Fragwürdige Entscheidung von

Christian Deutsch: SPÖ befördert erfolglosen Wahlkampfmanager

Er verantwortete Rendi-Wagners Wahlkampf - nun wird er Bundesgeschäftsführer. Boykott der Jungen.

Rendi-Wagner Deutsch © Bild: APA/Punz

Es ist wohl über die Landesgrenzen hinweg eine Rarität, die von der SPÖ am Montag aufgetischt wurde: Der Manager jenes Wahlkampfs, der die Partei zum mit Abstand schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte geführt hat, wird befördert. Christian Deutsch löst Thomas Drozda als Bundesgeschäftsführer ab. Boykottiert wurde diese Entscheidung von der Jugend-Organisation, der SJ.

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Die Kür erfolgte zuletzt einstimmig, obwohl es doch einige in der Partei gibt, die leicht verzweifelt mit den Augen rollen. Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser hatte heute gefordert: "Wir müssen mehr junge Menschen und vor allem auch Frauen in der Partei an wichtige Positionen bringen." Die Antwort der Parteispitze war die Kür eines 57-jährigen Mannes zum Manager der Sozialdemokratie.

Deutsch mit viel Erfahrung und großem Vertrauen

Wie es dazu kommen konnte, ist relativ leicht erklärt. Parteichefin Pamela Rendi-Wagner erklärte am Abend, sie vertraue Deutsch zu 100 Prozent. Mindestens genauso empfinden die Zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures und Wiens Bürgermeister Michael Ludwig, deren Intimus der Bundesgeschäftsführer seit vielen Jahren ist - und beider Wort hat in der Partei noch immer starkes Gewicht. Dazu rissen sich nicht gar viele um den Job, und wenn man dem neuen Parteimanager etwas zugestehen muss, dann viel Erfahrung.

Wohnen war seine Spezialität

In der Jugend demonstrierte der gebürtige Linzer noch gegen das von der heutigen SPÖ-Legende Bruno Kreisky verfolgte AKW Zwentendorf, um dann trotzdem eine lupenreine Parteikarriere hinzulegen. Basis war wie für so viele rote Spitzen die Sozialistische Jugend, in deren Wiener Landesgruppe er sich erstmals Sekretärssporen verdiente. Fachlich war das Wohnen seine Spezialität, er verbrachte auch etliche Jahre in der Mietervereinigung.

Gemeinderat in Liesing

Die politische Heimat des dreifachen Vaters war stets Liesing, was sich insofern gut traf, als frühe Weggefährten wie Werner Faymann und Bures schöne Karrieren machten. Deutsch selber blieb derweil in der Stadtliga, war zunächst Bezirkssekretär eben in Liesing, vor allem aber auch Gemeinderat - erstmals kurz in den 1990ern, seit dem Jahr 2001 dient er ununterbrochen im Stadtparlament.

Nicht unbedingt der charmante Kommunikator

Das erste echte Karriere-Hoch ergab sich mit seiner Bestellung zum Wiener Landesparteisekretär. Schon damals war der ein oder andere überrascht, gilt Deutsch, der mit der früheren Wasserspringerin Anja Richter zwei Kinder hat, nicht unbedingt als charmanter Kommunikator. Für ihn sprach schon damals vor allem seine Kenntnis der Partei und ein vermutetes Organisationstalent.

Häupl setzte Deutsch ab

Bürgermeister Michael Häupl war immerhin erst nach sechs Jahren doch nicht mehr so begeistert vom bekannt akribischen Wirken seines Managers und setzte Deutsch ab - eine folgenschwere Entscheidung, wie sich zeigte. Denn Deutsch war es dann, der die Debatte um den Abtritt des Stadtchefs führend und für seine Verhältnisse überraschend öffentlich vorantrieb. Auch bei der Kür von Michael Ludwig hatte Deutsch dann gleich seine Finger im Spiel.

Kein Kern-Fan

Bei der delikaten personellen Neuaufstellung der Stadtpartei durch den neuen Bürgermeister fiel er durch, doch hatte ihn sein Weggefährte nicht vergessen und empfahl Deutsch zur allgemeinen Überraschung als Wahlkampf-Manager für Pamela Rendi-Wagner, was nicht weniger als den Anfang vom Ende von Thomas Drozda als Bundesgeschäftsführer einleitete. Von der neuen Chefin hielt Deutsch sichtlich mehr als von Vorgänger Christian Kern, den er auf sozialen Medien ins Visier nahm und dem er seinen überstürzten Abgang bis heute nicht verzeiht.

Jetzt gibt es keine Ausreden mehr

Dass er in seiner neuen Funktion nicht reüssiert hat, wird nicht nur Deutsch zuzuschreiben sein. Schon davor lag in der Sozialdemokratie einiges im Argen, die Trendwende schaffte er aber eben auch nicht. Jetzt rückt er noch eine Stufe nach oben, wo es keine Ausreden mehr gibt. Deutschs Glück: nationale Wahlen dürften in nächster Zeit nicht zu schlagen sein, womit er Zeit hat, allfällige Visionen umzusetzen.

Jugend gar nicht erfreut

Gar nicht erfreut über die Wahl Deutschs zum Bundesgeschäftsführer war die Jugend-Organisation der SPÖ. Sie verließ geschlossen die Sitzung des Vorstandes, womit sie aber auch ein einstimmiges Votum möglich machte. Auch dass SJ-Chefin Julia Herr möglicherweise kein Mandat erhält, weil Thomas Drozda im Nationalrat bleibt, ärgert die Jungen.

Seitens der Jungen Generation hieß es zur Vorstandssitzung: "Es braucht eine umfassende organisatorische, strukturelle und personelle Neuaufstellung und keine unüberlegten Schnellschüsse."

Herr: Diskussion war "sinnlos"

SJ-Chefin Julia Herr twitterte exakt das selbe und bedauerte, dass sie nach der Sitzung das Gefühl habe, "dass wir das noch öfter fordern müssen bis wir das umsetzen". Die Sitzung habe sie verlassen, weil die Diskussion "sinnlos" gewesen sei.

Keine harmonische Sitzung

Tatsächlich dürfte es im Vorstand ziemlich hoch her gegangen sein, speziell zwischen der Jugend und der Zweiten Nationalratspräsidentin Doris Bures, eine der Erfinderinnen des Bundesgeschäftsführers Deutsch. Im "Kurier" wird der Satz kolportiert: "Die Jugendorganisationen sind der Untergang der Sozialdemokratie." Bures ließ das bestreiten und will gesagt haben:"Wenn wir nicht solidarisch miteinander umgehen, ist das der Untergang der Sozialdemokratie." Sitzungsteilnehmer haben unterschiedliche Erinnerungen, welche Variante jetzt die richtige ist. Auch Julia Herr betonte im Gespräch mit der APA , dass dieses Zitat von Doris Bures so nicht gefallen sei.

Fällt Herr um Mandat um?

Sauer ist man bei den Jungen auch, weil Herr wieder einmal um ein Mandat umfallen könnte. Ändern die paar tausend Briefwahl-Stimmen am Donnerstag nichts mehr, wird es für die SJ-Chefin schwierig. Dann müsste nämlich die Wiener Landespartei auf eines ihrer Mandate verzichten, wovon nicht auszugehen ist. Rein käme Herr auch, wenn Drozda nach seinem Rückzug als Bundesgeschäftsführer auf sein Mandat verzichten würde, was er nach eigenen Angaben aber nicht tun wird. Dazu, ob Drozda auf sein Nationalratsmandat verzichten soll, wollte sich Herr gegenüber der APA nicht äußern. Überhaupt wollte sie die personellen Entscheidungen in der SPÖ nicht kommentieren.

Harte Kritik von Ex-Kern-Berater

Herbe Kritik an der Bestellung von Christian Deutsch äußerte auch Rudi Fußi, Pr-Berater und einstiger Berater von Ex-SPÖ-Chef Christian Kern. Er veröffentlichte ein Video mit harten Worten und kritisierte die Ernennung Deutschs sowie auch die Ansage Rendi-Wagners, man wolle den Weg so weitergehen. "Es ist so eine Verarschung", so Fußi.

Zur Person: Christian Deutsch, geboren am 27. Februar 1962 in Linz, Vater zweier Töchter und eines Sohns, verheiratet mit Ex-Turmspringerin und Faymann-Sprecherin Anja Richter. 1983-1987 Landessekretär der Sozialistischen Jugend, 1989-1996 Bezirkssekretär der SPÖ Liesing, 1995-1996 sowie seit 2001 Abgeordneter zum Wiener Landtag, 2008-2014 Landesgeschäftsführer der Wiener SPÖ, 2019 Wahlkampfleiter der SPÖ bei der Nationalratswahl, mit Oktober 2019 Bundesgeschäftsführer der SPÖ.