Christoph Schlingensief von

Posthume Memoiren

Erinnerungsband "Ich weiß, ich war's" kommt Künstler noch einmal sehr nahe

Cover von Schlingensiefs "Ich weiß, ich war's" © Bild: APA/EPA/Stache

Er ist zum Weinen traurig und zum Schreien komisch - der Erinnerungsband "Ich weiß, ich war's" von Christoph Schlingensief, der - posthum herausgegeben von seiner Witwe Aino Laberenz - jetzt im Handel erhältlich ist. Zwischen ganz privaten Erzählungen über seine Hochzeit, seine Kindheit in Oberhausen und seinen verzweifelten, doch letztlich vergeblichen Kampf gegen seine Krebserkrankung und vielen Erinnerungen an wesentliche künstlerische Stationen kommt einem der vor zwei Jahren gestorbene Ausnahmekünstler, der zwischen Leben und Kunst nie trennen wollte und stets aufs Ganze ging, noch einmal sehr, sehr nahe.

Er hat es, bei aller bubenhaften Schlitzohrigkeit, immer ernst gemeint. Das ist eine Erkenntnis, die man aus dieser Sammlung von auf Band gesprochenen Erinnerungen, Mitschnitten von persönlichen Statements im Rahmen seiner Theater- und Leseabende, Blog-Einträgen, E-Mails, Texten und Dokumenten gewinnen kann. Er wundert sich tatsächlich, wenn er in Bayreuth bei der Arbeit am "Parsifal" immer wieder mit der Frage konfrontiert wird: "Ist das Ihr Ernst, Herr Schlingensief?" Er ist wirklich enttäuscht, wenn nicht Hunderttausende Arbeitslose an den Wolfgangsee reisen, um beim gemeinsamen Bad den Sommersitz Helmut Kohls zu fluten. Und er staunt bei Dreharbeiten zu seinem Film "United Trash" in Simbabwe ganz naiv über die Zeitungsschlagzeile "Deutsche Filmcrew dreht rassistisch-pornografischen Film": "Ach guck, wer ist das denn? Dreht da noch irgendwer?" Kurz danach schnappen die Handschellen zu.

Es sind grandiose Geschichten, die Schlingensief erzählen kann. Von seiner Reise zu den Filmfestspielen Venedig, als der Apothekersohn sich über Wim Wenders Vater, einen Oberhausener Chirurgen, einen Termin bei dessen Sohn besorgte, um ihn um Intervention bei der Aufnahme auf die Filmhochschule zu bitten ("Und tatsächlich, fünf nach zwei kam Wim Wenders rein. Mit Isabella Rossellini!"). Von seiner Affäre mit Tilda Swinton ("Ich konnte kaum Englisch und sie konnte kein Wort Deutsch, aber das machte nichts, wir haben sowieso nur geweint und geknutscht, immer abwechselnd."). Oder von seinem Engagement in Bayreuth, wo der dort regierende Wahnsinn noch um einiges größer war als sein eigener.

"Diese Arbeit in Bayreuth war, egal wie groß der Stress und die Gehässigkeiten, die Verachtung und der Widerwille an diesem Ort geschürt wurden, für mich die größte Freude, die man mir jemals bereitet hat", resümiert Schlingensief und beschreibt eine bewegende Abschiedsszene mit Wolfgang Wagner: "'Gell, das war schon toll! Das war eine tolle Sache mit uns. Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?' und da habe ich 'Ja, Herr Wagner' gemurmelt und musste fast heulen."

Doch es geht Schlingensief in diesen Erinnerungen nie um Anekdoten, sondern immer um seine Arbeit. Mit der hat er stets nach den Sternen gegriffen. "Kunst muss verändern!", lautete sein Credo - die Welt, die Gesellschaft, die Zuschauer oder wenigstens die Akteure selbst. Doch immer wieder wurde er als Kunstbetriebs- und Selbstdarstellungs-Clown diffamiert. Nach Lektüre von "Ich weiß, ich war's" kann man erahnen, wie sehr ihn das getroffen hat.

Exemplarisch dafür scheinen seine Erfahrungen mit dem "Ausländer raus!"-Container bei den Wiener Festwochen 2000: "Die ersten zwei Tage passierte eigentlich gar nichts. Das Ganze wirkte ein bisschen wie abgestandenes Essen. Aber durch die Penetranz der Menschen, die sich vor dem Container versammelten und schimpften und diskutierten, kam immer mehr Energie in die Sache, und sie fing langsam an, sich selbst zu tragen. (...) Solche Schnittstellen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Leben und Kunst habe ich wohl häufig berührt, nicht nur während dieser Woche in Wien. Ich habe gedacht, ich bin in der Realität, musste aber erkennen, dass um mich herum die Situation niemand ernst genommen hat. Oder ich selbst hab die Situation nicht ernst genommen und plötzlich gemerkt, wie ernst und bitter sie ist."

Als Schüler schrieb Schlingensief in einer Erörterung über die Erwartungen an seinen Traumberuf Regisseur. Zu dieser Zeit organisiert er bereits aufwendige Dreharbeiten und telefoniert vom Wohnzimmer der Eltern aus mit Hollywood. "Sicher werde ich nun in den Augen von ein paar als völlig verrückt angesehen, aber es stimmt, dass ich das Gefühl haben muss, voll gefordert zu werden", schrieb der 15-Jährige. Dieses Gefühl hat er in seinem kurzen, 49 Jahre umfassenden Leben voll ausgekostet.

Info:
Christoph Schlingensief: "Ich weiß, ich war's"
Kiepenheuer & Witsch
304 S.
20,60 Euro

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