"Contergan" der Erziehungswissenschaft: Buch mit kritischen Stimmen zu PISA-Studie

Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen einig SPÖ wirft ÖVP "Desavouierung" von Studien vor

"Contergan" der Erziehungswissenschaft: Buch mit kritischen Stimmen zu PISA-Studie

Die bevorstehende Publikation der neuen PISA-Studie am 4. Dezember ruft nicht nur zahlreiche Gerüchte um die Resultate hervor, sondern auch wieder die Kritiker der Erhebung. Im Sammelband "PISA zufolge PISA. PISA According to PISA" (LIT-Verlag) versammeln die Bildungswissenschafter Stefan Hopmann und Martin Retzl (Uni Wien) sowie ihre Kollegin und ÖVP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek altbekannte und neue Kritik. Mit "PISA zufolge PISA" hatten die Autoren schon Anfang des Jahres ein Symposium in Wien betitelt, dessen Beiträge nun die Grundlage für das Buch bilden.

Zu Wort kommen Wissenschafter unterschiedlicher Disziplinen aus Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Norwegen und Österreich. Prominenteste Stimmen sind der deutsche Physiker Joachim Wuttke (Forschungszentrum Jülich/Garching) und der deutsche Mathematiker Thomas Jahnke (Uni Potsdam), deren Kritik bereits im Vorjahr in einem Sammelband ("PISA & Co. Kritik eines Programmes") veröffentlicht wurde. Eine Rüge erhält vorab die OECD und die nationalen PISA-Konsortien von Brinek und Hopmann aufgrund deren Weigerung, sich mit Kritik auseinanderzusetzen und Anfragen der Autoren zu beantworten. Sie vergleichen deren Vorgehen sogar mit dem Verhalten großer Unternehmen bei einem potenziellen Skandal und ziehen Parallelen zum Contergan-Fall ("PISA - the Contergan of Educational Research").

"Cultural bias" entstanden
Im einzelnen kritisieren die Autoren dabei durchaus unterschiedliche Dinge: So macht etwa der Erziehungswissenschafter Richard Olechowksi darauf aufmerksam, dass zwar alle Staaten, die sich an der PISA-Studie beteiligten, eingeladen wurden, auch bei der Sammlung der Aufgaben mitzutun. Allerdings seien dem nicht alle nachgekommen: Dadurch sei ein "cultural bias" entstanden, also eine Verzerrung in Richtung der kulturellen Eigenheiten bzw. Eigenarten jener Staaten, die sich an der Aufforderung nach Einsendung von Aufgaben beteiligten.

Unterschiedliche Übersetzungen
Ähnliche Bedenken hat der Physiker, Psychologe und Erziehungswissenschafter Markus Puchhammer von der Fachhochschule Technikum Wien: Zwar werden beim PISA-Test in allen Staaten die gleichen Aufgaben bearbeitet - die jeweiligen Übersetzungen sind aber unterschiedlich lang. So sind englische Texte durchschnittlich länger als deren deutsche Übersetzungen - dies könne Auswirkungen auf die Testergebnisse haben, da die PISA-Aufgaben in einer begrenzten Zeit absolviert werden müssen. Den gleichen Einwand erhebt auch Wuttke - und macht auch Übersetzungsprobleme aus: So sei etwa in einer Aufgabe das englische Wort "hemisphere" mit "Hemisphäre" übersetzt worden, obwohl deutsche Schulbücher in diesem Zusammenhang das Wort "Erdhälfte" verwenden.

Problem der Vergleichbarkeit
Auf Probleme der Vergleichbarkeit weist auch der norwegische Erziehungswissenschafter Gjert Langfeldt hin. So werden bei PISA stets 15- bzw. 16-jährige Schüler eines bestimmten Altersjahrgangs untersucht - wer in diesem Alter nicht mehr in die Schule geht, wird also überhaupt nicht erfasst. Da diese "early school leavers" typischerweise eher geringere Kompetenzen aufweisen, profitieren Länder mit kürzerer Schulpflicht ergebnismäßig gegenüber Staaten mit längerer Schulpflicht (wo noch alle 15- bis 16-jährigen in die Schule gehen). Österreich verfügte zuletzt über eine relativ hohe so genannte "Out-of-School-Population" von ca. sechs Prozent, Italien und Portugal lagen sogar bei mehr als zehn Prozent. Demgegenüber gehen etwa in Japan, Südkorea und Finnland praktisch alle 15- bis 16-Jährigen in die Schule.

Ausschlussquoten schwanken
Die Erziehungswissenschafterin Bernadette Hörmann und Wuttke weisen auf die unterschiedlichen Ausschlussquoten der unterschiedlichen Staaten hin. Laut den PISA-Vorgaben dürfen bis zu fünf Prozent der Stichprobe aufgrund von dauernden starken Behinderungen oder mangelnden Sprachkenntnissen von der Teilnahme am Test ausgeschlossen werden. Die Ausschlussquoten in den einzelnen Staaten schwankten dabei aber zwischen 0,7 Prozent (Türkei) und 7,3 Prozent (Spanien und USA) - wobei die Überschreitung der Fünf-Prozent-Grenze ohne Konsequenzen blieb. Hörmann wiederum macht darauf aufmerksam, dass durch den Ausschluss behinderter Schüler das Grundziel von PISA, nämlich die Überprüfung der Leistung aller Schüler eines Landes, verfehlt wird.

Kritik: "Desavouierung wissenschaftlicher Studien"
Die "Desavouierung wissenschaftlicher Studien, um den 'alles paletti'-Kurs weiterzuverfolgen" wirft SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser der ÖVP vor. Grund ist die Mitautorenschaft von VP-Wissenschaftssprecherin Gertrude Brinek am PISA-kritischen Buch "PISA zufolge PISA". Die Studie sei zwar "weit weg davon, perfekt zu sein", meinte Niederwieser in einer Aussendung, aber sie liefere als einzige derart umfassende Untersuchung vergleichbare Daten. "Sollen wir uns jetzt von allen Skirennen zurückziehen, weil nur die Zeit und nicht auch der Fahrstil oder das Outfit bewertet werden?"

Darüber hinaus ignoriere die ÖVP, dass neben PISA zahlreiche andere relevante Bildungsstudien in dieselbe Richtung weisen und für Österreichs Bildungssystem die gleichen Probleme ausmachen, betonte Niederwieser. Als Beispiel nannte er die soziale Ungerechtigkeit des Bildungssystems und den starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungslaufbahn. Insgesamt gehöre PISA zu den bestgeprüften Studien überhaupt. Dass die Untersuchung relevant sei, beweise auch der Umstand, dass sich bei jedem neuen Test mehr Länder weltweit beteiligen.

Der Vergleich der Studie mit dem Contergan-Skandal durch die Autoren liegt dem Grünen Bundessprecher Alexander Van der Bellen im Magen. Die ÖVP schrecke selbst davor nicht zurück, um vom Versagen der eigenen verfehlten Schulpolitik abzulenken. Dies sei ein "Missbrauch der Contergan-Opfer für Parteipropaganda". Dabei sei die Strategie der Volkspartei klar, so Van der Bellen: "Eine weltweit anerkannte Studie soll unglaubwürdig gemacht werden, um die erwartbar schlechten Ergebnisse zu relativieren und damit die eigene Blockadepolitik in Schulfragen zu rechtfertigen."

(apa/red)