maschinen gelernt, wurde übernommen und war für sein besonderes Geschick für Motoren bekannt. Auch Tochter Nadine (19) war im ganzen Ort beliebt. Sie arbeitete bei einer Baufirma. Auf deren Seite findet man seit Dienstag einen Nachruf: "Wir können immer noch nicht fassen, was passiert ist. Nie mehr dein Lächeln sehen, deine Stimme hören, uns von deiner guten Laune anstecken lassen. Wir vermissen dich, Nadine. Du fehlst und dein Platz wird für immer leer bleiben."

Zu dieser Familie also war Andreas E. vor wenigen Monaten gezogen. Nadine und er wohnten in der Einliegerwohnung. Er half beim Sanieren. Die Mutter von Andreas E. sagte dem Fernsehsender RTL, dass beide sogar heiraten wollten. Doch im Freundeskreis von Nadine hört sich das anders an. Laut News-Recherchen wollte die junge Frau mehrmals die Beziehung beenden, hatte Angst vor Andreas E. Vor zwei Monaten soll sie sich schließlich getraut haben.

Nadine lernte Florian erst kennen

Am vergangenen Samstag waren beide im "The Londoner", einem Pub, in dem sich vor allem die Einheimischen treffen. Nadine H. soll an diesem Abend den Eishockeyspieler Florian J. (24) kennengelernt haben. Der Oberösterreicher war seit Anfang August Torhüter bei den Adlern in Kitzbühel. An diesem Abend wurde er gefeiert, er war zum "Man of the Match" gewählt worden, weil er beim Spiel zuvor so gut gehalten hatte. Auch Andreas E. war im Pub. Bekannte, die an diesem Abend dabei waren, beschreiben ihn dort als unauffällig. Gegen Mitternacht sei es laut Polizei zu einer Auseinandersetzung zwischen Andreas E. und Nadine H. gekommen. Danach sei er nach Hause gegangen. Nadine H. nahm Florian J. mit zu sich. Die beiden wollten in der Einliegerwohnung übernachten.

Um vier Uhr morgens fuhr Andreas E. zum ersten Mal zu seiner Ex-Freundin. Vater Rupert öffnete und schickte ihn wieder weg. Was Andreas E. zwischen vier und fünf Uhr gemacht hat, ist unklar. Andreas E. gestand, dass er gegen 5.30 Uhr erneut beim Wohnhaus der Familie ankam. Der Weg von seinem Elternhaus zu Nadines beträgt tagsüber keine zehn Minuten, in der Früh wird es weit schneller gegangen sein. Fest steht: Er hatte die Waffe seines Bruders dabei. Eine Pistole, Kaliber neun Millimeter. Außerdem ein Messer und einen Baseballschläger. Dann richtete er ein Blutbad an. Er erschoss Vater Rupert, dann seinen einstigen Freund Kevin, anschließend Mutter Andrea. Dann kletterte er von außen über den Balkon hinauf und schlug die Glastür zur Einliegerwohnung mit dem Baseballschläger ein. Hier erschoss er Nadine H. und Florian J.

Andreas E. fuhr anschließend zur Polizei und gestand die Taten. Für ihn gilt trotzdem die Unschuldsvermutung.

Sein Beziehungsstatus: verwitwet

Seit Dienstagmittag ist der Facebook-Account von Andreas E. gesperrt. Die Polizei ermittelt seitdem die Inhalte. Besonders auffällig ist der Beziehungsstatus von Andreas E. Er gibt an, "verwitwet" zu sein. Wann er diesen Eintrag gemacht hat, ist Gegenstand von Ermittlungen. "Das wäre ein Indiz", sagt Ermittler Pupp. "Auch wenn er alles gestanden hat, müssen die Spuren trotzdem gesichert werden." Es gebe nämlich immer die Möglichkeit, dass der mutmaßliche Täter das Geständnis widerruft, erklärt Walter Pupp.

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Der Pfarrer der Gemeinde Kitzbühel, Michael Struzynski, bekam am Sonntag um halb zwölf eine Whatsapp-Nachricht von einem Freund aus Berlin: "Was ist in Kitzbühel los?" Dazu ein Onlinebericht. Kurz danach rief der Bürgermeister an. "Es war ein Schock. Ich kannte die Familie, habe Nadine getauft und gefirmt", sagt der Pfarrer.