Impfstoff - "Lieber Oxford als Dolly Parton"

Die klinische Pharmazeutin Dr. Doris Haider ist Impfkoordinatorin der auf Covid-19 spezialisierten Klinik Favoriten und gehört dem Covid-19- Impfsteuerungsgremium der Stadt Wien an

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Corona - Impfstoff - "Lieber Oxford als Dolly Parton" © Bild: APA
Dr. Doris Haider leitet die Anstaltsapotheke der Klinik Favoriten

News: Impfen Sie in der Klinik Favoriten auch mit AstraZeneca?
Doris Haider:
Nein. Wir waren die Klinik, die am 27. Dezember den allerersten Stich in Österreich durchgeführt hat, wenn Sie sich an das Foto mit Wenisch erinnern (der Leiter der Infektiologie an der Klinik Favoriten streckte während der Impfung die Faust triumphierend in die Luft, das Bild ging um die Welt; Anm.). Dadurch haben wir um drei Wochen früher zu impfen begonnen als die anderen Krankenhäuser und sind gar nicht in den Genuss des Astra-Zeneca-Impfstoffs gekommen.

Sind bei Ihnen schon alle durchgeimpft?
Am 4. und 5. März finden die letzten Zweitimpfungen mit BioNTech/Pfizer statt. Wir kommen, damit hätte ich nicht gerechnet, auf eine Durchimpfungsrate von ungefähr 92 Prozent quer durch alle Berufsgruppen. Wir wissen von andern Impfungen, dass die Impffreudigkeit in einigen Berufsgruppen nicht sehr hoch ist. Für uns wären schon 70 Prozent sehr erfreulich gewesen. Aber von Beginn an waren alle Termine durchgehend ausgebucht.

Mit welchen Gefühlen wurden diese Impfungen bei Ihnen aufgenommen?
Sie müssen die Situation verstehen, in der wir uns seit einem Jahr befinden. Letztes Jahr am 26. Februar haben wir in der Klinik Favoriten den ersten Covid-Patienten bekommen, den ersten Patienten in Wien. Es sind sehr, sehr viele nachgekommen. Für alle Mitarbeiter war es ein wahnsinnig konsumierendes Jahr. Als kurz vor Weihnachten die Anfrage eingetroffen ist: "Frau Doktor Haider, organisieren Sie den ersten Impfstich", habe ich gewusst, es gibt auch keinen Weihnachtsurlaub. Aber diese Tage der ersten Impfstiche werde ich ganz sicher nie vergessen. Das bekannte Foto von Doktor Wenisch ist nur die Spitze des Eisbergs. Menschen im Spital, die ich sonst als reserviert erlebe, sind aus sich herausgegangen. Es hat keinen einzigen gegeben, der nicht ein Foto von seiner Impfung wollte. Es waren die ersten Tage seit einem Jahr, wo man trotz vieler Arbeit fast euphorisch nach Hause gegangen ist. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Es gibt jetzt große Diskussionen über den AstraZeneca- Impfstoff. Verstehen Sie die Einwände und die Skepsis?
Ich verstehe prinzipiell, dass man vielleicht nicht optimale Entscheidungen trifft, wenn man nicht ausreichend informiert ist. Wenn wir uns die Geschichte der negativen Publicity dieses Impfstoffs anschauen, sehen wir viel Kritik, die meiner Meinung nach so nicht gerechtfertigt ist. Hinter dem Astra-Zeneca-Impfstoff steht die Universität Oxford, die seit 1994 in der Impfforschung drinnen ist und jedes Jahr hochrangig publiziert. Diese Publicity hätte man wesentlich besser nützen können. Möchten Sie mit einem Impfstoff geimpft werden, hinter dem die Oxford University steht, oder mit einem, der von Dolly Parton gesponsert wird? Das ist ein extremes Beispiel. Aber irgendwann hat die Negativspirale angefangen, sich zu drehen.

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Laut Zulassungsstudie liegt die Wirksamkeit des Impfstoffs bei nur 70 Prozent. Ist diese Zahl überhaupt noch richtig?
Nein. Die Effektivität hängt vom betrachteten Dosierintervall ab. Ein Dosisintervall von zwölf Wochen zwischen den zwei Teilimpfungen führt zu einer Wirksamkeit von 82 Prozent gegen eine symptomatische Covid-19-Erkrankung, und das nach 14 Tagen nach der zweiten Dosis. Natürlich wählt man das Intervall, bei dem die Wirksamkeit am größten ist. Bei den meisten Impfungen gibt es eine Grundimmunisierung und eine Auffrischungsimpfung. Es wäre sehr naiv, zu glauben, dass diese Intervalle bei vielen anderen Impfungen von Anfang an gleich gewesen wären.

Derzeit wird sehr viel über die Nebenwirkungen diskutiert. Die dürften doch um einiges stärker ausfallen als bei den anderen in Österreich zugelassenen Impfstoffen.
Das sehe ich nicht so. Es gibt jetzt einzelne Berichte über Spitäler im Ausland, die ihre Impfaktionen wegen vieler Impfreaktionen wie Schüttelfrost und Fieber einstellen mussten. Aber wenn man sich zum Beispiel die Daten von dem Pfizer-Impfstoff, den wir verwenden, anschaut, weiß man, dass es in der Gruppe der unter 55-Jährigen nach der zweiten Teilimpfung gar nicht wenige Nebenwirkungen gibt. Es gibt zum Beispiel eine 17-prozentige Wahrscheinlichkeit für Fieber bis zu 39 Grad. Je jünger die Menschen sind, desto heftiger die Impfreaktionen. Deswegen geben wir die zweite Teilimpfung prinzipiell nur an Donnerstagen und Freitagen. Jemanden, der in den Nachtdienst geht, impfen wir vorher nicht. Das muss ein Krankenhaus einfach einbeziehen. Bei dem AstraZeneca- Impfstoff treten nach der ersten Impfung die stärkeren Nebenwirkungen auf.

Und er wird ausschließlich an unter 65-Jährige verimpft. Könnte das die aktuell höhere Zahl an Meldungen über Nebenwirkungen erklären?
Das könnte eine Erklärung sein. Man muss sich das schon ganz genau anschauen. Alle drei derzeit zugelassenen Impfstoffe sind offenbar also so potent, dass das Immunsystem stark darauf reagiert.

Ein Argument, sich nicht mit AstraZeneca impfen zu lassen, lautet, man habe damit quasi die Chance auf einen wirksameren Impfstoff vergeben. Könnte man sich theoretisch gleich noch einmal impfen lassen?
Es ist durchaus vorstellbar, dass man später dann einen anderen Impfstoff nehmen kann, um nochmals, vielleicht in einem Jahr, die entsprechende Schutzwirkung zu "boosten". Derzeit läuft eine Studie, die "Covid-19 Heterologous Prime Boost Study (Com-Cov)", um klinisch zu testen, ob die beiden Impfstoffe Comirnaty von BioNTech/Pfizer und AZD1222 von der Universität Oxford/AstraZeneca in unterschiedlicher Abfolge als erste und zweite Dosis verwendet werden können.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Ausgabe Nr. 08/21

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