Star-Porträt von

Conchita Wurst: "Ihr schaut mich
an, weil ihr nicht anders könnt!"

Star-Porträt - Conchita Wurst: "Ihr schaut mich
an, weil ihr nicht anders könnt!" © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH

Looks und Stimmungen wechselt Tom Neuwirth in einem Tempo, das selbst Pop-Chamäleon Madonna in den 80ern außer Atem gebracht hätte.

Er war die schwarze Latexfigur, die sich grünem Schleim hingibt ("Trash All The Glam"). Er war das russische Christkind, das auf dem Dachboden seine Kindheit beschwört ("To The Beat"). Er war der Tänzer mit den weißblonden Haaren und dem bedrohlichen Selbstbewusstsein ("Hit Me"). Er war der Unsichtbare, den die Neonfarbe zum Leuchten bringt ("See Me Now").

Vorboten zum neuen Album "T.O.M.

Und das sind nur jene Alter Egos, die Tom Neuwirth für seine jüngsten vier Videos erfunden hat. Es waren die Vorboten zum neuen Album "T.O.M. - Truth Over Magnitude". Dazu kommen Figuren, die er für den Life Ball kreiert hat -der hocherotische Zirkusdirektor in Fischnetzstrümpfen und kniehohen Stiefeln -oder für den Wiener Opernball -im weißen Ballkleid mit Glatze und Bart.

© All over Press / Action Press / picturedesk.com Conchita als "Präsidentengattin" gehört der Vergangenheit an

Mit der glamourösen, bärtigen Diva Conchita, die Österreich vor fünf Jahren zum Song-Contest-Sieg geführt hat, haben diese neue Schöpfungen auf den ersten Blick nichts zu tun. Dort glamouröse Roben und große Melodien. Da viel nackte Haut und sperriger Elektro-Pop. Dort die charmante Vermittlerin zwischen allen Welten. Da das Chamäleon mit der "Mir doch egal"-Attitüde.

»Es tut mir nicht gut, jahrelang dasselbe zu tun«
© Britta Pedersen / dpa / picturedesk.com

Ist das jetzt Conchitas angekündigter Tod? Weit gefehlt: Als Conchita bestreitet Neuwirth bald ein Balladen-Konzert mit den Wiener Symphonikern in der Stadthalle und mit Heidi Klum die TV-Show "Queen of Drags". Doch die bärtige Diva, in der der Künstler sich seit 2011 auf seine weibliche Seite reduziert hat, hat ihn zunehmend eingeengt. "Ich war nach dem Song Contest zu lange in ihrer Welt. Es tut mir nicht gut, jahrelang dasselbe zu tun.

Ich brauche die Auseinandersetzung mit mir auf vielen Ebenen", blickt Neuwirth im Gespräch auf seine Zeit als "Präsidentengattin" zurück. Tiefgehende Gespräche mit seinen Freunden und seiner Familie haben ihn dahin begleitet, wo er heute ist. An diesem Ort sei es wichtiger, die Wahrheit zu erkennen, als dass das neue Album auf Nummer eins der Charts geht. Neuwirth unterstreicht die Aussage, indem er seine Stimmlage nach oben schraubt.

»Sie weiß mehr über mich, als ich je wollte«

Die Wahrheit bedeutet für Neuwirth, vulgo Conchita Wurst, sich nicht festlegen zu müssen. "Früher habe ich gedacht, ich muss mich zwischen meiner femininen und maskulinen Seite entscheiden. Heute habe ich verstanden, dass ich beides sein kann. Ich mache einfach, was ich will", sagt der 30-Jährige. Im Moment fühlt er sich mit dem männlichen Pronomen wohler.

Was Wahrheit für ihn bedeutet

Wahrheit bedeutet für ihn auch, damit zu leben, dass er gewisse Dinge nicht kann. Songs schreiben zum Beispiel. Er lacht, wenn er an all die Songwriter-Camps denkt, auf die ihn seine Plattenfirma geschickt hat, in der Hoffnung, dass er es lernt. Nix da. "Ich bin einfach nicht talentiert genug. Draufzukommen, was ich nicht kann, gehört auch zur Wahrheit", sagt er über eine Schwäche, die Kollegen vermutlich weniger selbstbewusst eingestehen würden.

© Pro Sieben Heidi Klum, Bill Kaulitz und Conchita Wurst (v. li.) suchen auf ProSieben die beste Drag Queen

Als "Genie und Übermensch" lobt er Songschreiberin Eva Klampfer, die selbst als Sängerin Lylit aktiv ist. Das Verhältnis zu ihr beschreibt er wie das eines Therapeuten zum Patienten. "Sie weiß mehr über mich, als ich je wollte", erzählt er und schwärmt, wie sie seine Gefühle und Gedanken elegant und treffsicher in Texte gießen konnte. Produzent Albin Janoska half, Neuwirths Soundideen und Melodien, die er in seinem Handy immer wieder aufnimmt, zum Elektro-Pop-Album zu formen. Die Melancholie, die leise in Conchitas großen Gesten mitschwang, ist beim aktuellen Album, das unter dem Projektnamen "Wurst" erscheint, düster geworden.

Ja zur abgöttischen Selbstliebe

Die neue Düsterheit sei dem Erwachsenwerden geschuldet, meint Neuwirth. "Ich habe viel von meiner Leichtigkeit eingebüßt", erklärt der bald 31-Jährige. "30 Jahre alt zu werden, macht etwas mit dir. Du schnallst dich an, wo du früher nicht einmal an einen Gurt gedacht hast."

Mit zehn Jahren hielt er sich für einen Star. Kaum, dass er eine Bühne sah, wollte er darauf singen, und die Meinung des Publikums war ihm egal, erzählt er: "Dieses Urvertrauen habe ich verloren. Wie oft habe ich gehört: Sei nicht so arrogant!" Heute fühlt er sich trotz -oder gerade wegen -dieses Wechselbads der Gefühle mehr bei sich als je zuvor. "Früher habe ich geglaubt, ich muss mich zurücknehmen, einordnen.

© 2019 Gisela Schober Auf der Life- Ball-Bühne dominieren Männlichkeit und Erotik seinen Auftritt

Irgendwann habe ich erkannt: Nur weil ich mich selbst abgöttisch liebe, heißt das ja nicht, das ich nicht auch Platz für alle anderen habe." Seine zunehmend erotischen Figuren sind Teil des Gesamtkunstwerks Conchita Wurst. "Natürlich sind sie erotisch, ich bin ein sehr sexueller Mensch", sagt er. "Aber wen treibt Erotik nicht an?" Die visuelle Komponente ist die Klaviatur, die Neuwirth perfekt beherrscht: Licht, Tempo, Styling. Er weiß, was er zeigen will. Ob und wie arg er damit provoziert, hat dabei keinen Platz in seinen Gedanken. "Darüber nachzudenken, wäre Gift. Das ist meine Welt, mein Empfinden von Schönheit, das ich zeige. Ich finde mich atemberaubend schön im Latex und grünem Schleim."

Voyeuristischen Aspekt

Denkt er beim Blick in den Spiegel manchmal: Boah, das Outift ist schon arg? "Nein, ich denke nur: Ich liebe mich, finde mich schön, und das will ich zeigen." Im Video zu "See Me Now" bringt er es auf den Punkt, indem er sich hinter Glas lasziv räkelt. "Es geht um diesen voyeuristischen Aspekt, der zeigen soll: Ich bin nicht das Opfer, weil ihr mich anschaut. Ihr schaut mich an, weil ihr nicht anders könnt. Das ist meine Kraft!"

© APA/HANS PUNZ

Die Einstellung lebt er endlich auch, wenn er abends ausgeht. Versuchte er, sich früher in Clubs zu verstecken, denkt er nun: "Ihr könnt alle wissen, dass ich da bin! Ich habe aufgehört, mich zu verstecken und: I love it!" Sollte er wieder mit jemandem kuscheln wie im Sommer mit Travestie-Künstler Courtney Act, stehen die Zeichen noch lange nicht auf Liebe. "Ich kuschle mit allen Freunden!", kommentiert er das vermeintliche Liebesouting.

Dieser Artikel ist ursprünglich in der Printausgabe von "News" Nr. 43/2019 erschienen