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Über diese Lehrerin
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Chronik - Über diese Lehrerin
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Entgleiten Schulkinder zusehends in die Welt des islamischen Glaubens? Tobt, ignoriert von der Mehrheitsgesellschaft, ein „Kulturkampf im Klassenzimmer“? Susanne Wiesinger, Lehrerin und Autorin des gleichnamigen Buches über Wiener Brennpunktschulen, im Interview.

Seit Tagen diskutiert das Land über diese Frau und dieses Buch. Susanne Wiesinger, seit Jahrzehnten Pflichtschullehrerin in Wien, schildert in „Kulturkampf im Klassenzimmer“ drastisch, wie sich die Zustände in der Neuen Mittelschulen in Favoriten, in der sie unterrichtet, verändert haben – wie sie sich unter dem zunehmenden Einfluss des Islam verändert haben. Bereits im März hatte sie der Rechercheplattform „Addendum“ ein Interview gegeben, in dem sie offen über die Probleme an Wiener Schulen sprach. Nicht zur Freude aller. Die Kritik an den Enthüllungen der Ex-SPÖ-Lehrergewerkschafterin und Personalvertreterin waren heftig. Langjährige Wegbegleiter wandten sich von ihr ab. Die Sorge, den Rechten in die Hände zu spielen, plage sie auch selbst, erzählt Wiesinger. Aber es sei nicht anders gegangen. Damit sich etwas ändern könne, müsse man darüber reden. Ohne Tabus.

Das Treffen mit Susanne Wiesinger findet unweit der Wiener Innenstadt statt. Ein schöner Gastgarten, buntes Publikum. Wien, wie viele es kennen und lieben. Aber es gibt auch eine andere Seite diese Stadt. Nicht weit von hier, nur ein paar Stationen mit der S-Bahn. „Wir laufen einem schönen Ideal hinterher, der multikulturellen Gesellschaft“, sagt Wiesinger. „Das, was wir jetzt haben, ist nicht multikulturell. Es ist eine Parallelgesellschaft, manchmal sogar eine Gegengesellschaft.“

Die Lehrerin, über die gerade ganz Österreich spricht, will sich nicht wichtig machen. Dass News ein Foto von ihr bringen möchte, versteht sie, aber bitte nicht zu groß. Sie ist eine witzige, eloquente Gesprächspartnerin. Neugier, Empathie und Humor seien die wichtigsten Eigenschaften in ihrem Beruf, erzählt sie. Und die Zuneigung zu den Kindern.

© edition qvv „Mir liegen die Mädchen besonders am Herzen, weil ich sehe, wie benachteiligt sie sind“ Susanne Wiesinger, Lehrerin an einer NMS in Favoriten

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Frau Wiesinger, sind Sie gerne Lehrerin?
Sehr gerne. Trotz allem. Und manchmal würde ich sogar sagen, deswegen. Ich wollte immer einen gewissen Sinn in meiner Arbeit sehen. Und diese Arbeit ist, so geringe Erfolge man erzielt, wirklich sinnvoll. Weil sich sehr wenige in der Mehrheitsgesellschaft wirklich mit diesen Kindern auseinandersetzen. Jeder glaubt, mitreden zu können, und keiner weiß wirklich, wie es ist.

Der viel strapazierte Begriff von der Parallelgesellschaft, ist da in Ihren Augen was dran?
Ja. Die Parallelgesellschaft ist sogar noch ausgeprägter, als sie vor zehn Jahren war. Mit den muslimischen – vor allem mit den türkischen – Kindern wird es immer schwieriger. Sie grenzen sich ganz bewusst von unserer Gesellschaft ab. Früher wollten sie eigentlich dazugehören und wurden stark diskriminiert. Dann haben sie sich zurückgezogen. Und dann kam auch noch der Einfluss von außen, Erdoğans, der Moscheegemeinschaften und so weiter. Klar, wenn sich ein Mensch abgelehnt fühlt, wendet er sich woanders hin, wo er Anerkennung bekommt.

Ist das bei den Kindern in Ihrer Schule, einer NMS in Favoriten, auch schon so stark ausgeprägt?
Nein. Die Kinder sind zerrissen. Die wollen eigentlich schon zu unserer Gesellschaft gehören. Sie leben hier und sind sogar hier geboren. Sie sind eigentlich Österreicher. Das Problem ist aber, sie wohnen kaum in den Vierteln, wo Menschen sind, die sie vielleicht akzeptieren würden. Sie wohnen nicht in Bobo-Vierteln, sie wohnen im 10. Bezirk, in Simmering, in Floridsdorf, im 20. Bezirk. Wir laufen einem schönen Ideal hinterher, nämlich der multikulturellen Gesellschaft, aber die funktioniert nicht so einfach. Das, was wir jetzt haben, ist nicht multikulturell. Es ist eine Parallelgesellschaft, manchmal sogar eine Gegengesellschaft. Damit meine ich, dass unsere Kultur und unser Lebensstil ganz dezidiert abgelehnt werden. Dass sie sich überlegen fühlen und ihre Werte auch stärker sind als unsere.

Wir vertreten unsere Werte nicht selbstbewusst genug?
Genau. Und in ihren Augen haben wir oftmals keine.

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Die Lektüre von „Kulturkampf im Klassenzimmer“ ist schmerzhaft. Das Buch beginnt mit der Schilderung der Reaktionen der Schüler auf die Anschläge auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2015 in Paris. Viele feierten die Attentäter wie Helden, schreibt Wiesinger. „An dem Tag wurde mir bewusst, wie stark der konservative bis fundamentalistische Islam unsere Schüler beeinflusst, wie sehr diese Religion die Gedanken der Kinder beherrscht.“ Es sind die kleinen Dinge in Wiesingers Buch, die besonders nachdenklich stimmen. Der Bericht über eine neue Lehrerin etwa, die sich der Klasse „sympathisch und herzlich“ vorstellte. Ob sie verheiratet sei, wollte die Klasse wissen. Nein, antwortete die junge Frau, sie lebe mit ihrem Freund zusammen. „Die freundliche Stimmung kippte“, schreibt Wiesinger. „Die Begrüßung entwickelte sich zu einem moralischen Tribunal.“ An anderer Stelle erzählt sie, dass sie sich nicht mehr traue, einen langjährigen Freund und Kollegen in der Schule zu umarmen. „Würde wir das vor den Schülern machen, hätten wir ein sittliches Problem. Denn wir sind beide verheiratet. Eine Umarmung, wenn auch nur unter Freunden, wird sofort moralisch verurteilt.“

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Sie müssen sich an Ihre Schüler mittlerweile anpassen?
Natürlich. Wenn man in der Minderheit ist, passt man sich an. Früher war das Viertel rund um meine Schule gemischt, mit Kroaten und Serben, Polen, Bulgaren, Türken, Albanern. Jetzt wird es immer stärker muslimisch geprägt. Die anderen ziehen weg. In den 23., in die Innenbezirke oder überhaupt nach Niederösterreich. Die Migranten sind keine Einheit, ganz im Gegenteil.

Sie beschreiben, dass Sie sich zerrissen fühlen, weil sie den Rechten nicht in die Hände spielen wollen. Andererseits hielten Sie es für notwendig, diese Probleme zu thematisieren.
Das ist für mich auch eine Hauptmotivation, diese Dinge doch öffentlich auszusprechen, auch wenn es furchtbar in die Hose gehen könnte. Diese Fragen den Rechten zu überlassen, das ist der größte Fehler, den wir begangen haben. Wir – damit meine ich konkret die Linken, weil ich mich noch immer als links sehe. Das Verschweigen, das Kleinreden, das Verharmlosen, das war ein großer Fehler. Das ist auch eine Form des Rassismus.

Inwiefern?
Nicht so, wie es die Rechten machen. Aber indem ich Probleme, die wirklich da sind, verharmlose und negiere und mir Zugewanderte ein bisschen wie nette Wilde vorstelle, lege ich eine Form von Kolonialdenken an den Tag. Ein Überlegenheitsdenken. Aber ernst nehme ich diese Kinder und Familien nur, indem ich mich wirklich mit ihnen beschäftige. Wenn ich ihnen auf Augenhöhe begegne, bemerke ich, die haben ganz schön viel zu sagen. Auch wenn das, was sie sagen, uns vielleicht nicht gefällt.

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Die Brisanz von Susanne Wiesingers Enthüllungen besteht nicht nur in der Beschreibung der Zustände in den Klassenzimmern, sie übt auch harte Kritik am Stadtschulrat, dem Jugendamt, der Gewerkschaft. Im Buch blitzt manchmal ein Zynismus auf, den sie sich im richtigen Leben – im Umgang mit den Schülern – ganz streng verbietet, erzählt sie.

Ihre Kritik und die vieler Kollegen stoße seit Jahren auf taube Ohren. „Wenn wir erzählen, dass Mädchen ohne Kopftuch als Schlampen beschimpft werden, dass selbsternannte islamische ,Kleidungspolizisten‘ andere tyrannisieren, dann lautet die Empfehlung, diese Themen im Unterrichtsfach ‚Soziales Lernen‘ zu besprechen. Im schlimmsten Fall kommen dann auch noch Beraterinnen in die Klasse und machen ein ‚Gender-Projekt‘ mit den Schülern. Glauben die wirklich, ein Referat über das Binnen-I hilft uns in diesem Kulturkampf?“

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Muss man bei den Kindern oder bei den Eltern ansetzen?
Bei beiden. Aber mittlerweile stärker bei den Eltern und bei jenen, die sie beeinflussen. Die Eltern sind oft selbst hilflos. Sie wollen alles richtig machen. Aber es zählt nur die Community, die Familie. Da müsste man ansetzen und sie stärken. Aber da brauchen wir Lehrer mehr Unterstützung.

Von Sozialarbeitern?
Eigentlich ja. Aber die Jugendämter funktionieren ja auch nicht. Es braucht jemanden, der Kontakt zu den Schulen hat, sofort herkommt und die Familien wirklich betreut.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass sich Jugendamt-Mitarbeiter von sauberen Kleidern und einem gedeckten Tisch täuschen lassen …
Oh ja. Sie kümmern sich nur um die Härtefälle. Und das sind für sie Kinder aus Messie-Haushalten, Kindern mit drogensüchtigen Eltern, Alkoholikereltern etc. Und das sind ganz oft Österreicher oder sehr gut Integrierte.

Man traut sich nicht so hart durchzugreifen wie bei den eigenen Leuten?
Genau. Es ist auch diese Scheu vor der anderen Kultur, vor dem Fremden. Vielleicht herrscht ja doch im Kopf bei vielen noch ein verklärtes Bild vor. Ich glaube, dass man sich davon echt freimachen muss, wenn man genau hinschauen will.

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Die Pflichtschule ist für viele Kinder der letzte Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft. Danach ziehen sich vor allem viele Mädchen komplett in ihre Communitys zurück. Wiesinger thematisiert in ihrem Buch auch das heikle Kapitel Zwangsverheiratung. Die Mädchen selbst nennen es „Vermittlung“, schreibt sie, und finden es überhaupt nicht schlimm, dass sie jemanden heiraten sollen, den sie nicht kennen. „Ich dagegen schon. Wie normal es für diese Kinder ist, erschreckt mich. So etwas sollte in Österreich nicht üblich sein. Ist es aber leider.“

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Was passiert mit den Kindern nach der Schule?
Sie versuchen natürlich alle, auf weiterführende Schulen zu gehen, werden aber teilweise nicht genommen, weil ihr Zeugnis zu schlecht ist. Oder sie werden genommen und fliegen nach einem Jahr raus, weil sie dem Druck nicht standhalten oder ihnen die Vorkenntnisse fehlen. Das ist bezeichnend. Leute, die von einem Gymnasium mit lauter Vierern kommen, schaffen es in einer weiterführenden Schule, aber Kinder, die von uns mit Einsern und Zweiern kommen, schaffen es nur schwer.

Sie sprechen in ihrem Buch das Thema Zwangsverheiratung an.
Es ist bei vielen so, dass während der Schulzeit schon ein Ehemann ins Auge gefasst ist. Der ist meistens aus dem Familienverband, irgendein Cousin zweiten Grades, auch ersten Grades. Der Weg unserer Mädchen ist ganz oft: kurze Ausbildungsphase, mit 18 heiraten und Kinder kriegen.

Und die Burschen?
Mir liegen die Mädchen sehr am Herzen, weil ich sehe, wie benachteiligt sie sind. Aber auf den Buben lastet ein enormer Druck. Es wird so viel von ihnen erwartet. Dass sie auf die Schwestern aufpassen, dass sie mindestens Arzt oder Architekt werden. Sie wollen alle „Boss“ werden und so viel Geld haben wie Ronaldo. Sie haben überhaupt keine realistische Einschätzung.

Diese Enttäuschungen machen empfänglich für radikale Ideologien?
Klar. Das war schon einmal schlimmer. Aber es ist nicht weg, es brodelt und kann jederzeit wieder hochgehen. Von außen ist das alles ganz leicht zu erklären, aber wenn man da mittendrin arbeitet, spürt man die Gefahr. Wir haben schon manchmal diesen unglaublichen Hass erlebt. Auf die Gesellschaft, aber auch auf sich selbst – weil man nicht erreichen kann, was man eigentlich will.

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Wenn etwas im Unterricht noch funktioniere, sagt Susanne Wiesinger, dann die Beziehung zu den Kindern. Trotz aller Missverständnisse und Enttäuschungen. Die zum Beispiel entstehen, wenn sich vor dem Wochenende noch alle auf eine „Zauberflöte“-Aufführung in der Volksoper freuen, eine plötzliche Häufung von türkischen Spontanhochzeiten dann aber das Erscheinen der halben Klasse verhindert.

Aber, heißt es im Nachwort von „Kulturkampf im Klassenzimmer“, „wenn ich eine Volksschule aus einer Privatschule in Wien oder aus dem Kärntner Lesachtal sehe, fehlt mir etwas, und ich finde diesen Anblick fast befremdlich. Diese Klassen entsprechen nämlich auch nicht der Zusammensetzung der österreichischen, vor allem jungen, Bevölkerung.“

Was kann man tun, um die Situation zu verbessern? In einem ersten Schritt: Offen darüber reden, meint Wiesinger. Gemeinsam dafür sorgen, dass der Glaube im täglichen Leben in den Hintergrund rückt.

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Jetzt werden Sie auch nicht die Welt retten …
Nein. Das habe ich schon lang aufgegeben.

Aber welchen Weg muss man finden?
In einem ersten Schritt müssen wir diese Probleme thematisieren, nicht auf einer rechtspopulistischen, sondern auf einer sachlichen Ebene. Und zwar quer durch alle Ideologien und über Parteigrenzen hinweg.

Um dann in einem weiteren Schritt über konkrete Lösungen nachzudenken?
Möglicherweise mache ich es jetzt öffentlich, weil es mir über Jahre hinweg nicht gelungen ist, im System jemanden wachzurütteln. Auch wenn ich es probiert habe.

Welche Reaktionen haben Sie da bekommen?
In Vieraugengesprächen eigentlich ausschließlich Zustimmung. Die Leute haben auch selber darüber gesprochen mit mir – selbst Politiker. Aber im innerfraktionellen größeren Rahmen wurde komplett abge­blockt. Ich denke, da geht es um Ideologie und dogmatisches Denken. Die Rechten besetzen das, wir besetzen das. Und umgekehrt. Das geht es einfach nur mehr um Parteilinie, um nichts anderes.

Wenn Sie an Ihre Schule denken, was müsste man verbessern? Mehr Förderung ist nicht der Weg, schreiben Sie.
Es gibt ein Förderangebot, aber sie nehmen es nicht an. Ich glaube, es braucht mehrere Ebenen. Es braucht mehr Durchmischung, zur Not gelenkt. Unsere Landesregierung mischt sich in ganz viele Sachen ein. Bis hin zu Anzahl der Klobesen pro Lehrerklo, das ist kein Witz. Aber in die Lenkung von Schülerströmen mischen sie sich nicht ein. Genau das sollte sie aber tun – auch gegen den Willen der Eltern. Und dann erfolgt natürlich die Trennung viel zu früh. Schon mit zehn Jahren heißt es, die Guten in Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen. Ethikunterricht statt Religionsunterricht ab der Volksschule. Und ganz wichtig wäre auch, dass man restriktiver mit den Eltern wird. Sprich: indem man straft. Wenn Mädchen im Schwimm­unterricht fehlen oder bei Nichterscheinen in einer der Förderstunden. Und man sollte mehr Druck ausüben, dass muslimische Kinder ganztägige Schulangebote annehmen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 37 2018