Die Wucht der zweiten Welle

Die Infektionszahlen steigen dramatisch und immer mehr Erkrankte benötigen intensivmedizinische Behandlung. Der Lockdown soll die Lage beruhigen. Ist Sars-CoV-2 durch eine Mutation infektiöser geworden und gibt es mittlerweile wirksame Medikamente?

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Corona - Die Wucht der zweiten Welle © Bild: Getty Images

Zum zweiten Mal befindet sich Österreich also im Lockdown. Restaurants, Hotels und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, der Vereinssport auf Amateurebene eingestellt und Oberstufenschüler müssen wieder zu Hause lernen. Der Grund: Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem Coronavirus und immer mehr von ihnen erkranken so schwer daran, dass sie in einem Krankenhaus oder gar auf der Intensivstation behandelt werden müssen.

Dass die Infektionszahlen im Herbst steigen würden, war vorhersehbar. Der sprunghafte Anstieg kam jedoch für viele scheinbar überraschend. Vor weniger als einem Monat, am 11. Oktober, konnte sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober einen Lockdown "überhaupt nicht vorstellen". Nur vor einem flächendeckenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems - von dem man aber meilenweit entfernt sei - wäre dies möglich, verkündete er in der ORF-Sendung "Hohes Haus". Zu diesem Zeitpunkt wurden gerade einmal 1.235 Neuinfektionen registriert.

Mittlerweile hat sich die Zahl der Neuinfektionen genauso rapide vervielfacht wie jene Menschen, die im Spital behandelt und auf den Intensivstationen versorgt werden müssen. Die Betten auf den Intensivstationen werden daher bereits deutlich knapper. So sind etwa in Wien zwei Drittel der Covid-Intensivbetten belegt. Einige Bundesländer verschieben geplante Operationen bereits wieder.

»Das Virus ist mutiert. Die Auswirkungen kann man noch nicht richtig bewerten«

Hat also die Politik versagt und zu spät reagiert? Oder ist die Bevölkerung schuld, weil sie viel zu achtlos war und viele der Maßnahmen nicht beachtet hat?

Für Infektiologen Heinz Burgmann von der Meduni Wien waren "manche Menschen anscheinend schon" zu sorglos: "Zu glauben, es wird einen schon nicht erwischen, ist gefährlich. Jetzt sind alle gefragt, die Maßnahmen einzuhalten - und diese sind nicht wirklich neu: Reduktion vor allem der Freizeitkontakte, Abstand halten und eine Maske tragen."

Walter Hasibeder, Leiter der Operativen Intensivmedizin am Krankenhaus Zams, spricht "von einer komplexen Situation, die es in dieser Form noch nie gegeben hat".

© picturedesk.com/Tobias Steinmaurer Masken und Abstand - diese Regeln gelten nach wie vor

Hasibeder ärgert sich vor allem darüber, dass "die Regierungspolitik teilweise von der Opposition und den Medien getrieben wird"."Hinzu kommen zahlreiche Interessenvertretungen. Keiner dieser Akteure hat ein ausreichendes medizinisches Fachwissen, geschweige denn jemals einen Patienten mit schwerer Covid-19-Erkrankung erlebt", so Hasibeder. Er würde sich von den "sogenannten Experten im Land wünschen, eine einheitliche Sprache hinsichtlich der persönlichen Schutzmaßnahmen zu sprechen". Nur so werde die Bevölkerung nicht weiter verunsichert.

Doch warum steigen die Infektionszahlen so stark an? Ist das Virus mutiert? Und kann man die Intensivbetten bei Bedarf nicht einfach aufstocken?

Warum steigen die Infektionszahlen viel dramatischer als noch vor Kurzem prognostiziert?
"Es gibt noch keine genaue Erklärung für diesen sprunghaften Anstieg", sagt Infektiologe Heinz Burgmann von der Meduni/AKH Wien. "Es scheint aber offenbar viele kleine Cluster zu geben. Das Virus hat sich in der Bevölkerung verteilt."

Virologin Monika Redlberger-Fritz sprach in einer Pressekonferenz ebenfalls von einer "immensen Grundzirkulation in der Bevölkerung". Das zeigt sich in der enorm hohen Rate positiver Tests. So waren es vor einigen Monaten noch fünf von 100 Personen, die Symptome hatten und deren Corona-Test positiv ausgefallen ist. Vorletzte Woche lag dieser Wert bei 21 Prozent, eine Woche später bereits bei 40.

Dass das Virus in der Bevölkerung mittlerweile viel weiter verbreitet ist als angenommen, zeigt der Massentest in der Slowakei. 3,6 Millionen Menschen nahmen daran teil. 38.000 von ihnen wurden positiv getestet und hatten weder Symptome noch wissentlich vor Kurzem Kontakt zu einem mit Sars-CoV-2 infizierten Menschen.

Der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, warnte bereits im Sommer in einem Gastkommentar in der "Zeit" vor der Wucht der zweiten Welle. So sei bei der ersten Welle das Virus in die Bevölkerung eingedrungen, bei der zweiten verbreite es sich hingegen aus der Bevölkerung heraus. Dadurch würden sich Probleme bei der Nachverfolgung ergeben, da überall und in allen Altersgruppen gleichzeitig neue Fälle auftreten können, warnte Drosten.

Aber ist vielleicht das Virus mutiert und damit gefährlicher und ansteckender geworden?
Es zirkulieren mittlerweile Hunderte unterschiedliche Sars-CoV-2-Varianten. Derzeit ist 20A.EU1 der am weitesten verbreitete Typ in Europa, ermittelte die Universität Basel. Erstmals trat 20A.EU1 im Sommer in Spanien auf. Von Nordspanien breitete es sich über Europa bis nach Hongkong und Neuseeland aus. Die Epidemiologin Emma Hodcroft von der Uni Basel meint dazu allerdings: "Es ist wichtig, festzuhalten, dass es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass die Verbreitung der neuen Variante auf einer Mutation beruht, die die Übertragung erhöht oder den Krankheitsverlauf beeinflusst."

In Norwegen wurden zwei neue Sars-CoV-2-Varianten identifiziert. Wissenschaftler untersuchen derzeit, ob eine der Varianten infektiöser ist. Möglich wäre es. So steckten sich mit einem Typ 36 von 40 Menschen an, die gemeinsam eine Bustour machten. Die Infizierten werden von Wissenschaftlern nun ein halbes Jahr beobachtet. "Wir denken, dass es sich um eine ansteckendere Variante des Virus handelt, die sich im Bus befand", sagt dazu die Ärztin Heidi Syre, die das Forschungsprojekt leitet.

Auch Heinz Burgmann bestätigt, dass das Virus mutiert ist. Noch sei es aber zu früh, die "Auswirkungen der Mutation richtig zu bewerten".

Wieso stockt man nicht einfach auf, wenn die Intensivbetten knapp werden?
Österreichweit gibt es derzeit 2.547 Intensivbetten. In "normalen" Jahren sind diese im Schnitt zu 82 Prozent belegt. Es sind also immer Betten für Notfälle bereit. Denn rund 60 Prozent aller Aufnahmen auf der Intensivstation seien ungeplant, sagt Walter Hasibeder, Leiter der Operativen Intensivmedizin am Krankenhaus Zams und nächster Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. Das sind etwa Patienten mit Herzinfarkt, Pneumonie und chirurgische Notfallpatienten.

© imago images/ULMER Pressebildagentur Die Zahl der verfügbaren Betten kann nicht so einfach aufgestockt werden. Denn für die Betreuung von Intensivpatienten ist hochqualifiziertes Personal notwendig

Allerdings zählt nicht nur die Bettenzahl, vielmehr ist für die Betreuung Schwerstkranker hochqualifiziertes Personal notwendig. Da es aber nicht genug derartiges Personal gibt, können nicht einfach mehr Betten aufgestellt werden. "In der Intensivpflege geht es nicht alleine um den Umgang mit Geräten", erklärt Hasibeder. "Eine qualifizierte Intensivpflege erkennt anhand klinischer Veränderungen, in welche Richtung sich ein Patient entwickelt." Sie könne daher Ärzte frühzeitig warnen, sollte sich der Zustand des Patienten verschlechtern. "Eine Intensivpflegeperson kennt den Patienten oft schon länger und beschäftigt sich den ganzen Tag mit diesem Menschen. Dieses Wissen und diese Erfahrung kann in keiner Schule und in keinem Kurs vermittelt werden. Das erfordert das Lernen am Krankenbett unter erfahrener Supervision." Auch muss qualifiziertes Pflegepersonal einen eineinhalbjährigen Intensivkurs innerhalb von fünf Jahren nach Arbeitsbeginn auf einer Intensivstation absolvieren.

Welche Rolle spielen Kinder nun bei der Verbreitung des Virus tatsächlich?
Dazu gibt es mittlerweile eine Vielzahl widersprüchlicher Aussagen und Studien. Während des aktuellen Lockdowns bleiben Volksschulen und Unterstufen offen. Die Begründung: Jüngere Kinder tragen nicht wesentlich zum Infektionsgeschehen bei. Dieses Vorgehen deckt sich mit der aktuellen Einschätzung der WHO und der europäischen Gesundheitsbehörde ECDC. Kinder verfügen über weniger sogenannte ACE2-Rezeptoren, die dem Virus ein Eindringen in die menschlichen Zellen ermöglichen. "Der derzeitigen Datenlage zufolge gelten Kinder nicht als Superspreader. Außerdem erkranken Kinder deutlich seltener schwer an Covid-19 als Erwachsene", sagt Kinderarzt Peter Voitl.

Durch die plötzlich stark ansteigenden Infektionszahlen seit Schulbeginn vermuten nun aber einige Experten, dass sich das Virus möglicherweise unentdeckt an Schulen ausbreitet und dies doch eine größere Rolle spielt als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie eines internationalen Forscherteams. Dabei wurden die Infektionswege in Indien untersucht. "In unserem Setting waren Kinder sehr effiziente Überträger", sagt Studienautor Ramanan Laxminarayan.

Zusätzlich beobachtete man, dass sich Kinder und junge Erwachsene vor allem bei Gleichaltrigen ansteckten.

Ermittelte Cluster der Kalenderwoche 43

© Quellen: AGES, NEWSinfografik: Karin Netta

Wo steckt man sich am häufigsten an?
Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) analysiert die Ansteckungen und ordnet sie Clustern zu. Mehr als die Hälfte aller Ansteckungen erfolgten demnach in Kalenderwoche 43 innerhalb der Familie (siehe Tabelle oben). Allerdings: "Bei rund 60 Prozent der Cluster weiß man nicht, wo sich der, der das Virus in die Familie gebracht hat, angesteckt hat", gibt Burgmann zu bedenken.

Gibt es schon neue Medikamente zur Behandlung Schwerkranker?
Nein. Es werden zwar einige neue Wirkstoffe erprobt, ein großer Durchbruch wurde bisher aber noch nicht gemeldet. Auch das Mittel Remdesivir zeigt nicht die ursprünglich erhoffte Wirkung. Zu diesem Schluss kam eine Studie der Weltgesundheitsorganisation.

Allerdings wurde die Behandlung schwerkranker Covid-Patienten in den vergangenen Monaten deutlich verbessert. Damit erhöhen sich die Überlebenschancen. So werden früh Blutverdünner verabreicht und im weiteren Krankheitsverlauf Steroide gegeben. Außerdem weiß man mittlerweile, dass frühzeitige Intubation und eine Steigerung der Beatmungsintensität mehr schaden als helfen. In Wien wurden deshalb 500 Airvo-Geräte angeschafft. Dabei wird den Patienten mittels Druck Sauerstoff über eine Maske verabreicht. Damit können Menschen außerdem auf der Intermediate-Care-Station behandelt werden und benötigen nicht unbedingt einen Platz auf der Intensivstation.

Der Beitrag erschien ursprünglich in der NEWS Printausgabe 45/2020.