Chronik von

Original Play:
Gefährliches Spiel?

Chronik - Original Play:
Gefährliches Spiel? © Bild: Shutterstock/ nd3000

Bei Kursen des Vereins Original Play toben fremde Erwachsene mit Kindern. Wegen Missbrauchsverdachts in Deutschland ist ihre Methode nun in Verruf geraten. News recherchierte die Erfahrungen in Österreich

Auf einer Turnmatte kniet ein Mann mit grau meliertem Haar, grauem Bart und einem Bauch wie der Weihnachtsmann. Er streckt seine Hände einem kleinen Buben entgegen, der vor ihm hockt. Nach kurzem Zögern ergreift sie das Kind. Der Bärtige lässt sich zur Seite fallen. Das Kind lässt los. Der Mann setzt sich noch einmal auf und greift das Kind erneut. Dieses Mal unter den Armen. Er zieht es zu sich, auf sich drauf. Die beiden kugeln über die Matte. Der Mann ist nicht der Weihnachtsmann. Er ist Fred Donaldson, ein US-amerikanischer Spielforscher, der vor vier Jahrzehnten das sogenannte Original Play entwickelt hat. Eine Methode, bei der fremde Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen rangeln und spielen.

Robin Riess hat das Video, auf dem der Amerikaner mit dem Buben und anderen Kindern herumtobt, bei Youtube online gestellt. Der 51-Jährige ist Sonderschullehrer und hat den Verein in Österreich im Jahr 2015 mitgegründet. Er kann die Bedenken nachvollziehen, die Eltern gegenüber der Methode haben. Deswegen will er aufklären: "Kinder brauchen Bewegung und Berührung, und da ist es eine naheliegende Sache, dass man körperlich miteinander agiert", sagt Robin Riess. Es gehe darum, dass Erwachsene aus ihren Rollen heraustreten und den Kindern als Spielpartner auf Augenhöhe begegnen. Die Kleinen sollten dabei lernen, Grenzen zu setzten, und gleichzeitig Vertrauen aufbauen. Alle Teilnehmer hätten zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, "stopp" zu sagen, sagt Robert Riess.

»Kinder brauchen Bewegung und Berührung, und da ist es eine naheliegende Sache, dass man körperlich miteinander agiert"«

In Verruf geraten ist der Verein in Deutschland durch eine gemeinsame Recherche von ARD und ORF. In einem Bericht der ARD-Sendung "Kontraste", der am vergangenen Donnerstag ausgestrahlt wurde und in dem Eltern aus Hamburg und Berlin berichten, dass ihre Kinder im Zusammenhang mit Original Play sexuelle Gewalt erlebt hätten.

Einrichtungen beenden das Spielen

Die aktuellen Vorwürfe nimmt der Verein hierzulande ernst, auch wenn bisher in Österreich kein Fall von Übergriffen oder Missbrauch bekannt sei. Insgesamt wurde das körperbetonte Spielen in über 100 Einrichtungen im ganzen Land angeboten. Darunter private und öffentliche Kindergärten, Schulen, Flüchtlingsunterkünfte. News befragte fast alle Institutionen und Einrichtungen, die der Verein selbst auf seiner Homepage nennt, nach ihren Erfahrungen mit Original Play. Von 125 angefragten Einrichtungen antworteten bis Redaktionsschluss am Dienstagabend 20. Die meisten Antworten waren positiv, einige wenige Pädagogen waren zumindest besorgt. Bei den meisten Einrichtungen wird die Zusammenarbeit mit dem Verein jetzt eingestellt. Fast alle Einrichtungen legten Wert darauf, zu erwähnen, dass immer ein eigener Pädagoge anwesend war und die Eltern vorab informiert wurden.

Die Organisation Kinderfreunde, die das Original Play in mehreren Kindergärten anbot, schwärmt von den Vorteilen. Der nonverbale Spielverlauf sensibilisiere die Kinder dafür, auf Reaktionen, Mimik und Gestik der Spielpartner zu achten. "Diese Förderung der Empathie hat sich sehr positiv auf die Kinder und die Gruppendynamik ausgewirkt", sagt Michaela Müller-Wenzel von den Kinderfreunden. Auch beim Verein "Mit Pferden helfen" in Niederösterreich ist man überrascht, dass dieses Spiel missbräuchlich genutzt werden könnte. "Alle Teilnehmer sind regelmäßig sehr stark berührt von der respektvollen, vorurteilsfreien und wohlmeinenden Haltung, die Fred Donaldson beim 'Mit-dem-Herzen-Spielen' vermittelt", sagt Anke Huber. Auch das Eltern-Kind-Zentrum in Graz bot das Original Play an. Die wenigen Teilnehmer seien "sehr positiv angetan" gewesen, heißt es vom Zentrum. Die Diakonie bot es in einem Flüchtlingsheim gratis an. Zumindest negative Vorfälle seien nicht bekannt. Auch bei den Montessori-Kids war man "immer zufrieden". Das Bildungszentrum St. Benedikt in Seitenstetten (Niederösterreich) empfand das Angebot als eine "sehr behutsame und wertschätzende Methode". Zumindest aus zwei Antworten wird deutlich, dass es sehr wohl auch Pädagogen gab, denen das Rangeln zwischen Erwachsenen und Kindern komisch vorkam.

Kritik von Behörden und Experten

Jetzt wird auch die Volksanwaltschaft tätig. Sie will recherchieren, wie viele Einsätze von Original Play es jeweils in den Kindergärten und Schulen gegeben hat und ob es auch schon zu Beschwerden gekommen ist. "Auch ob die Eltern vorab über den Einsatz des Vereins an den betreffenden Bildungsstätten informiert wurden, würde uns interessieren", so die Volksanwaltschaft in einer Aussendung. Zumindest in Niederösterreich darf der Verein vorerst nicht weiter tätig sein.

Nicht nur Behördenvertreter, sondern auch Therapeuten kritisierten die Methode. Körperbetontes Spielen sei, wie Experten betonen, zwar für Kinder wichtig, jedoch mit Vertrauenspersonen wie den Eltern. "Ich glaube auch nicht, dass das Kindern besonders Spaß macht, so etwas mit Fremden zu tun", sagt die Kinderpsychologin Valerie Reich-Rohrwig. Sie meint, ein übler Nachgeschmack bleibt dann, wenn es um viel Berührung geht, vor allem wenn es über das übliche Maß einer Betreuung hinausgeht.

Der Verein in Österreich will zumindest Konsequenzen aus den Verdachtsfällen in Deutschland ziehen. Sogenannte Sicherheitsrichtlinien will Original Play für Institutionen publik machen. Außerdem soll noch mehr darauf geachtet werden, dass immer ein Pädagoge der Einrichtung beim Spielen anwesend ist und dass Eltern vorab informiert werden.

Robin Riess freut sich indes über das Interesse am Verein. Sein Youtube-Video ist seit fünf Jahren online und wurde bis vor einer Woche etwa 30.000-mal angeklickt. Dann berichtete die "ZiB 1" über den Missbrauchsverdacht. Seitdem sind es doppelt so viele Klicks. Robin Riess findet, dass das nicht so schlecht sei.

News befragte 125 Einrichtungen und Institutionen, die das Angebot von Original Play in Anspruch nahmen, nach ihren Erfahrungen

"Ich persönlich habe das Angebot Original Play als eine sehr behutsame und wertschätzende Methode kennengelernt, natürlich unter der Voraussetzung, dass die Grundsätze des Original Play eingehalten werden." Bildungszentrum St. Benedikt

"An zwei Tagen waren dann zwei Männer in unserer Einrichtung -im Beisein der Kollegin. Ich habe mir das dann auch angeschaut und gleich die ärgsten Bedenken gehabt - wir haben seither keinen Kontakt zum Verein." Kindergarten St. Paul/Terrassenhaus in Graz

"Nach dem Spiel wurde über Grenzensetzen, über die Erfahrungen, die die Kinder gemacht haben, reflektiert. Die Kinder und auch wir waren begeistert und sie reden heute noch davon und wollten auch von sich aus immer wieder spielen." Auf Wunsch anonym

"Die Stunden waren -laut Auskunft der Schulleiterin -unauffällig, die Kinder spielten nur freiwillig und viel miteinander. Trotzdem hatten die Schulleiterin und die damalige Stellvertreterin ein pädagogisch begründet 'unangenehmes Gefühl', weswegen diese Kooperation beendet wurde." Bildungsdirektion Wien

"Die Eltern begrüßten dieses Angebot bis zum Sommer 2019. Jetzt, nach der Meldung im ORF und Co., gibt es eine große Diskussion, und sie möchten sich von diesem Verein distanzieren." Montessori-Kids

"Es gab ein Gratisangebot des Vereins in einem Flüchtlingsheim der Diakonie. Die Traumatherapeutin und die pädagogische Leitung des Hauses waren während des Spielens anwesend. Negative Vorfälle sind nicht bekannt. Bis zur vollständigen Klärung der Vorwürfe gegen den Verein ist das Angebot eingestellt." Diakonie

Update: Bildungsministerin Iris Rauskala untersagt den in ihre Zuständigkeit fallenden Bundesschulen de facto den Einsatz des Vereins "Original Play" - und rät anderen pädagogischen Einrichtungen in einem Erlass "dringend" davon ab. Dies berichtete die "Zeit im Bild" am Mittwoch, den 6.11.2019

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News-Ausgabe Nr. 44/19

Kommentare