Leben von

Die Rückkehr des
alten Kaisers: Claus Peymann

Als Regisseur an der Burg wurde er wieder Herr der Herzen. Ein Interview

© Video: News.at

Monatelang wurde Peymanns Rückkehr an die "Burg" als Theaterereignis des Jahres vorgefeiert. Die Uraufführung von Peter Handkes "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" am 27. Februar war Seite-eins-Thema, und im Parkett saßen die Macher von damals: Franz Vranitzky, der Kanzler, und Hilde Hawlicek, die Unterrichtsministerin, die sich gegen den Befehl der "Krone" weigerten, den teutonischen Ruhestörer zu entlassen. Nach der Premiere wurde lang gejubelt. News traf den Heimkehrer zum Interview.

News: Wie war denn die Rückkehr nach so langer Zeit?

Peymann: Die Stücke von Turrini, Jelinek, Bernhard und Handke waren das Herzstück der Wiener Jahre, die heute für viele verklärt sind. Das war auch eine Zeit der Kämpfe und Schlachten, eine sehr schöne Zeit, die ist vorbei. Da liegen 16 Jahre dazwischen. Aber Handke, für den das Burgtheater so etwas wie ein Mekka ist, wollte, dass es hier stattfindet. Und es ist toll, dass Bergmann den Mut zu dieser Produktion hat. Peter Handke und ich sind ja nicht mehr ganz jung. Die Arbeit selber frisst einen auf. Peter Handke zu machen, ist eine Arbeit, die Herz und den Kopf in gleichem Maß fordert.

News: Hatten Sie Zeit, sentimental zu werden?

Peymann: Nein. Ich bin nicht sentimental. Natürlich heilt die Zeit Wunden, und die Zeit der großen Kämpfe ist vergessen. Natürlich macht es Freude, dass sich viele Menschen in dieser Stadt und in diesem Land an einen erinnern, das beflügelt. Zugleich steigt aber auch die Angst, zu enttäuschen. Insofern kann Erinnerung zu einem Gewicht werden. Die Erinnerung hilft ja auch nicht. Sie kann höchstens dazu beitragen, dass man verkitscht und sentimental wird. Aber dazu ist das Stück viel zu offen und viel zu herausfordernd. Und hoffentlich ist es nicht das letzte Stück von Peter Handke. Er hat es oft gesagt, aber ich hoffe, dass es mir gelingt, ihn davon abzuhalten.

News: Was sagen Sie zu der unglaublichen Aufmerksamkeit, die der Produktion zuteil wurde?

Peymann: Wenn zwei Oldies wie Handke und ich zusammenkommen, ist das wahrscheinlich etwas Besonderes. Vielleicht ist das Besondere an meiner Arbeit das Interesse an der Sprache und das Abwehren einer scheinbaren Modernität. Ich vertraue darauf, dass Schauspieler sprechen können und dass man ohne Popmusik, ohne Video, ohne Affirmation ans Fernsehen Theater machen kann. Das macht uns vielleicht altmodisch. Ich empfinde mich ja auch als anachronistisch. Ich vertrete ein Theater, das es nicht mehr gibt.

News: Kommt es wieder?

Peymann: Hundertprozentig, weil ich an das Geheimnis der Schauspielkunst glaube. In Berlin wirft man mir vor, ich würde ein Theatermuseum betreiben. Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich das als positiv zu bewerten habe: Ein Museum bewahrt das Schöne, Wahre und das Gute. Oft frage ich mich, wie auf die Schrecken der Zeit antworten? Jetzt ist zum ersten Mal wieder auf dem Balkan geschossen worden. Zwar vorläufig erst nur mit Tränengas und Blendgranaten, aber das Bild der Gewehre, die gegen Kinder gerichtet sind, hat mich tief verstört. Die globale Antwort auf dieses Unglück der Zeit ist vielleicht der Traum von einer anderen Welt. Eine andere Möglichkeit haben wir ja nicht.

News: Wo haben Sie in Wien gewohnt?

Peymann: Das Burgtheater hat mir eine kleine Wohnung in der Mahlerstraße zur Verfügung gestellt. Peter Handke war vor einer Woche hier in Wien. Zusammen mit den Schauspielern waren wir dann beim Eckel in Sievering. Die Premiere wollte er nicht sehen. Er kommt dann im März.

News: Die Zuwendung der Leute auf der Straße muss Sie doch freuen?

Peymann: Natürlich. Fast vierzig Abonnenten am Berliner Ensemble kommen aus Österreich. Die Leute spüren, da meint es jemand ernst. Aber ich werde nicht als Person geschätzt, sondern als Erinnerung, wie man sich an einem Klassenlehrer erinnert. Und ich hatte entschiedene Mitstreiter. Schauspieler wie Kirsten Dene, Martin Schwab und Gert Voss haben die Herzen der Zuschauer erobert. Und meine Ausgangsposition in Wien war damals denkbar günstig. Wien und speziell das Burgtheater waren fest in der Hand der Lodenbrigaden aus Schönbrunn, Sievering oder von sonstwo. Die Befreiung des Hauses aus den Händen dieser Schicht, und das Öffnen des Hauses für zeitgenössische, österreichische Dramatiker war vielleicht das Geheimnis meines Erfolges.

»Heute wäre ich ein ganz schlechter Direktor«

News: Was wäre, wenn Sie heute das Burgtheater übernehmen?

Peymann: Davor bewahre mich Gott. Aber heute wäre ich ein ganz schlechter Direktor. Denn heute wüsste ich, wie man in Österreich vorgeht. Ich war zwar immer froh, wenn das Haus voll war, aber ich könnte nicht mit dem Gefühl arbeiten, „die mögen mich“. Denn das bringt mir gar nichts, da landet man ganz schnell bei Harald Juhnke oder Otto Schenk.

News: Hätten Sie jemals gedacht, dass ihr Haus dem Konkurs nahe sein kann?

Peymann: Ich bin mit dem Geld immer ausgekommen und habe mein Budget nie überschritten. Ich habe gesagt, wenn ich das notwendige Geld nicht bekomme, gehe ich. Und ich habe es bekommen. Aber ich habe nie Schulden gemacht. Und dass jetzt auch noch Immobilien verkauft werden sollen, um das Budget auszugleichen, ist schon sehr österreichisch und sehr balkanesisch. Aber es wird doch sicher zu einem Happy End kommen. Matthias Hartmann wird zu seinem Geld kommen und Silvia Stantejsky bekommt mildernde Umstände und wird nicht in den Häfen müssen. Dieses Land ist ja nicht arm an so tragisch-komischen Geschichten. Dass es nun das Burgtheater, das Herz der österreichischen Identität trifft, ist besonders grotesk. Aber die Versuchung der persönlichen Bereicherung ist hier sehr groß, und auch deshalb ist Österreich, besonders Wien, schon Balkan.

Über Hartmann:

© Video: News.at

News: Haben Sie während Ihrer Proben am Burgtheater etwas von der Krise gespürt?

Peymann: Nein. Karin Bergmann arbeitet korrekt und mit Übereifer, wie ich sie kenne. Aber man muss aufpassen, dass sie nicht als Sparkommissarin missverstanden wird. Das Burgtheater braucht mehr Geld. Alle, die das übersehen, sind Zerstörer. Man muss alles tun, damit dieses Flaggschiff des deutschsprachigen Theaters erhalten bleibt. Denn das Burgtheater und das kulturelle Leben in dieser Stadt sind in Mitteleuropa einmalig. Berlin ist als Konkurrent fast aus dem Rennen, weil wir eine so verheerende Kulturpolitik haben, dass mir graut. Viele Theater sind schon verschwunden, insofern ist auch das Berliner Ensemble in Gefahr. Mein Nachfolger hat eine Vorstellung von Theaterarbeit, die mir für dieses grandiose Berliner Theater eine Nummer zu klein erscheint.

»Das einzige, das mich noch beschäftigt, ist, wo soll ich mich beerdigen lassen?«
© Video: News.at

Lesenswert: Peter Handke im News-Interview

Weiterführender Link: http://www.burgtheater.at/

Kommentare