Impfneid auf Österreichisch

Ob Covid-19 oder andere Infektionskrankheiten: Die Impfbereitschaft der Österreicher ist im internationalen Vergleich eher gering. Gleichzeitig dürfen hierzulande bis heute aber nur Ärzte impfen. Warum eigentlich?

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Corona-Impfung © Bild: iStockphoto.com/reklamlar

Zumindest ein klein wenig musste der Wiener Stadtrat für Gesundheit da selber lachen. "Es ist fast unglaublich, dass das möglich ist: direkt an der Supermarktkasse zu impfen." Umringt von Journalisten, Mikrofonen, Foto-und Filmkameras rutschten Peter Hacker beim inszenierten Termin im Einkaufszentrum "Millennium City" die Mundwinkel nach oben. Politiker, Behördenleiter und Spitzenbeamte drängen im Spätsommer 2021 mit den ungewöhnlichsten Ideen in die Berichterstattung, um die stark nachlassende Bereitschaft zur Immunisierung in der Bevölkerung vielleicht doch noch ein kleines Stück weit anzuheben. Das Motto scheint zu lauten: Alles für die Covid-Impfung.

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Disko, Kirche, Stadion

So kann sich - wer will - im Wiener Stephansdom zwischen Vaterunser und Rosenkranz eine Dosis holen. In der Steiermark erwarten Impfteams die Besucher von Diskotheken, in Oberösterreich ist die Einwilligung zum Stich eine Eintrittskarte für ausgesuchte Spiele der Fußball-Bundesliga wert. Und im ganzen Land fahren mobile Impfteams in ihren Bussen jenen schon regelrecht hinterher, die allen anderen Möglichkeiten einer spontanen Immunisierung bisher zufällig oder gewollt aus dem Weg gegangen sind. In einem Punkt gleicht jedoch ein Angebot dem anderen: Ohne Arzt geht nichts.

Corona-Impfung in der Kirche
© APA/HERBERT NEUBAUER Corona-Impfstelle im Wiener Stephansdom

Die Covid-Lage in Österreich ist nämlich so: Gesamtheitlich betrachtet scheint die Impfung zwar das wirksamste Mittel zur Beherrschung der Pandemie zu sein, doch während andere Nationen längst andere Berufsgruppen mitimpfen lassen, verteidigt die Standesvertretung der heimischen Ärzte das Impfmonopol mit Zähnen und Klauen. Dabei geht es nicht nur um die Covid-Impfung.

Der kausale Zusammenhang ist wohl schwer zu erbringen, jedoch: Es ist zumindest auffällig, dass Österreich im europäischen Ländervergleich um die höchste Impfrate zusehends zurückfällt (siehe Grafik unten) . Ist der Alleinanspruch der Ärzte noch haltbar? Oder gibt es dafür womöglich doch gute Gründe? Zumindest ein Teil der Wahrheit lässt sich wie so oft über Erfahrungen aus dem Ausland erzählen. Mit Geschichten aus Ländern, die es gewagt haben, Bewährtes auch gegen Widerstand zu ändern. Irland ist so ein Land.

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Impfquote stieg

Seit dem Jahr 2011 verimpfen dort auch Apotheker Vakzine gegen die saisonale Grippe. Wegen des langen Beobachtungszeitraums seit der Neuregelung gibt es inzwischen auch aussagekräftige Daten zu den Effekten. Seit damals stieg die Zahl der im Land verabreichten Dosen um annähernd 60 Prozent. Neben der verstärkten Impftätigkeit der Ärzte für fast die Hälfte dieses Anstiegs von 400.000 verabreichten Dosen pro Jahr verantwortlich: die örtlichen Apotheken, die den Impfstoff gleich direkt an die Kunden verimpfen. Über eine Zunahme gefährlicher Zwischenfälle nach eben solchen Impfungen ist nichts bekannt. Zumindest in Irland nicht.

In Österreich ist nämlich genau das, das vermeintlich hohe gesundheitliche Risiko bei einer Impfung durch einen Nichtmediziner, das stärkste Argument der Ärzte gegen die Abschaffung des Impfprivilegs. Wie eine Art uneinnehmbare Festung steht das Hauptquartier der Ärztekammer in der Wiener Weihburggasse, nur einen Steinwurf vom Stephansdom entfernt, wo ebenfalls schon geimpft wurde. Und wie bei der gegenwärtig öffentlich und emotional debattierten Impfung gegen Covid-19 haben auch die Kammerfunktionäre starke und eindeutige Meinungen zum ärztlichen Impfvorbehalt.

Impfbereitschaft
© News

Wortgefechte

»Auch ich kann umrühren. Eine Salbe anzumischen, überlasse ich dem Apotheker«

Das beginnt beim Präsidenten Thomas Szekeres (Facharzt für medizinische und chemische Labordiagnostik), der den Wunsch der Apotheker scharf zurückweist ("Niemand braucht sinnlose Experimente"). Sein Stellvertreter Johannes Steinhart (Urologe) ist nicht weniger deutlich. "Gesundheitsdienstleister sollten nur das tun, wozu sie ausgebildet wurden. Auch ich kann umrühren, aber eine Salbe anmischen, das überlasse ich dann doch lieber dem Pharmazeuten." Genau so sei auch die Verabreichung einer Impfung medizinisch zu beurteilen. "Das", sagt Steinhart, "ist nämlich mehr als nur der Stich."

Johannes Steinhart
© APA/GEORG HOCHMUTH Johannes Steinhart; laut Ärztekammer-Vizepräsident ist Impfen nichts für Apotheker

Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Und die Argumente der einen treffen auf die Gegenargumente der anderen. Wer als Kunde oder Patient genau hinsieht und auf Wortwahl und Zwischentöne hört, merkt schnell: Im Streit um die Frage "Wer darf impfen?" geht es um mehr als um die Sache. Es geht um Standespolitik, Prinzipien, politisches Lobbying und vielleicht auch ein klein wenig um die Eitelkeiten der handelnden Personen.

Für und Wider

So stellen die einen, die Ärzte nämlich, richtigerweise fest, dass beim Impfen tatsächlich einiges schiefgehen kann. Angefangen vom Kreislaufkollaps bis hin zum lebensgefährlichen allergischen Schock. Die anderen, die Apotheker, halten dem jedoch genauso richtig entgegen, dass bei diesen extrem seltenen Reaktionen ein Haus-oder Kinderarzt bis auf Leisten von Ersthilfe und Einsatz eines Notfallsets auch nicht viel mehr tun könne, als den Notarzt zu rufen. Ein Vorgang, den jeder Geschulte durchführen kann.

Doch damit ist der argumentative Wettstreit nicht zu Ende. Denn die Ärztevertreter sagen - erneut in der Sache korrekt -, dass niemand eine vergleichbare Ausbildung habe wie Mediziner, denen das Impfen, die individuelle Risikoabwägung und die Aufklärung schon im Studium beigebracht werde. Und dass damit eine pharmakologische Ausbildung wie sie die Apotheker hätten nicht vergleichbar sei. Wobei: Eine gesonderte Ausbildung zum Impfen haben in Österreich schon jetzt über 1.000 Apotheker in mehrtägigen Schulungen durch Ärzte absolviert. Einer der Schwerpunkte: "Management unerwünschter Nebenwirkungen."

Trend geht in Richtung Öffnung

Wie man es dreht und wendet: Beide Standpunkte haben etwas für sich. Und dennoch scheint der Trend zumindest international klar in eine Richtung zu gehen: Impfungen gegen klassische Infektionskrankheiten wie Influenza, Tetanus, Masern und Mumps werden immer öfter und in unterschiedlichen Regelungen zusehends in der Apotheke verabreicht. Neben Irland geschieht dies unter anderem und ohne Anspruch auf Vollständigkeit in: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Portugal, Schweiz, Australien, Neuseeland, Kanada und USA. Immer öfter auch gegen Covid. Setzen diese Länder die Gesundheit von Hunderten Millionen Bürgern wissentlich aufs Spiel?

Wie Szekeres und Steinhart auf der einen Seite mit aller Härte die Position der Ärzte verteidigen, sind dies auf der anderen Seite und stets sanfter im Ton Apothekerkammerpräsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr und Stefan Deibl, der in der Interessenvertretung der Pharmazeuten die Abteilung Fort-und Weiterbildung leitet.

Der Faupax der Präsidentin

Wobei ausgerechnet Präsidentin Mursch-Edlmayr im direkten Konflikt mit den Ärzten seit Sommer schwer angeschlagen scheint. Dies deshalb, weil durch einen Blog bekannt wurde, dass über ihre oberösterreichische Apotheke esoterisch anmutende "Salzlösungs-Drops" gegen Impf-Nebenwirkungen vertrieben werden. Während Mursch-Edlmayer auf dem Standpunkt steht, dass das Angebot "rechtlich gedeckt" sei, wirkt das Detail in der Auseinandersetzung zwischen den zwei Kammern wie zusätzliche Munition für die Angriffe der Ärztevertreter. "Salzlösungen sind wie Voodoo. Wer Voodoo fördert, kann nicht das Recht auf Impfungen fordern", sagt Steinhart.

Ulrike Mursch-Edlmayr
© APA/ROLAND SCHLAGER Apothekerkammerpräsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr

Statt Mursch-Edlmayer ist es nun also Ausbildungsleiter Deibl, der für eine Ausweitung der Impfung von Ordinationen auf Apotheken wirbt. Er, der bis Jahresende 500 weitere Apotheker von Ärzten aus der Schweiz für das Impfen schulen lassen will, ist der Meinung, dass der Verweis der Ärzte auf die Patientensicherheit inhaltlich wohl gerechtfertigt, aber in der Praxis und im konkreten Fall falsch sei. Denn auch abseits der Erfahrungen im kleinen Irland seit wichtig zu wissen: "Uns ist kein einziger internationaler Fall bekannt, bei dem es Sicherheitsprobleme durch die Verabreichung von Impfungen in Apotheken gegeben hätte."

Sonderfall Österreich

Um zu verstehen, was hinter der harten Auseinandersetzung zwischen Ärzten und Apothekern steht, lohnt sich einmal mehr der Blick ins Ausland. Nach Deutschland zum Beispiel, in dem es in unterschiedlichen Bundesländern und mit unterschiedlichen Versicherungen noch unterschiedlichere Regelungen gibt.

"Und immer", so berichtet es uns ein Apothekervertreter aus einem Bundesland, das aktuell einen Vertrag mit den Kassen über die Verabreichung der Influenza-Impfung verhandelt, "geht es dabei natürlich auch ums Geld." Für beide Seiten. Menschen, die sich impfen lassen wollen, kaufen in der Apotheke nämlich womöglich noch weitere Produkte oder nehmen beim Arzt weitere Dienstleistungen in Anspruch, die dieser über die Versicherung oder privat verrechnen kann.

»Mir ist im Lauf meiner Karriere noch kein Land aufgefallen, wo der Kampf ums Impfen so hart geführt wird wie in Österreich«

Was dem deutschen Apotheker-Vertreter, der angesichts der laufenden Verhandlungen in seinem Bereich nicht namentlich genannt werden will, auffällt: "Mir ist im Lauf meiner Karriere noch kein Land aufgefallen, wo der Kampf ums Impfen so hart geführt wird wie in Österreich."

Umgelegt bedeutet das: Wenn sich die Ärzte mit ihrem strikten Nein nicht durchsetzen sollten, wollen diese umgekehrt auch mehr Medikamente verkaufen dürfen. "Dann muss man alles hinterfragen", sagt Steinhart. Eine Forderung, bei der die Ärzte bei den Apothekern seit Jahren auf ähnlichen Granit beißen wie umgekehrt.

Plan: Impfprogramm ausweiten

Während sich die beiden Kammern also gegenseitig vorhalten, "nur" aufs Geld zu schauen, kehrt sich dieser Vorwurf bei einer anderen Organisation ins Gegenteil.

»Wenn wir niederschwelliges Impfen wollen, könnten die Apotheken eine Rolle spielen«

Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) schielt nämlich tatsächlich im positiven Sinne aufs Geld, will künftig -gemeinsam mit Bund und Ländern - verstärkt in Impfprogramme jedweder Art investieren. Dies, um letztlich die öffentliche Gesundheit zu fördern und insgesamt wieder Geld zu sparen. Das Impfen durch Apotheker, sagt ÖGK-Obmann Andreas Huss, könnte dabei eine Rolle spielen.

© APA/Hochmuth

In Österreich ist es nämlich so: Abgesehen vom Impfprogramm für Kinder sind Impfungen für über 15-Jährige selbst zu bezahlende Privatleistungen. Die Ausnahme sind Impfaktionen bestimmter Länder oder Einrichtungen wie zum Beispiel Schulen und Betriebe. Dies, sagt Huss, habe dazu geführt, dass die Impfquoten bei einer ganzen Reihe von Krankheiten im internationalen Vergleich "niedrig bis schlecht" seien. Betroffen davon seien neben der Influenza mit gerade einmal acht Prozent auch FSME (Zecken), Tetanus oder Pneumokokken. Der Plan von Huss und der ÖGK ist nun, nicht nur das Angebot für kostengünstige Auffrischungsimpfungen für Erwachsene auszubauen ("Zwischen Bund, Ländern und den Versicherungen gibt es einen ersten Konsens"), sondern auch über einen leichteren Zugang nachzudenken.

Dabei gehe es ihm nicht um die zehn bis 15 Prozent echter Impfgegner. Doch jene Menschen, die nur nach einer einfachen Möglichkeit der Immunisierung suchen, würde man so durchaus erreichen.

Doch auch Huss will Einschränkungen. Außerhalb von Arztpraxen, sagt er, sollten nur junge und gesunde Menschen mit erprobten Impfstoffen geimpft werden. "Bei der Covid-Impfung wäre ich noch vorsichtig und würde mich nicht auf Experimente einlassen. Letztendlich sollten die Experten darüber entscheiden, bei welchen Impfungen man das zulässt."

Ministerium "evaluiert"

Am Ende bestimmen, ob auch andere Berufsgruppen als Ärzte in Österreich impfen dürfen, werden Bundesregierung und Parlament. Die Covid-Pandemie hat bereits erste Öffnungen ermöglicht. So dürfen Sanitäter, Pfleger und Medizinstudenten unter ärztlicher Aufsicht schon jetzt impfen. Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein informierte zuletzt das Parlament darüber, dass eine Öffnung für weitere Berufsgruppen gerade "evaluiert" werde. Konkrete Pläne dazu gebe es jedoch (noch) nicht.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der Printausgabe von News (36/2021) erschienen.